Gegen 1.15 Uhr in der Nacht zum 2. Juli 2026 alarmierte eine Bewohnerin des Wohnprojekts „Zelle 79" in Cottbus die Polizei. Sie hatte einen lauten Knall gehört, war ans Fenster getreten und hatte zwei schwarz gekleidete Männer gesehen, die Flaschen gegen die Hausfassade warfen. Die Bewohnerin, die sich in Berichten mit dem Namen Fabi Buchholz nennt, filmte die Männer mit dem Handy und rief sie an, wegzugehen. Die Angreifer riefen zurück, die Bewohner sollten herunterkommen – und warfen dann die Brandsätze, obwohl sie wussten, dass Menschen im Haus waren. Polizeisprecher Sascha Erler bestätigte am Morgen: „Es hätten Menschen verletzt oder gar getötet werden können."
Was die Polizei am Tatort feststellte
Die Beamten löschten einen kleinen Brand an der Fassade. Verletzt wurde niemand. Die beiden Tatverdächtigen, die in Täterbeschreibungen auf 15 bis 20 Jahre geschätzt werden, flohen unerkannt. Einer soll am linken Unterarm tätowiert gewesen sein und eine Sturmhaube in den Farben Schwarz, Weiß und Rot getragen haben – den Farben des Deutschen Reichs. Der andere trug ein Langarm-Shirt mit weißem Aufdruck.
Die Polizei ging unmittelbar von einem rechtsextremistischen Hintergrund aus. Staatsschutz und Mordkommission bildeten noch in der Nacht eine gemeinsame Ermittlungsgruppe. Der Tatbestand, unter dem ermittelt wird, ist versuchter Mord: Die Bewohner schliefen zum Zeitpunkt des Angriffs, die Tatverdächtigen wussten davon.
Ganz in der Nähe brannte zur selben Nacht eine Zaunlatte am Kulturclub „Chekov". Die Polizei ermittelt dort wegen versuchter Brandstiftung und prüfte einen Zusammenhang mit dem Anschlag auf „Zelle 79", da örtliche und nach Einschätzung der Ermittler auch ideologische Nähe zwischen beiden Zielen besteht.
In der darauffolgenden Nacht wurde zudem das Fenster des Parteibüros von Bündnis 90/Die Grünen in Cottbus eingeworfen. Im Büro hingen eine Regenbogenflagge und Werbematerial für die zu dem Zeitpunkt laufenden CSD-Aktionswochen. Auch am Haus der „Zelle 79" waren ein CSD-Plakat und eine Regenbogenfahne angebracht.
Cottbus als Tatkontext: eine Serie
„Zelle 79" war nicht das erste Mal Ziel von Angriffen. Nach übereinstimmenden Berichten gab es bereits im Vorjahr mutmaßliche Anschläge auf das Haus: Kurz vor Silvester soll versucht worden sein, die Eingangstür mit einem Böller aufzusprengen; in einem anderen Fall wurde das Gebäude mit Fackeln angegriffen. Die Angreifer sollen sich damals als „Adolf Hitler Hooligans" bezeichnet haben.
Der Angriff vom 2. Juli steht in einem breiteren Muster in Cottbus. Im April 2026 war die Synagoge der Stadt mit einem Hakenkreuz beschmiert worden. Ebenfalls im Frühjahr war eine brennende Fackel in den Flur eines anderen alternativen Wohnprojekts geworfen worden, und ein Pfarrer, der sich öffentlich gegen Rechtsextremismus engagiert, wurde angegriffen.
Lukas Pellio, Sprecher der Initiative Sichere Orte, fasste es so: „Dieser Brandanschlag ist ein Angriff auf queeres Leben in Cottbus. Es wird wieder einmal deutlich, mit welchem Selbstbewusstsein und mit welcher Skrupellosigkeit die rechte Szene in Cottbus agiert."
Reaktionen aus Politik und Zivilgesellschaft
Jan Redmann, Minister des Innern und für Kommunales in Brandenburg, verurteilte die Anschläge. Er betonte, dass rechtsextreme Taten das Zusammenleben verätzen, verwies auf die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen und die Arbeit spezialisierter Ermittlungsgruppen. Das Innenministerium hatte nach eigenen Angaben eine Ermittlungsgruppe eingesetzt, die die Strukturen des verantwortlichen Milieus ausleuchten soll.
Ministerpräsident Dietmar Woidke erklärte, die Ereignisse machten ihn „fassungslos und entsetzt", und kündigte „klare Kante gegen rechte Gewalt" an. „Solche Taten müssen mit aller Härte bestraft werden", so der SPD-Politiker. René Wilke, Minister für Arbeit, Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Brandenburg, rief zu einem gemeinsamen Einstehen für eine friedliche Gesellschaft auf und forderte Prävention sowie konsequente Strafverfolgung.
Die Opferperspektive e.V., eine brandenburgische Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt, forderte, Schutz der Betroffenen und konsequente Strafverfolgung zur Priorität zu machen. Sie verwies dabei auch auf die Praxis, Verfahren aus Gründen der Prozessökonomie einzustellen – als strukturelles Problem bei der Ahndung rechter Gewalt im Land.
Statistischer Rahmen: PMK-rechts in Brandenburg und bundesweit
Der Fall traf auf eine bereits angespannte Lage. Im zweiten Quartal 2026 registrierte Brandenburg 727 rechtsmotivierte Straftaten – rund ein Viertel mehr als im ersten Quartal mit 584 Fällen. Die Zahl der Gewaltdelikte stieg von 14 auf 24 Fälle zwischen April und Juni 2026. Im Gesamtjahr 2025 zählte Brandenburg 290 rechtsmotivierte Angriffe, mehr als fünf pro Woche; die Zahl der Betroffenen kletterte um 25 Prozent auf 523 – der höchste Wert seit 2007.
Bundesweit erreichte die Politisch motivierte Kriminalität 2025 mit 85.837 registrierten Straftaten einen neuen Höchststand, wie Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und BKA-Präsident Holger Münch am 9. Juni 2026 in Berlin vorstellten. Die Zahl politisch motivierter Gewalttaten stieg dabei auf 4.156 Delikte. PMK-rechts bleibt der fallzahlenstärkste Phänomenbereich. Die Statistik zählt Anzeigen, nicht Verurteilungen; Definitions- und Erfassungsregeln können sich zwischen Jahren ändern.
Ob gegen die Tatverdächtigen des Anschlags auf „Zelle 79" inzwischen Anklage erhoben wurde oder die Ermittlungen einen anderen Verlauf genommen haben, ist aus amtlichen Quellen mit Stand Oktober 2026 nicht belegt.
