Wer das zur Kenntnis nimmt und dann die Regelsätze einfriert, hat eine Entscheidung getroffen.
Im Jahr 2020 erfasste das DIW Berlin rund 1,1 Millionen Tafelbesucher in Deutschland – bereits damals überwiegend Alleinerziehende und Getrenntlebende. Seither ist die Zahl nach Angaben des Dachverbands Tafel Deutschland auf deutlich mehr als zwei Millionen gestiegen. Keine vorübergehende Spitze, kein statistisches Rauschen: eine Verdoppelung innerhalb von fünf Jahren.
Was der Regelsatz kann und was er nicht kann
563 Euro monatlich für Alleinstehende – das ist der Bürgergeld-Regelsatz im Jahr 2026, unverändert gegenüber 2025. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales begründete die Nullrunde mit einer rückläufigen Inflation im Bemessungszeitraum, der auf der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe von 2023 beruht. Wer heute einkauft, merkt, dass die Preise von 2023 nicht die Preise von 2026 sind.
Das stärkste Argument der Gegenseite verdient eine faire Formulierung: Die Berechnung der Regelsätze folgt gesetzlichen Regeln, und eine Statistik-Methode, die mal zu Erhöhungen und mal zu Nullrunden führt, ist keine willkürliche Entscheidung, sondern ein Mechanismus. Wer jedes Jahr politisch nachjustiert, beschädigt die Verlässlichkeit des Systems – so die Logik der Befürworter der Nullrunde.
Das stimmt – und reicht trotzdem nicht. Der Mechanismus ist selbst das Problem. Eine Armutsschwelle, die auf den Konsumgewohnheiten der unteren 20 Prozent der Bevölkerung beruht, misst nicht, was zum Leben nötig ist. Sie misst, wie ähnlich die Armen einander sind. Wenn breite Bevölkerungsgruppen real ärmer werden, sinkt die Referenzgröße mit. Das Ergebnis ist ein Regelsatz, der rechnerisch korrekt und materiell unzureichend sein kann – beides gleichzeitig.
Die Armutsgefährdungsschwelle lag 2025 für einen Einpersonenhaushalt bei netto 1.446 Euro monatlich. Der Regelsatz beträgt 563 Euro, dazu kommen Kosten für Unterkunft und Heizung. Was übrig bleibt für Lebensmittel, Kleidung, Mobilität und soziale Teilhabe, hängt von der Miete ab – und die steigt seit Jahren schneller als jede Regelsatzanpassung.
Tafeln füllen eine Lücke, die sie nicht schließen können
38 Prozent der deutschen Tafeln haben bereits einen Aufnahmestopp für neue Kunden verhängt, weil die verfügbaren Lebensmittel nicht reichen. Gleichzeitig gehen Spenden zurück, während die Betriebskosten – Energie, Transport, Kühlung – steigen. Lokale Initiativen wie der Seelzer Brotkorb in Seelze, der seit 2010 Bedürftige versorgt und im Mai 2023 rund 1.450 Nutzer zählte, oder der Borchener Warenkorb, der zweimal wöchentlich öffnet und von einem dichten Netz ehrenamtlicher Fahrer und Helfer getragen wird: Sie alle sind keine Ergänzung eines funktionierenden Systems. Sie sind sein Ersatz für den Teil, der fehlt.
Das ist der entscheidende Unterschied, den die politische Debatte konsequent verwischt. Eine Tafel als freiwillige Gemeinschaftsleistung ist etwas anderes als eine Tafel als faktischer Bestandteil der Ernährungssicherung für zwei Millionen Menschen. Das zweite ist kein Lob für das Ehrenamt. Es ist eine stille Entlastung des Staates auf Kosten von Freiwilligen, die ihre Samstage opfern, während Regierungen die Regelsätze einfrieren.
Was das kostet und wer zahlt
Der Seelzer Brotkorb veranstaltete am 25. Juli 2026 sein zweites Sommerfest – über 500 Gäste. Ein Autohaus in Dierdorf sammelte im September 2026 einen Monat lang Lebensmittel für die Tafel Puderbach-Dierdorf. In Butzbach gründete die dortige Tafel eine Tafeljugend, weil die regulären Ausgabezeiten für Berufstätige und Studierende unzugänglich sind; fünf junge Menschen zwischen 16 und 35 Jahren modernisieren nun den Online-Auftritt – weil die Kernarbeit, das Einsammeln und Ausgeben von Lebensmitteln, nicht zu den Biografien passt, die der Tafel Zukunft geben sollen.
Das sind keine Randnotizen. Das sind Symptome. Eine Gesellschaft, in der das Grundproblem – zu wenig Geld für zu viele Menschen – durch Spendenaktionen und Ehrenamtsnetzwerke verwaltet wird, hat die Antwort nicht gegeben. Sie hat die Frage weitergereicht.
16,1 Prozent armutsgefährdet, 21,2 Prozent von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht – das sind Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2025. Die Antwort der Bundesregierung für 2026: keine Erhöhung. Die Antwort der Tafeln: 960 Ausgabestellen, zunehmend am Limit. Die Antwort der Freiwilligen: jeden Donnerstag ab 14 Uhr öffnen und schauen, was da ist.
Wer entscheidet, reicht weiter. Wer ausgibt, macht weiter. Den Unterschied nennt niemand beim Namen.
