Nordea liest das Gesetz anders – und sagt nicht, wie.

Nordea nennt die Frage, ob Mieter Zinsen auf ihre Kautionen bekommen, offen. Die Aufsicht hat sie im Februar 2026 beantwortet. Die Bank sagt, sie lese das Gesetz anders, und nennt ihre Lesart nicht. Das ist keine Auslegung. Das ist Zeitgewinn mit Juristensprache.

Am 16. Oktober 2026 hat das norwegische Forbrukerrådet, der Verbraucherrat, Klage eingereicht, gemeinsam mit der Mietervereinigung Leieboerforeningen. Norwegisch heißt das Verfahren gruppesøksmål, in den Meldungen oft massesøksmål. Es bündelt die Ansprüche vieler Betroffener, statt dass jeder Mieter einzeln gegen seine Bank antritt. Die Summe liegt bei 37,85 Millionen norwegischen Kronen. Berechnet wird sie als Differenz: Der Zins, den die Kautionen brachten, wird dem Zins auf einem Sparkonto gegenübergestellt, und die Lücke soll Nordea ausgleichen. Nach Angaben des Verbraucherrats lag der Zins auf die Kautionen über mehrere Jahre bei null. Die Direktorin des Verbraucherrats, Mette Fossum, formuliert es ohne Umschweife: „Die Bank hat große Summen damit verdient, viel zu niedrige Zinsen anzubieten. Jetzt ist es an der Zeit, dass sie für die Verluste haftbar gemacht wird, die den Mietern entstanden sind.“ Ein Urteil gibt es nicht. Eingereicht ist die Klage, entschieden ist nichts.

Was die Aufsicht im Februar festgestellt hat

Der Klage ging eine Beschwerde voraus. Das Forbrukerrådet hatte die Praxis bereits bei den Aufsichtsbehörden beanstandet. Die kamen im Februar 2026 zu einem deutlichen Schluss: Banken brechen das Gesetz, es sei denn, sie geben Mietern einen Zins, so gut wie der auf einem Sparkonto. Das ist kein verschachtelter Satz. Die Aufsicht hat nicht einen Fall beurteilt, sondern einen Maßstab für alle Banken gesetzt, und der Maßstab hat genau ein Vergleichsobjekt: das Sparkonto. Wer Kautionen verwahrt und sie zu null verzinst, während daneben ein Sparkonto Zinsen bringt, handelt nach dieser Lesart gesetzwidrig.

Das Gesetz, die husleieloven, verlangt übliche Zinsbedingungen. Was üblich ist, hat die Aufsicht am Sparkonto gemessen. Das ist ein Maßstab, und ein Maßstab lässt sich bestreiten – mit Gründen, die man nennt, oder vor Gericht. Nordea wählt eine dritte Variante: Sie bestreitet, ohne zu begründen.

Die Lesart, die Nordea nicht nennt

Die Stellungnahme stammt von Frida Daae Hessen, Senior-Kommunikationsverantwortliche bei Nordea. Sie ist kurz. Der Kern lautet: „Dies betrifft die Frage, wie das Mietgesetz auszulegen ist; hier haben wir und Finans Norge ein anderes Verständnis.“ Wir – das sind die Bank und der Branchenverband Finans Norge. Welches Verständnis das ist, steht nicht darin. Die eigentliche Pointe folgt im zweiten Satz: „Zugleich ist es für Kunden und Branche wichtig, dass das Regelwerk klar und vorhersehbar ist, und dieser Fall kann zu mehr Klarheit beitragen.“

Der Maßstab dieses Kommentars ist Nordeas eigener. Die Bank wünscht sich ein Regelwerk, das klar und vorhersehbar ist. Eine solche Klarheit braucht eine Antwort, wenn die zuständige Aufsicht sie bereits gegeben hat. Der Widerspruch steckt in einer einzigen Mitteilung: Ein berechenbares Recht verlangen und auf den Maßstab der Aufsicht mit dem Satz antworten, man lese anders.

Die stärkste Fassung der Gegenposition ist nicht Trotz, sondern Verfahren, und sie hat Gewicht. Eine Aufsichtsfeststellung ist kein Gerichtsurteil. Sie bindet eine Bank nicht wie ein Richterspruch, und wer die Lesart einer Behörde bestreitet, darf verlangen, dass ein Gericht sie prüft. Genau das geschieht jetzt. Den Weg zum Richter hat der Verbraucherrat gewählt, nicht die Bank. Bis hierhin trägt das Argument der Gegenseite. Weiter trägt es nicht. Vor Gericht verteidigt sich eine Bank mit einer Lesart, die sie vorträgt. Eine Lesart, die sie nicht nennt, kann kein Gericht prüfen.

Der Preis hängt an Nordea. Die Bank riskiert eine Summe im zweistelligen Millionenbereich und das Vertrauen der Kunden, deren Kautionen bei ihr liegen. Dazu kommt der Verdacht, den eine Rechtsfrage nicht wecken sollte: dass die Lesart ungenannt bleibt, weil sie sich nicht vorzeigen lässt. Der Verdacht liegt nahe. Ausgeräumt hat ihn die Bank in ihrer Stellungnahme nicht.

Stellen Sie sich vor, Sie gäben Ihre Mietkaution bei Ihrer Bank ab. Die Bank zahlt Ihnen über Jahre keinen Zins, während ein gewöhnliches Sparkonto Zinsen bringt. Dann erfahren Sie, dass eine Aufsicht das für gesetzwidrig hält. Ihre Bank antwortet, sie lese das Gesetz anders. Welche Lesart? Die Antwort fehlt. Das ist kein exotisches Gedankenspiel. Es ist der Fall, den das Forbrukerrådet vor Gericht bringt, mit Tausenden Betroffenen, die Ihre Lage teilen.

Nordea wünscht sich Klarheit. Sie bekommt sie jetzt – vom Gericht, nicht von der Bank.