Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) rechnete für 2025 insgesamt rund 28.645 Personen der islamistischen Szene zu, davon etwa 9.110 als gewaltorientiert. Der Islamwissenschaftler Mahmoud Jaraba von der Universität Erlangen beschreibt ein Radikalisierungsmuster, das auf Ausgrenzungserfahrungen, Identitätskrisen und dem gezielten Angebot salafistischer Netzwerke beruht. Der Islamismusforscher Ahmad Mansour sieht ein systemisches Versagen: Der CSD-Attentäter war den Behörden bekannt und hatte eine Bewährungsstrafe erhalten, obwohl er versucht hatte, sich dem IS anzuschließen. Beide Experten fordern mehr Ressourcen für Prävention und Deradikalisierung; Jaraba verlangt insbesondere die Einbindung von Moscheegemeinden, denen derzeit das Vertrauen der Behörden fehlt.
Der Berliner Verfassungsschutzbericht 2025 stellt fest, dass extremistische Gruppierungen aller Phänomenbereiche gezielt Jugendliche und junge Erwachsene ansprechen. Was für den islamistischen Bereich gilt, beschreibt die Berliner Senatorin für Inneres und Sport, Iris Spranger, so: Die Aktivitäten richteten sich in zunehmendem Maß an junge Menschen, die in immer jüngerem Alter an verfassungsfeindliche Positionen herangeführt werden sollten.
Wer radikalisiert wird – und wie
Das Muster, das Mahmoud Jaraba beschreibt, beginnt nicht mit Ideologie, sondern mit Ausschluss. Jugendliche, die das Gefühl haben, nicht zur Gesellschaft zu gehören und Rassismus oder Diskriminierung ausgesetzt zu sein, entwickeln nach seinen Worten irgendwann eine Wahrnehmung, die alles, was von Staat oder Gesellschaft kommt, als feindlich bewertet. Salafistische Netzwerke füllen dieses Vakuum mit einfachen Antworten: Schule und Ausbildung lohnten sich nicht, die Religion sei der eigentliche Weg. Für junge Menschen aus gespaltenen Familien, mit krimineller Vorgeschichte oder Schwierigkeiten in der Schule sei das sehr attraktiv, sagt der Forscher.
Ahmad Mansour kennt diesen Einstieg aus eigener Erfahrung. Er beschreibt, wie er als Jugendlicher nach Mobbing in der Schule Halt bei einem Imam suchte, der in der zweiten Unterrichtsstunde bereits verkündete, die Muslime würden die Welt beherrschen. Heute erkennt er dieselben Muster bei vielen jungen Muslimen in Deutschland. Sein Satz lautet: „Die Islamisten sind die besseren Sozialarbeiter." Wer Identität und Zugehörigkeit sucht, findet sie dort schneller als in staatlichen Angeboten.
Der Weg in die Radikalisierung führt zunehmend über digitale Kanäle. TikTok und andere Plattformen werden von islamistischen Akteuren gezielt genutzt, um Jugendliche anzusprechen, und das islamistische Personenpotenzial ist nicht auf Städte beschränkt: Jaraba beobachtet dasselbe Phänomen auch auf dem Land. Radikale Kleinstgruppen müssen nicht an eine Moschee angebunden sein; ihre Treffen finden auch in privaten Räumen statt.
Was die Zahlen zeigen
Das BKA zählte zum 1. Juli 2026 bundesweit 410 islamistische Gefährder. Von ihnen befinden sich 255 in Deutschland, 100 davon in Haft. Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzte das islamistische Personenpotenzial für 2025 auf rund 28.645 Personen, davon etwa 9.110 als gewaltorientiert. Diese Zahlen erfassen das bekannte und eingestufte Spektrum – das Dunkelfeld unterhalb der Gefährderschwelle ist damit nicht abgebildet.
Der Berliner Verfassungsschutzbericht 2025 hält fest, dass das verfassungsfeindliche Personenpotenzial in der Hauptstadt in allen Phänomenbereichen gestiegen ist. Die Berliner Senatorin Iris Spranger bezeichnete die Radikalisierungsbemühungen extremistischer Gruppen als besonders besorgniserregend, weil sie gezielt das gesellschaftliche Fundament der Zukunft untergraben sollen.
Die Wissenschaft ist nach Jarabas Einschätzung einig: Es wird in Zukunft zu mehr Radikalisierungen junger Menschen kommen. Diese Erwartung ist für ihn kein Alarm, sondern Befund.
Was Experten fordern – und was fehlt
Beide Forscher sind sich in einem Punkt einig: Moscheeverbote helfen nicht dauerhaft. Nach jedem Verbot gehe es kurz danach an einem anderen Ort genauso weiter, sagt Jaraba. Stattdessen fordert er, Moscheegemeinden aktiv und mit ausreichenden Ressourcen in die Präventionsarbeit einzubinden. Das Interesse sei in vielen Gemeinden vorhanden; es fehle an Geld und am Vertrauen der Behörden. Derzeit passiere hier „extrem wenig", teilweise würden Mittel sogar gekürzt.
Mansour richtet seine Kritik direkt an Institutionen: Muslimische Verbände müssten mehr tun als Anschläge zu verurteilen. Solange in Moscheen Homosexualität als Sünde bezeichnet werde, fehle glaubwürdige Prävention. Und der politische und justizielle Umgang mit bekannten Gefährdern werde dem Risiko nicht gerecht.
Der Fall des CSD-Attentäters ist für Mansour der härteste Beleg: Der Mann hatte versucht, sich dem IS anzuschließen, war als Gefährder eingestuft, erhielt aber eine Bewährungsstrafe und lief frei. Mansour nennt das ein großes Versagen. Eine Haftstrafe von fünf bis sieben Jahren hätte diesen Anschlag verhindert.
Im September 2026 beschloss das Bundeskabinett einen Maßnahmenplan zur Bekämpfung islamistischen Terrorismus, der bessere Überwachung von Gefährdern und gezielte Prävention von Radikalisierung vorsieht. Ob die dort angekündigten Schritte die von Jaraba beschriebene Ressourcenlücke schließen, wird sich in den nächsten Monaten an den tatsächlich fließenden Mitteln ablesen lassen.
