Das Wehrdienstmodernisierungsgesetz ändert nicht die Verfassung. Artikel 12a des Grundgesetzes, der die Wehrpflicht grundsätzlich erlaubt, besteht seit der Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 fort. Das neue Gesetz schöpft aus diesem Rahmen, ohne ihn auszufüllen: Der Dienst an sich bleibt freiwillig.

Was das Gesetz einführt, sind zwei Pflichten: Erstens müssen alle 18-jährigen Männer seit Januar 2026 einen Online-Fragebogen ausfüllen, der Motivation und Eignung für den Streitkräftedienst erfasst. Für Frauen ist der Fragebogen freiwillig. Zweitens ist für Männer des Geburtsjahrgangs 2008 die Musterung wieder verpflichtend – flächendeckend geplant ab dem 1. Juli 2027, im Zuge des Infrastrukturaufbaus aber bereits jetzt in Teilen angelaufen. Wer den Fragebogen nicht beantwortet oder zur Musterung nicht erscheint, riskiert ein Bußgeld.

Initiator-Pressesprecher Breitner sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Streiks sollten so lange andauern, „bis eine Wehrpflicht vom Tisch sei". Die Organisatoren sehen die Musterungspflicht als Einstieg in eine vollständige Wiederkehr der Wehrpflicht; die Bundesregierung stellt die Verpflichtung als Rekrutierungsinstrument für einen freiwilligen Aufwuchs dar.

Der vorgezogene Musterungsbeginn als Auslöser

Der unmittelbare Anlass für den Schulstreik am 25. September 2026 war eine Ankündigung des Bundesministeriums der Verteidigung: Bereits vor dem für 2027 angekündigten flächendeckenden Beginn werden Männer des Geburtsjahrgangs 2008 zur Musterung geladen – weil die dafür benötigten Kapazitäten gerade aufgebaut und dabei schrittweise in Betrieb genommen werden.

Schüler Golo Kirsch, der an dem Streik teilnahm, formulierte die Wahrnehmung seiner Altersgruppe so: „Die Wehrpflicht wird gerade etappenweise eingeführt. So schafft die Bundeswehr oder die Regierung es, dass die Wehrpflicht dabei kein großes Thema wird." Er sieht die vorzeitig gestarteten Zwangsmusterungen als Signal, dass die vollständige Wehrpflicht „lieber heute als morgen" kommen soll.

Die stärkste Version des Einwands gegen das Gesetz lautet: Wer den Pfad anlegt – Fragebogen, dann Musterung, dann Bedarfswehrpflicht per Parlamentsbeschluss –, schafft politische Fakten, bevor die öffentliche Debatte aufgeholt hat. Die Bundesregierung hält dagegen, dass genau dieser Parlamentsvorbehalt die Wehrpflicht bremst: Ein weiteres Gesetzgebungsverfahren mit neuer Mehrheit wäre notwendig, bevor irgendjemand eingezogen werden kann.

Wie breit ist die Bewegung, wie homogen ist sie?

Der Streik am 25. September war bereits der vierte bundesweite. Vorangegangen waren Demonstrationen am 5. Dezember 2025 (rund 40.000 Teilnehmende laut Organisatoren), am 5. März 2026 (rund 50.000) und am 8. Mai 2026, dem 81. Jahrestag der Befreiung. Für den 2. Oktober 2026 wurde in Berlin eine weitere Kundgebung unter dem Motto „Unzwingbar – Kein Bock auf Krieg und Wehrpflicht!" angekündigt, zu der mehr als 20.000 Personen erwartet wurden.

Die Polizei zählte am 25. September in Berlin-Wedding 2.400, in München 700, in Nürnberg 400, in Stuttgart 200 und in Frankfurt 180 Teilnehmende. Die Gesamtzahl von über 45.000 stammt von der Initiative selbst; unabhängige bundesweite Polizeizahlen wurden nicht veröffentlicht.

Mitorganisator Phil Werring aus Münster beschreibt die Basis als breit – Gymnasiasten und Gesamtschüler, Mädchen und Jungen, sogar Konservative, die erkannt hätten, dass es „um ihre Zukunft geht". Gleichzeitig räumt er ein, dass Real- und Hauptschulen schwer zu erreichen seien: Dort treffe das Angebot der Bundeswehr – Mindestvergütung von 2.600 Euro brutto, Führerscheinzuschuss – auf schlechtere Ausbildungsperspektiven und verfange entsprechend stärker.

Die Konstanzer Kundgebung desselben Tages zeigt die andere Seite: Statt der rund 250 Teilnehmenden vom Dezember 2025 kamen diesmal nur einige Dutzend. Und inhaltlich reichte die Systemkritik dort weit über das Wehrpflichtthema hinaus – das Banner „no war but class war" und Redebeiträge, die Krieg als „Symptom des Imperialismus" und „Symptom des Kapitalismus" rahmten, zeigen, dass ein Teil der Bewegung das Wehrdienstgesetz als Einstiegspunkt für grundsätzlichere Kapitalismuskritik nutzt.

Abstimmung und Personalziel

Der Bundestag stimmte dem Gesetz am 5. Dezember 2025 zu. 323 Abgeordnete votierten dafür, 272 dagegen. Grüne, AfD und Linke lehnten es ab – aus unterschiedlichen Richtungen: Die Grünen und die Linke mehrheitlich aus pazifistischen oder grundrechtlichen Überlegungen, die AfD aus eigenen rüstungspolitischen Positionen.

Das Gesetz verankert ein Personalziel: 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten und 200.000 Reservistinnen und Reservisten bis 2035. Wird dieses Ziel verfehlt, kann der Bundestag die Bedarfswehrpflicht beschließen – einen echten, verpflichtenden Einzug. Wann genau der Bundestag diese Schwelle als erreicht oder verfehlt definiert, legt das Gesetz nicht fest; das ist eine politische Entscheidung, die eine neue Mehrheit und ein neues Gesetzgebungsverfahren braucht.

Was als nächstes ansteht

Der Juli 2027 ist der nächste harte Termin: Ab dann sollen die Musterungen flächendeckend für den Geburtsjahrgang 2008 beginnen. Woran man erkennen wird, ob das Gesetz seinen erklärten Zweck erfüllt – also genügend Freiwillige zu gewinnen –, ist das Personalziel von 260.000. Werden die Zielkorridore bis Mitte der 2030er-Jahre verfehlt und entscheidet der Bundestag für eine Bedarfswehrpflicht, wäre das der Einschnitt, den die Protestbewegung bereits jetzt verhindern will. Bleibt die Freiwilligkeit ausreichend, bleibt es bei Fragebogen und Musterung.