Ein Lied, das „Wenn ich die Bundeswehr wäre“ singt, ist an der ersten Silbe als Konjunktiv zu erkennen. Der Refrain dieses Liedes besteht im Kern aus dem Titel, der Rest ist Programm. Funny van Dannen, Liedermacher, Schriftsteller und Maler, Jahrgang 1958, stellte es als offizielles Video unter dem Zusatz „2. Advent 2019“ ins Netz. Er hat eine Armee gewählt, die weder je gefragt wurde noch je antworten dürfte, und ihr eine Regierungserklärung in den Mund gelegt.
Was die Bundeswehr im Lied alles täte
Die Reihenfolge des Wunschzettels ist der halbe Witz. Erst enteignet die Bundeswehr die Superreichen, und zwar, so das Lied ausdrücklich, ohne Entschädigung. Vom Erlös kauft sie sich die besten Waffen, was für eine Armee die erwartbarste Ausgabe wäre. Dann wird das Lied großzügig: Geld fließt in Bildung, und was übrig bleibt, bekommt Bayern München, damit der Klub endlich wieder die Champions League gewinnt.
Man muss dem Lied lassen, dass es seine Haushaltsplanung zügig erledigt. Kein Bundestag, kein Haushaltsausschuss, keine Anhörung. Der Sachbearbeiter in uns fragt nach der Rechtsgrundlage. Das Lied antwortet nicht, es hat gerade den Fußball verteilt.
Dann der Absatz, der alles dreht. Plötzlich fällt der Bundeswehr ein, dass sie die Armen vergessen hat. Die habe sie ganz vergessen, singt sie. Sie könne sich eben nicht um alles kümmern. Der Satz ist die schönste Stelle: Die Allmacht, die eben noch Milliarden hin- und hergeschoben hat, entdeckt ihre Grenze an einer Kleinigkeit, und zwar an der, um die es in Verteilungsdebatten eigentlich geht.
Wie das Lied seine Ironie baut – und wen sie trifft
Drei Signale verraten, dass hier das Gegenteil des Gesagten gemeint ist. Erstens die Form: „Wenn ich X wäre“ ist das Spiel, mit dem Kinder Macht probieren. Wer so beginnt, verspricht keine Politik, sondern Phantasie. Zweitens der Rollentausch: Die Bundeswehr hat laut Grundgesetz einen Auftrag, nämlich die Verteidigung. Artikel 87a Absatz 1 sagt, der Bund stelle Streitkräfte zur Verteidigung auf. Vermögensumverteilung und Vereinsförderung stehen dort nicht, auch nicht im Kleingedruckten. Drittens das Tempo: Der Text springt vom Staatsumbau zum Rasen, ohne Atem zu holen. Wer das Lied ernst nimmt, hat es nicht verstanden. Wer es nur komisch findet, hat es auch nicht ganz verstanden.
Gegen wen richtet es sich? Nicht gegen Soldatinnen und Soldaten; die Figur ist eine Institution, keine Person. Das Lied zielt auf alle, die große Summen verteilen, ohne sie je aufbringen zu müssen. Dazu gehören die Rüstungsdebatten, in denen Geld für Waffen und Geld für Schulen gegeneinander aufgerechnet werden. Dazu gehören auch die Umverteilungsträume, in denen die Reichen herhalten müssen, und der Fußball als nationales Trostpflaster. Das Lied nennt keine Ministerin und keinen Minister. Der Spott bleibt bei den Rollen, und das ist ein sauberer Schnitt. Wer sich angesprochen fühlt, tut es freiwillig.
Er trifft auch den Sänger. Wer als Armee die Armen vergisst, hat ihnen kein Wunschkonzert gewidmet, sondern eine Pointe. Das ist eingestanden, nicht verschwiegen, und dadurch ehrlicher als die meisten Programme, die sich in solchen Fällen „Prioritätensetzung“ nennen.
Was das Grundgesetz dazu sagt – und was seit 2019 daraus wurde
Die Gegenseite der Superreichen ist in diesem Fall kein Verband, sondern das Grundgesetz selbst. Artikel 14 Absatz 3 lässt Enteignung nur zum Wohle der Allgemeinheit zu und nur durch oder aufgrund eines Gesetzes, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Ein „entschädigungslos“ gibt es dort nicht. Das Lied weiß das, weshalb es das Wort mit Absicht singt: Die Pointe ist der Rechtsbruch, den die Figur im selben Atemzug begeht, in dem sie Waffen kauft.
Der Streit, den das Lied führt, hat sich seither verschoben, und zwar so, dass die Wirklichkeit dem Lied einen Gefallen getan hat. Seit 2022 steht in Artikel 87a Absatz 1a des Grundgesetzes ein Sondervermögen für die Bundeswehr von 100 Milliarden Euro, eine Summe, die sich eine Alltagsfantasie kaum vorstellen kann: so viel, dass man jeder Einwohnerin und jedem Einwohner Deutschlands rund 1.200 Euro auszahlen könnte. Bezahlt wird sie nicht mit enteignetem Vermögen, sondern mit Krediten. Seit der Grundgesetzänderung vom März 2025 sind Verteidigungsausgaben oberhalb einer Grenze von einem Prozent der Wirtschaftsleistung zudem von der Schuldenbremse ausgenommen (Artikel 109 Absatz 3). Die Bundeswehr kauft ihre Waffen also tatsächlich – nur ohne Enteignung, dafür auf Rechnung der Nachgeborenen. Das Lied hätte es nicht besser erfinden können: Aus dem Umverteilungstraum wurde eine Verschuldungsroutine.
Eine entschädigungslose Enteignung ist nicht in Sicht. Der Fußball hat bisher nichts abbekommen.
Kontrapunkt: Das Lied macht es sich bei den Reichen leicht
Der Einwand gegen das Lied ist, dass es sich seine Gegner bequem hält. „Die Superreichen“ sind eine Wolke, kein Adressat: Niemand wird beim Namen genannt, keine Steuerart, keine Vermögensgrenze, kein Gesetz. Die Pointe von der entschädigungslosen Enteignung funktioniert nur, weil sie niemandem wehtut, auch dem Publikum nicht, das mitnickt. Das Lied verlangt von der Bundeswehr, was es keiner Partei durchgehen ließe: Wünsche ohne Rechnung. Und die Armen kommen vor, damit der Witz sitzt, nicht damit jemand an sie denkt. Das Lied entlarvt das Verteilen aus der Hüfte und tut es selbst, drei Minuten lang. Es darf. Aber ein Lied, das den Wunschzettel verspottet, sollte zugeben, dass es auch einen geschrieben hat.