Der Anlass ist datiert, das Argument ist zeitlos: Wer Pressefreiheit nur für Medien verteidigt, die ihm genehm sind, verteidigt sie nicht.
Am 6. Juli 2026 griffen Gegendemonstranten am Rande des AfD-Bundesparteitags in Erfurt Journalisten an. Drei Mitarbeiter des Portals Apollo News wurden verfolgt, geschlagen, getreten; einer erlitt eine Platzwunde am Kopf und musste im Krankenhaus behandelt werden. Einem Vertreter der Jungen Freiheit raubten Angreifer das Mobiltelefon. Die Thüringer Polizei sicherte Bild- und Videomaterial, identifizierte nach eigenen Angaben einen ersten 21-jährigen Tatverdächtigen, den sie einer gewaltbereiten Antifa-Gruppe zuordnet, und leitete Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung ein. Ein politisches oder religiöses Motiv ist amtlich nicht eingeordnet; das Stück behandelt den Fall als Vorgang mit offenem Motiv.
Was „Widersetzen" sagte – und was das bedeutet
Das Bündnis „Widersetzen", das die Gegenproteste mitorganisiert hatte, wich einer klaren Verurteilung aus und warf den angegriffenen Journalisten vor, die Situation selbst eskaliert zu haben. Die Formulierung, Faschist:innen mit Presseausweis seien immer noch Faschist:innen, stand danach als öffentliches Statement im Raum.
Das ist die Position, die dieser Kommentar bestreitet – und sie verdient eine faire Rekonstruktion, bevor das Urteil fällt. Das Gegenargument lautet: Apollo News und Junge Freiheit betreiben Journalismus, der politisch einseitig ist, Ressentiments bedient und in einzelnen Beiträgen die Grenze zur Propaganda überschreitet. Wer dort arbeitet, ist kein neutraler Beobachter, sondern Teil eines redaktionellen Projekts, das den öffentlichen Diskurs in einer bestimmten Richtung verschiebt. Diese Kritik ist nicht unplausibel.
Sie trägt aber nicht, was aus ihr abgeleitet wird. Körperliche Gewalt gegen Journalisten ist kein Argument, sondern dessen Ersatz. Wer jemanden schlägt, weil er dessen Berichterstattung für falsch hält, hat aufgehört zu argumentieren. Und wer hinterher erklärt, die Opfer hätten die Prügel verdient, betreibt genau die Täter-Opfer-Umkehr, die er bei anderen zu Recht kritisiert.
Der Maßstab gilt ohne Ausnahme
Im Bundestag wurde am 8. Juli 2026, in der letzten Aktuellen Stunde vor der Sommerpause, über die Ereignisse gestritten. CDU und CSU betonten, linke und rechte Gewalt müssten mit demselben Maßstab bewertet werden. Thüringens Innenminister Georg Maier von der SPD verurteilte die Angriffe und verwies auf die laufenden Ermittlungen der Kriminalpolizei. Bündnis 90/Die Grünen nannten Pressefreiheit ein unverhandelbares Grundrecht. Die Linke bezeichnete die Debatte als verlogen, weil die AfD Journalisten als Lügenpresse diffamiere. Die AfD sprach von einer Hetzjagd und warf anderen Fraktionen vor, die Angriffe kleinzureden.
Alle diese Positionen haben ihren Wahrheitsgehalt, und keine davon entscheidet die Frage. Denn die Frage ist nicht, ob der Bundestag das Richtige sagte. Sie ist, woran man erkennt, ob jemand Pressefreiheit als Prinzip meint oder als Kampfmittel benutzt.
Das Prinzip lautet: Der Schutz gilt auch – und gerade – für Journalisten, deren Arbeit man für schädlich hält. Das ist nicht naiv, sondern die einzige Fassung, die den Namen verdient. Eine Pressefreiheit, die unter Sympathievorbehalt steht, ist keine. Sie funktioniert nur, wenn sie für alle gilt: für Monitor und für Apollo News, für taz und für Junge Freiheit.
Zwei Maßstäbe, ein Problem
Gut darin, linke Gewalt gegen politische Gegner zu benennen – und deutlich zögerlicher, wenn die Opfer Medien sind, die man selbst nicht schätzt. Diese Asymmetrie beschreibt „Widersetzen" nach dem 6. Juli 2026 exakt. Sie beschreibt aber auch diejenigen, die den Angriff auf die Apollo-News-Journalisten nur deshalb laut verurteilen, weil er ins eigene politische Bild passt – und die bei vergleichbaren Vorfällen anderer Vorzeichen schweigen.
Der Unterschied ist: „Widersetzen" hat Gewalt nicht verurteilt, sondern gerechtfertigt. Das ist schlechter. Aber die Bereitschaft, dasselbe Verhalten je nach politischem Vorzeichen verschieden zu bewerten, ist das strukturelle Problem, das diese Bereitschaft erst ermöglicht.
Erfurt am 6. Juli 2026 ist deshalb kein Argument dafür, linke Gewalt stärker zu kriminalisieren als rechte. Es ist ein Argument dafür, denselben Maßstab durchzuhalten – unbequem in alle Richtungen, nützlich in keiner.
Die Journalisten wurden verfolgt, geschlagen, getreten. Eine Polizeikette verhinderte Schlimmeres. Der Tatverdächtige ist 21 Jahre alt und wurde identifiziert. Das Ermittlungsverfahren läuft. Die Pressefreiheit gilt weiter – für alle.
