Die Null ist das Wort, mit dem die Neobroker das Altersvorsorgedepot verkaufen, und es verkauft sich gut. Trade Republic, Scalable und Smartbroker+ wollen das Depot ohne Depotgebühr führen, die Sparpläne ohne Ordergebühr, und bei einer Auswahl von ETFs die laufenden Fondskosten übernehmen. Die Reform, die das Depot ermöglicht, ist seit dem 8. Mai 2026 in Kraft und wird zum 1. Januar 2027 wirksam. Die Angebote dagegen sind Ankündigungen der Anbieter, und ihre Konditionen stehen in deren Angaben. Die übliche Lesart, der Preiskampf nütze dem Sparer, stimmt für die Depotgebühr. Für die Fondskosten, die über Jahrzehnte wirken, stimmt sie nur, solange die Null hält. Was der Sparer davon hat, fällt kleiner aus, als das Wort Null vermuten lässt – und es trägt ein Datum.
Was die Null bei 1.800 Euro im Jahr wert ist
Rechnen wir mit dem Höchstbeitrag, den der Staat fördert: 1.800 Euro im Jahr, also 150 Euro im Monat. Ein weltweit gestreuter ETF kostet laufend häufig 0,1 bis 0,3 Prozent im Jahr, ein aktiv gemanagter Fonds rund 1,5 Prozent oder mehr. Gegenüber dem günstigen ETF bringt die Null im ersten Jahr 1,80 bis 5,40 Euro, gegenüber dem teuren Fonds rund 27 Euro. Das ist das Argument, mit dem die Anbieter sich verteidigen würden, und es stimmt: Wer ohnehin den teuren Fonds kauft, kann mit der Null rund 27 Euro im Jahr sparen. Wer den günstigen ETF nimmt, bekommt ein paar Euro dazu, im ersten Jahr wohlgemerkt.
Das stärkste Argument gegen diese Kleinrechnung ist die Zeit. Kosten wirken über Jahrzehnte, weil sie aus der Rendite bezahlt werden und nicht aus dem Beitrag, und ein Prozentpunkt kostet bei wachsendem Vermögen von Jahr zu Jahr mehr. Wer das bestreitet, rechnet mit dem ersten Jahr. Das Argument trägt, aber nur so weit, wie die Null reicht. Darauf kommt es an.
Die Zulage ist größer als jede Ersparnis, die die Null verspricht. Bei 1.800 Euro Eigenbeitrag beträgt die Grundzulage bis zu 540 Euro im Jahr. Die Formel knüpft an den Beitrag: die Hälfte der ersten 360 Euro, dazu ein Viertel des Betrags zwischen 360 und 1.800 Euro. Keine Zeile dieser Formel betrifft die Gebühr eines Anbieters. Wer die Wahl des Anbieters an der Gebührenzeile festmacht, optimiert einen Posten, der gegen den günstigen ETF im ersten Jahr einstellig bleibt, und lässt den liegen, der dreistellig ist.
Wie lange die Null hält – und wer danach zahlt
Null bis wann? Die Frage gehört an den Anfang jedes Vergleichs, und die Antworten unterscheiden sich mehr, als die Werbung nahelegt.
Scalable weist die Null bei ausgewählten ETFs bis zum 31. Dezember 2027 aus. Das Datum liegt in dem Jahr, in dem das Depot erst anläuft. Dem Anbieter ist zugutezuhalten, dass er das Ende datiert. Danach ist die Null nicht zugesagt. Die Auswahl steht auf einer Liste, die Scalable nach eigenen Angaben regelmäßig aktualisiert. Wer sein Altersvorsorgedepot frei zusammenstellt, zahlt für jeden gewählten Fonds außerhalb dieser Liste die laufenden Kosten von Anfang an. Die Null hängt also an einer Liste, und die Liste führt der Anbieter.
Smartbroker+ erstattet die Fondskosten drei Jahre lang. Bei Scalable und Smartbroker+ ist die Kostenübernahme außerdem auf eine Anlagesumme begrenzt; danach gilt sie nur unter Bedingungen, etwa einer bestimmten Zahl an Trades im Hauptdepot. Wer über Jahrzehnte einzahlt, braucht dann nicht nur einen Kalender, sondern eine Statistik über die eigenen Trades.
Trade Republic kündigt die Null bei den laufenden Kosten unbefristet an – für mehrere Dutzend ETFs von BlackRock, DWS und Vanguard. Das ist eine Zusage des Anbieters, kein Gesetz, und die Auswahl bestimmt er ebenfalls. Am Altersvorsorgedepot selbst will er nach eigenen Angaben kein Geld verdienen; die Hoffnung ruht darauf, dass dieselben Kunden später weitere Produkte auf derselben Plattform nutzen. Das ist offen ausgesprochen, was man Kundenbindung nennt: die Null am Depot, das Geschäft am Kunden.
Ein Gedankenspiel: Eine Versicherung erließe die Abschlussgebühr für drei Jahre und setzte den Tag, an dem sie wieder fällig wird, in eine Fußnote. Man würde das eine Eröffnungsaktion nennen und den Vertrag zweimal lesen. Beim Altersvorsorgedepot, das über Jahrzehnte läuft, wäre die Fußnote der Hauptsatz.
Der Gesetzgeber hat für das Standarddepot eine Obergrenze von 1,0 Prozent Kosten im Jahr festgelegt. Eine Decke ist keine Preisvorgabe, aber sie zeigt, wo der Maßstab liegt: bei einem Prozent. Die Werbung setzt ihn bei null. Dazwischen liegt die Frage, wie lange die Null hält. Die beantwortet heute niemand verbindlich. Wer das Angebot ernst nimmt, öffnet deshalb vor dem Konto den Kalender.
Bei zwei von drei Anbietern ist die Zeit schon festgesetzt. Den Preis zahlt nicht, wer heute wirbt, sondern wer 2028 noch einzahlt und die Null für einen Dauerzustand hält. Die Zulage hängt am Beitrag, die Null am Kalender.
