Am Sonntag hat Audi in Singapur zum ersten Mal in dieser Saison sowohl im Sprint als auch im Hauptrennen Punkte geholt. Im Sprint am Samstag wurde Nico Hülkenberg Siebter, im Rennen Achter, und holte dort vier Punkte. Die Punkte tragen aber nur einen Namen. Der zweite Audi-Pilot steht auf der anderen Seite der Bilanz: Gabriel Bortoleto schied früh im Rennen aus. Sein Funkspruch lautete: «Getriebe kaputt». Das Team sprach von einem vermuteten Getriebeproblem.
Der Sprint-Punkt verlangt eine Einordnung. Von 22 Autos kamen nach mehreren Unfällen nur 13 ins Ziel, und Audis siebter Platz entstand auch deshalb, weil zwei McLaren in der Schlussrunde zusammenstießen. Hülkenberg hat die Gelegenheit genutzt, daran gibt es nichts zu deuteln. Aber ein Ergebnis, das ein Unfall der Konkurrenz mitschreibt, ist ein anderes Ergebnis als eines, das auf der Strecke entsteht.
Im Hauptrennen war es ein anderes Bild. Hülkenberg fuhr fast das ganze Rennen hinter Liam Lawson im Racing-Bulls-Auto und hatte in der zweiten Hälfte George Russell im Rückspiegel. Russell musste aus der letzten Reihe starten, nach einer Strafe für einen Wechsel der Power Unit. Er arbeitete sich schnell nach vorn, an Hülkenberg aber biss er sich die Zähne aus. Im Ziel lag Russell 1,1 Sekunden zurück und wurde Neunter. Hülkenberg, im 266. Grand Prix seiner Karriere, machte ihm das klar: „Hier kommst du nur mit der Brechstange vorbei!“
Was McNish für das Wochenende anführt
Allan McNish, Rennleiter von Audi, nennt Hülkenbergs Rennen «eines der besten, die ich je von Nico gesehen habe». Das Team könne ziemlich stolz sein, sagt er, und es sei das erste Mal im Jahr 2026, dass Audi im Sprint und im Hauptrennen Punkte holt. Dass Bortoleto ausfiel, macht das Ergebnis für das Team, so McNish, «etwas bittersüß». Die stärkste Fassung dieser Lesart geht so: Eine Premierensaison ist ein Lernprozess, und wer in einem Wochenende zweimal punktet, zeigt, dass das Auto unter die Punkte fahren kann. Teams lernen das nicht an einem Abend. Ein Auto, das einen erfahrenen Fahrer über Dutzende Runden vor einem Mercedes hält, ist kein schlechtes Auto. Dieser Einwand trifft, und er verdient mehr als eine Höflichkeitsfloskel.
Mein Einwand setzt bei der Rechnung an, nicht beim Fahrer. In der Konstrukteurswertung zählen die Ergebnisse beider Autos zusammen. Im Kampf um den siebten Platz hat Audi nach Singapur den Rückstand verringert, das ist ein echter Fortschritt. Die Punkte dafür kommen aber aus einem Cockpit: vier aus dem Rennen, zwei aus dem Sprint, und der Sprint-Punkt ist zum Teil ein Geschenk der Unfälle anderer. Wer die Zahl als Teamleistung liest, muss erklären, warum das zweite Auto am selben Wochenende nichts beisteuerte.
Die Serie, die ein Getriebeproblem nicht erklärt
Den Ausfall in Singapur erklärt ein technisches Problem, das Team spricht von einem vermuteten Getriebeproblem. Die Serie davor erklärt es nicht. Nach dem neunten Platz beim WM-Start in Australien fuhr Bortoleto sieben Rennen ohne Punkte. Dann folgten zwei achte Plätze, in Silverstone und in Spa, und nun sind es wieder sieben Rennen in Folge ohne Zähler. Bortoleto selbst sagt: «Bei mir stimmt gar nichts mehr. Zudem hat mich das Glück verlassen.» Die Serie ist ein Befund über das Ergebnis, nicht über seine Ursache. Gerade deshalb gehört sie dem Team und nicht nur dem Fahrer.
Mein Urteil fällt deshalb anders aus als das des Rennleiters. Das Team spricht von Stolz; sein zweiter Fahrer hat wieder sieben Rennen in Folge ohne Punkte hinter sich. Ein Team, das im Kampf um den siebten Platz steht, kann eine solche Serie nicht als Einzelfall verbuchen, ganz gleich, woran sie liegt. Dem Einwand, Premierensaisons brauchten Zeit, gebe ich recht. Gerade deshalb ist die Serie das Signal: Zeit nutzt nur, wer Punkte aus beiden Autos holt. Der Preis dieser Lesart ist konkret: Das Konto hat bisher einen Einzahler. Wer seine Punkte aus einem Cockpit holt, hängt an diesem Cockpit, und ein Wochenende ohne den Mann darin bliebe bei null Punkten.
Die Lesart lässt sich prüfen, und die nächste Gelegenheit ist nah: Austin ist die nächste Station. Die Serie wäre gebrochen, sobald Bortoleto dort wieder punktet. Er hat sein Ziel selbst formuliert, bescheiden und ohne Umschweife: «Dann müsste ich ja in Austin endlich wieder unter die ersten zehn fahren.» Gelingt es, hat Audi ein Problem weniger. Gelingt es nicht, bleibt das Konto bei einem Einzahler.
Ein Fahrer rettet ein Wochenende. Eine Premierensaison braucht zwei.
