Seit Russland 2022 die Ukraine angriff, denkt die Bundeswehr wieder in Kriegsszenarien, die sie Jahrzehnte als Hypothesen abgelegt hatte. Torpedos und Unterwasserdrohnen sind keine Einträge aus Geschichtsbüchern mehr – sie sind Waffen, die heute gebaut, verkauft und eingesetzt werden. Die Frage, wie ein Überwasserschiff eine solche Detonation übersteht und was mit einer Besatzung passiert, die dabei an Bord ist, lässt sich nicht am Schreibtisch beantworten. Sie lässt sich nur mit Sprengstoff beantworten.
Das ist der nüchterne Kern der Ansprengversuche vor Damp. Die Wehrtechnische Dienststelle 71 zündete am 7. Oktober 2024 im Sperrgebiet Schönhagen mehrere Kilogramm Sprengstoff unter dem Rumpf der ausgemusterten Fregatte „Karlsruhe". Sensoren im Maschinenraum und an der Außenhaut maßen die Druckwellen, Crashtest-Dummies protokollierten, was eine menschliche Besatzung an Ort und Stelle erleben würde. Ein weiterer Sprenggang war für diese oder die folgende Woche geplant. Das Programm reicht bis 2028.
Das Dilemma des Blasenschleiers
Der stärkste Einwand gegen das Verfahren kommt nicht von Pazifisten, sondern von Biologen. Schweinswale hören auf Frequenzen, auf denen Unterwasserdetonationen ihre Ohren und inneren Organe schädigen können – und die Ostsee ist ihr Lebensraum, keine experimentelle Leerstelle. Der NABU Schleswig-Holstein hat das in der Vergangenheit dokumentiert und laut gesagt.
Die Bundeswehr begegnet dem mit einem Blasenschleier: Aufsteigende Luftblasen bilden eine akustische Schallschutzwand unter Wasser, die Druckwellen abschwächt. Dazu kommen optisches und akustisches Monitoring sowie Vergrämungsmaßnahmen, die Meeressäuger vor der Zündung aus dem Bereich treiben sollen. Das Umweltministerium Schleswig-Holstein unter Tobias Goldschmidt, Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur, hat dafür eine Ausnahmegenehmigung erteilt.
Ob diese Maßnahmen ausreichen, ist eine Frage, die die Wissenschaft begleiten muss – nicht wegmoderieren. Die Genehmigung entbindet nicht von der Pflicht zur Langzeitbeobachtung. Der Blasenschleier dämpft, er schirmt nicht ab. Wer die Versuche verteidigt – und es gibt gute Gründe dafür –, muss auch das einräumen.
Was die Daten wert sind
Deutschland baut neue Kriegsschiffe. Die Fregatten der Klasse F126 sind im Bau, die Marine denkt über weitere Projekte nach. Schiffe, die gegen Unterwasserbedrohungen konstruiert werden, brauchen Konstruktionsdaten, die aus realen Belastungsexperimenten stammen. Simulationen ersetzen das nicht – sie brauchen Kalibrierungswerte, und die entstehen nur bei echten Detonationen unter echten Stahlrümpfen.
Die frühere Versuchsdurchführung im Oktober 2024 – damals 50 und 175 Kilogramm Sprengstoff in zwei Durchgängen – hat gezeigt, dass die Methode funktioniert. Die Fregatte blieb schwimmfähig genug für weitere Tests, die Sensoren lieferten auswertbares Material, die Dummies dokumentierten Belastungsspitzen. Was die Marine daraus für Konstruktionsanforderungen ableitet, ist noch nicht veröffentlicht – das ist der Stand, den Militärforschung eben hat: Der Erkenntnisweg läuft langsamer als die Berichterstattung darüber.
Das ist kein Argument gegen Transparenz. Es ist ein Argument dafür, das Programm nicht nach zwei Artikeln zu bewerten, sondern nach dem, was es verspricht: besseren Schutz für die Menschen, die auf den nächsten deutschen Schiffen Dienst tun werden.
Der unbequeme Maßstab
Deutschland gibt seit 2024 mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus – politisch durchgesetzt, haushälterisch schmerzhaft, strategisch überfällig. Dieser Beschluss ist sinnlos, wenn er nur in Beschaffung mündet, nicht in Forschung. Ein Schiff kostet Milliarden. Eine Besatzung, die es nicht überlebt, weil niemand getestet hat, wie das Schiff bei einem Torpedotreffer reagiert, kostet mehr.
Der Sprengversuch vor Damp ist teuer. Die Vorbereitung, die Sensorik, die Umweltschutzmaßnahmen, die Sperrgebietssicherung – das ist kein billiges Experiment. Genaue Kosten hat das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr nicht veröffentlicht. Das ist ein Transparenzdefizit, das der Bundestag beheben sollte: Wer Verteidigungsforschung mit Milliarden ausstattet, hat Anspruch darauf zu wissen, was einzelne Versuchsreihen kosten.
Bis dahin gilt der einfachere Maßstab: Eine Marine, die ihre alten Schiffe als Messstation nutzt, statt sie zu verschrotten, hat verstanden, dass Sicherheit nicht verordnet, sondern erprobt werden muss. Der Knall vor Damp war kein Skandal. Er war Hausaufgaben.
