Das Feuer brach um 1.43 Uhr aus. Jens Balcerek, Chef der Stadtwerke Reutlingen, wurde in jener Nacht durch den Stromausfall geweckt, trat auf den Balkon und filmte von vier Kilometern Entfernung, wie das Umspannwerk abbrannte. Wenige Stunden später stand fest: Nicht nur das Umspannwerk Reutlingen-West war ausgefallen – die Störung hatte auf eine zweite Anlage übergegriffen und weite Teile des Stadtgebiets erfasst.

Was die Ermittler am Tatort fanden

Drei separate Brandstellen im Umspannwerk, ein beschädigter Zaun, Spuren auf dem Gelände davor – und ein möglicher Brandbeschleuniger, den Spezialisten des Landeskriminalamts am Tatort sicherten und ins Labor brachten. Für die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart und das LKA reichte das für eine klare Verdachtsrichtung: Ein oder mehrere Täter seien auf das Gelände eingedrungen und hätten an mehreren Stellen Feuer gelegt.

Baden-Württembergs Minister des Innern, für Digitalisierung und Europa Manuel Hagel (CDU) sprach noch am Abend des 9. Juni 2026 am Tatort von einem Verdacht auf vorsätzliche Brandlegung und Störung öffentlicher Betriebe – ließ aber ausdrücklich offen, ob ein Brandanschlag oder ein terroristischer Akt vorliege. „Ergebnisoffen in alle Richtungen" werde ermittelt, betonte Hagel, jeder Stein werde umgedreht. Bundesminister des Innern Alexander Dobrindt (CSU) äußerte sich zur selben Zeit im ZDF und formulierte es schärfer: Er gehe „aller Wahrscheinlichkeit nach" von einem Brandanschlag aus.

Das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg meldete am 8. Juni 2026, keine weiterführenden Erkenntnisse zur mutmaßlichen Brandstiftung zu haben. Die Polizistin Tina Rempfer vom Polizeipräsidium Reutlingen beschrieb am selben Tag die Lage unverblümt: Die Experten vor Ort prüften sowohl einen technischen Defekt als auch fahrlässige oder vorsätzliche Brandlegung, ein Brandmittelspürhund sei auf dem Gelände im Einsatz.

Die Blog-Spur und was das LKA darüber sagt

Drei Tage nach dem Brand, am 11. Juni 2026, wurde bekannt: Die Tat war auf einem linksextremistischen Blog unter der Rubrik „Aktionen/Sabotagen" thematisiert worden. Das LKA Stuttgart bestätigte, dass es einen möglichen Zusammenhang prüfe. Weiter ging das nicht: Es handele sich um eine Spur unter anderen, hielt ein LKA-Sprecher fest.

Bei dem Blog handelt es sich laut Bundesamt für Verfassungsschutz um die Kampagne „Switch off – the system of destruction". Das BfV beschreibt sie als die derzeit bedeutendste militante Kampagne im Linksextremismus. „Switch off" verknüpft antikapitalistische Parolen mit klimapolitischen Themen und hat nach Einschätzung des BfV das Ziel, zur Begehung von Straftaten zu animieren. Ein Bekennerschreiben zum Reutlinger Vorfall hatte die Kampagne – soweit zum Zeitpunkt der Ermittlungen öffentlich bekannt – nicht veröffentlicht.

Parallelen zu einem früheren Anschlag zogen Ermittler aus Sicherheitskreisen von Beginn an: Die Vorgehensweise in Reutlingen weise Ähnlichkeiten mit entsprechenden Taten in Berlin auf, hieß es; Hinweise auf einen Drahtzieher im Ausland gebe es dagegen nicht. Das LKA stand nach Medienberichten auch im Informationsaustausch mit Ermittlungsbehörden in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen, wo in diesem Zeitraum ebenfalls Sabotageakte an Energieversorgungsanlagen untersucht wurden.

Ausmaß und Wiederherstellung der Versorgung

In der Spitze waren rund 20.000 Haushalte im Netzgebiet des Betreibers FairNetz ohne Strom. Betroffen waren neben weiten Teilen des Reutlinger Stadtgebiets auch Teile der benachbarten Gemeinden Wannweil und Kirchentellinsfurt. Das Klinikum Reutlingen war im Stadtgebiet einer von mehreren kritischen Abnehmern. Netze BW und FairNetz teilten sich das Umspannwerk.

Die Versorgung der Privathaushalte wurde über provisorische Netzstrukturen bereits am 8. Juni 2026 weitgehend wiederhergestellt. Die letzten rund 50 betroffenen Gewerbekunden waren nach Angaben der Netzbetreiber am späten Abend des 10. Juni 2026 wieder angeschlossen – gut drei Tage nach dem Brand. Der Schaden durch Feuer und Stromausfall belief sich nach Informationen aus Ermittlungskreisen auf mehrere Millionen Euro.

Verfahren und offener Stand

Die Ermittlungsgruppe, die das Staatsschutz- und Anti-Terrorismuszentrum beim LKA Baden-Württemberg (SAT BW) eingerichtet hat, führt das Verfahren wegen vorsätzlicher Brandstiftung und Störung öffentlicher Betriebe. Wie der aktuelle Verfahrensstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Stücks – Oktober 2026 – ist, lässt sich aus amtlichen Quellen nicht belegen: Gericht, Staatsanwaltschaft und LKA haben seit Juni 2026 keine öffentliche Zwischenmitteilung zu Beschuldigten, Festnahmen oder einem Abschluss der Ermittlungen dokumentiert. Eine Zuordnung der Tat zu einer bestimmten Gruppe oder Person besteht damit weiter nicht.

Was dieser Fall in den Kontext eines größeren Musters stellt, ist aus dem Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg ablesbar: Die Zahl linksextremistisch motivierter Straftaten in Deutschland stieg 2025 um 38,9 Prozent auf 8.133 Delikte; die Zahl der Gewalttaten in dieser Kategorie wuchs um 60,9 Prozent auf 856. Seit 2020 registrierte die Polizei in Hamburg allein 40 politisch motivierte Sabotageakte aus dem linksextremistischen Spektrum, mit Schwerpunkt im Verkehrsbereich. Den nächsten Aufschluss darüber, wohin die Reutlinger Ermittlungen führen, wird eine öffentliche Mitteilung der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart liefern – ein Termin dafür ist nicht bekannt.