Am 20. April 2026 stellte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 vor. Wenige Tage zuvor waren bereits die Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität durchgesickert. Den größten prozentualen Zuwachs weist das linke Spektrum aus. Wie kommt diese Zahl zustande – und was zählt sie wirklich?
Was die PMK-Statistik erfasst und was nicht
Die politisch motivierte Kriminalität ist keine Rubrik der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), sondern eine eigene Eingangsstatistik. Sie trägt den Namen Kriminalpolizeilicher Meldedienst in Fällen Politisch motivierter Kriminalität, kurz KPMD-PMK. Seit 2001 melden die Länderpolizeien ihre Fälle an das Bundeskriminalamt; das BKA bündelt und veröffentlicht die Ergebnisse jährlich.
Eingangsstatistik heißt: Eine Tat fließt ein, sobald sie angezeigt und als politisch motiviert bewertet wird. Ob die Ermittlung zu einer Anklage führt, ob ein Gericht verurteilt, ob das Motiv sich bestätigt – das ändert den Eintrag im Nachhinein zwar technisch, schlägt aber in der Jahresbilanz nicht mehr durch. Zählen also Anzeigen, nicht Verurteilungen. Das Hellfeld erfasst nur angezeigte Taten; wie viele politisch motivierte Delikte unentdeckt oder nicht gemeldet bleiben, ist statistisch nicht erfassbar.
Die Zuordnung zu einem Phänomenbereich folgt einer klaren Regel: Eine Tat wird PMK-links zugeordnet, wenn „in Würdigung der Umstände der Tat und/oder der Einstellung des Täters Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sie nach verständiger Betrachtung einer ‚linken' Orientierung zuzurechnen sind" – so die BKA-Definition, die Bezüge zu Anarchismus oder Kommunismus einschließt. Die Zuordnung trifft die Polizei; Grundlage sind Tatumstände, Bekennungen, Zielauswahl oder erkennbare Symbolik. Ein Motiv gilt erst dann als zugeordnet, wenn Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht oder der Täter selbst es so einordnen.
Entscheidend für das Verständnis der Reihe: PMK-links ist nicht identisch mit Linksextremismus. Die Kategorie ist weiter gefasst. Eine Tat kann PMK-links sein, ohne dass das Ziel die Abschaffung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist – ein Streit zwischen Gruppen mit politischer Färbung kann genauso einfließen. Linksextremistisch motivierte Straftaten, die auf Verfassungsfeindlichkeit abzielen, sind eine Teilmenge davon. Der Verfassungsschutzbericht 2025 weist für die engere Kategorie 8.133 linksextremistisch motivierte Straftaten aus – verglichen mit 13.490 Fällen bei PMK-links insgesamt.
Die Reihe: 2020 bis 2025
Die Fallzahlen schwankten in den vergangenen Jahren erheblich, was Jahresvergleiche vorsichtig macht. Der Ausgangspunkt: Im Jahr 2020 registrierte das BKA 10.971 linksmotivierte Straftaten – damals ein Höchststand seit Einführung des Systems. In den Folgejahren sanken die Zahlen wieder und bewegten sich in einem wellenförmigen Korridor zwischen rund 8.000 und 11.000 Delikten jährlich.
Ab 2023 drehte die Kurve erneut nach oben. 2024 zählte das BKA 9.971 linksmotivierte Straftaten. 2025 dann der Sprung: 13.490 Fälle, ein Anstieg von 35,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die Gewalttaten verliefen nicht parallel zu den Gesamtzahlen. 2023 wurden 916 Gewaltdelikte im Bereich PMK-links gezählt; 2024 sank die Zahl auf 762, obwohl die Gesamtdelikte stiegen. 2025 folgte ein starker Anstieg: 1.087 Gewalttaten, plus 42,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Was zählt das BKA als Gewalttat? Die Kategorie umfasst Tötungsdelikte, Körperverletzungen, Brandstiftungen, Landfriedensbruch, Raub, Erpressung und Widerstandsdelikte. Sachbeschädigungen – die häufigste Tatform im Bereich PMK-links mit einem Anteil von über 52 Prozent aller Delikte – gehören nicht dazu. Den Schwerpunkt der Angriffsziele bildeten 2025 tatsächliche oder vermeintliche Rechtsextremisten (6.027 Delikte), gefolgt von der Polizei (1.170 Delikte).
Der Berliner Stromausfall vom 3. Januar 2026 – ausgelöst durch einen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Berliner Südwesten, der einer mutmaßlich linksextremen Gruppe zugerechnet wird – fällt nicht mehr in das Berichtsjahr 2025. Er fließt frühestens in die Statistik für 2026 ein, sofern das Motiv polizeilich bestätigt wird.
Was der Verfassungsschutz dazu misst
Das Bundesamt für Verfassungsschutz operiert mit einem anderen Zuschnitt. Linksextremismus bezeichnet dort Bestrebungen, die auf die Abschaffung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung abzielen – zugunsten eines kommunistischen oder anarchistischen Systems. Nicht jede politisch linke Haltung fällt darunter; Maßstab ist die Verfassungsfeindlichkeit.
Innerhalb des linksextremistischen Spektrums unterscheidet der Verfassungsschutz zwischen gewaltorientierten und nicht gewaltorientierten Strukturen. Das Personenpotenzial gilt als gewaltorientiert, wenn die Bereitschaft zur Anwendung körperlicher Gewalt als legitimes Mittel erkennbar ist – nicht erst, wenn Taten nachgewiesen sind. 2025 rechnete der Verfassungsschutz dem linksextremistischen Spektrum insgesamt 42.200 Personen zu; 11.600 davon stufte er als gewaltorientiert ein. Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2015, wurden 9.600 gewaltorientierte Linksextremisten gezählt.
Diese Zahlen stammen aus Beobachtungen, Quellen und Lageberichten der Verfassungsschutzbehörden – nicht aus Strafanzeigen. Sie und die BKA-Statistik messen unterschiedliche Dinge und lassen sich nicht direkt verrechnen.
Woran man erkennt, ob der Trend anhält
Die Zahlen für 2025 erscheinen – berechnet auf der bisherigen Datenbasis – außergewöhnlich hoch. Zwei strukturelle Faktoren spielen eine Rolle, die das BKA selbst benennt: der polarisierte Bundestagswahlkampf 2025 und ein verändertes Anzeigeverhalten. Wie stark beide Faktoren die Reihe treiben, lässt sich mit den vorliegenden Zahlen nicht beziffern.
Ob der Anstieg strukturell ist oder sich teilweise aus dem Wahljahr-Effekt erklärt, zeigt sich an der Entwicklung 2026. Das BKA legt die nächste Jahresbilanz voraussichtlich im Frühjahr 2027 vor. Ein Rückgang auf den Korridor von 8.000 bis 11.000 Fällen würde für einen Ausreißer sprechen; bleibt die Kurve über 12.000, hat sich die Basislinie verschoben.
