Ein Herkunftsnachweis, der beim Zwischenhändler endet, sagt über den Wald nichts. Er sagt nur, dass man den Zwischenhändler kennt. Der Fall, an dem sich das prüfen lässt, ist frisch: Nickel aus den Minen Cahaya und Hengjaya auf Sulawesi wandert laut einer Auswertung vom 16. Oktober über Schmelzen und Kathodenwerke des chinesischen Konzerns Zhejiang Huayou Cobalt in die Vorkette von CATL, dem größten Batteriehersteller der Welt. Huayou führt in seinen Unternehmensberichten US- und europäische Autobauer als Endabnehmer. Die Auswertung nennt Volkswagen, Ford und Tesla unter ihnen und sagt dabei ausdrücklich, dass deren Batterien Nickel aus diesen Minen enthalten können. Mehr als eine Möglichkeit ist das nicht.
Die Kette ist länger, als ein Audit am ersten Glied reicht. Das Erz wandert in das Industriegebiet von Morowali an der Ostküste Sulawesis, wo eine lokale Tochter Huayous Limonit zu Mischhydroxid (MHP) verarbeitet, dem wichtigsten Vorprodukt für Batteriekathoden. Dieser Stoff ging laut den Handelsdaten der Auswertung 2024 im Wert von 606 Millionen US-Dollar nach China, 2025 kamen weitere Sendungen im Wert von 470 Millionen US-Dollar hinzu. Von dort reist die Fracht über Land zu Huayous Kathodenwerken in Quzhou nahe Schanghai und in Yulin an der Grenze zu Vietnam. Ein zweiter Weg führt laut Unterlagen und Handelsdaten von Huayou über Polen zum südkoreanischen Konzern LG, der ebenfalls führende Autohersteller beliefert. Zwischen dem Hang und der Zelle liegen also Stationen in Indonesien, China und Polen.
Auf dem Land der indigenen Tolaki zeigen Satellitenbilder großflächige Rodung von Primärregenwald. Wadimula, ein Ältester der Tolaki, wohnt am Rand der 21.000 Hektar großen Cahaya-Konzession, also auf rund 210 Quadratkilometern – etwas weniger als das Stadtgebiet von Frankfurt am Main. „Früher baten wir den Wald um Schutz, und dafür brachten wir ihm Opfergaben. Ihn zu zerstören heißt, unser eigenes Leben zu zerstören.“ Eine Studie der IUCN NL vom Juli 2025 zeigt zudem: Der Nickelabbau auf Sulawesi überschneidet sich mit global bedeutenden Biodiversitätsgebieten. Eine Untersuchung der Umweltorganisation Mighty Earth vom Mai 2026 fasst die Folgen des indonesischen Nickelabbaus für Mensch und Umwelt zusammen.
Was die Hersteller einwenden – und was daran stimmt
Der stärkste Einwand kommt von den Herstellern selbst, und er ist nicht dumm. Nickel ist ein Massengut, und ein Akku trägt kein Etikett mit dem Namen der Grube. Ihr Argument lautet, sie kauften fertige Zellen oder Vorprodukte, kein Erz. Nach Medienberichten verweisen sie auf Zwischenhändler, auf Audits und auf Vertragsklauseln, die Angaben zu einzelnen Zulieferern ausschließen. Dazu kommt, was die Auswertung selbst festhält: Elektroautos sind weniger schädlich als Verbrenner, deren Abgase die Luft verpesten und das Klima aufheizen. Wer einen einzelnen Konzern für den Wald verantwortlich machen will, bestraft womöglich den, der sich am ernsthaftesten um Nachweise bemüht, und lässt den Verbrenner aus dem Spiel. Das Argument trifft in einem Punkt: Eine einzelne Lieferung einem einzelnen Auto zuzuordnen, gelingt mit öffentlichen Unterlagen nicht.
Nur folgt daraus wenig, was die Hersteller entlastet. Wer eine Batterie nicht bis zur einzelnen Zelle zurückverfolgen kann, kann die Menge verfolgen: wie viel Erz aus welcher Konzession in welchen Verbund fließt und wie viel Metall daraus in welche Zellen geht. Das ist keine Perfektion, sondern eine Bilanz. Eine Bilanz, die beim Zwischenhändler aufhört, zählt die Lieferungen des Zwischenhändlers – nicht die Hänge, an denen das Erz gebrochen wurde.
Wann ein Herkunftsnachweis etwas taugt
Die übliche Antwort auf solche Befunde lautet, man prüfe die Lieferkette. Das ist ein Satz, der nichts ausschließt. Mein Maßstab ist enger: Ein Herkunftsnachweis zählt, wenn er vom gerodeten Hang bis zum eingebauten Akku reicht. Zwei Achsen tragen ihn, Ökologie und Minderheitenschutz – die erste, weil es um den Wald geht, die zweite, weil ohne Herkunftsnachweis niemand prüfen kann, auf wessen Land das Erz liegt. Stellen Sie sich einen Kaffeeröster vor, der „fair gehandelt“ auf die Packung druckt und auf Nachfrage erklärt, sein Lieferant habe versichert, die Bohnen seien in Ordnung. Niemand würde ihm diese Auskunft als Nachweis durchgehen lassen. Im Fall der Batterien klingt es ähnlich: Die Hersteller versprechen, ihre Lieferketten zu prüfen, und berufen sich auf Verträge, sobald es um die Namen der Zulieferer geht.
Der Preis dieser Forderung ist benannt: Die Hersteller müssten Auskunftspflichten bis zur Grube in ihre Lieferverträge schreiben. Das kostet Zeit und Verhandlungsmacht, vermutlich auch Lieferanten. Die These hat zudem eine Grenze, die ich ausdrücklich ziehe. Sie behauptet nicht, das Elektroauto sei schmutzig; die Auswertung hält es für weniger schädlich als den Verbrenner. Umweltgruppen setzen an anderer Stelle an: Der Boom großer, materialintensiver SUVs treibt die Fördermenge, und mit jeder Tonne Erz wächst der Druck auf den Wald. Die These fiele, sobald ein Hersteller Lieferungen bis zur Mine dokumentiert und die Belege prüfbar vorlegt.
Der Hang liegt auf Sulawesi. Die Schmelze steht in Morowali. Der Nachweis endet beim Zulieferer.
