Ob es sich um Spionage handelt, ist damit nicht bewiesen. Belegt ist eine Beobachtung und eine Einschätzung, die darauf aufbaut.
Was beobachtet wurde
Nach Medienberichten, die auf Recherchen mehrerer Redaktionen aus Deutschland zurückgehen, läuft seit einigen Monaten im geostationären Orbit ein Vorgang, der westliche Sicherheitskreise beunruhigt. Dort soll sich der chinesische Satellit TJS-20 einem kommerziellen Kommunikationssatelliten genähert haben, der zum Netz von Inmarsat gehört.
TJS-20 wurde im Oktober 2025 gestartet. Sein Name verweist auf das Testprogramm Tongxin Jishu Shiyan, das offiziell wissenschaftlichen Zwecken dienen soll. Westliche Militärs und Geheimdienste sehen darin nach den Berichten eine Tarnung für militärische Raumfahrtspionage. Innerhalb des Programms gibt es Klassen: die Frühwarnsatelliten „Huoyan“, die fremde Raketenbasen überwachen, und die als „Qianshao“ bezeichneten Vorposten. Nach Einschätzung von Experten gehört TJS-20 zur zweiten Klasse, die für elektronische Spionage in geostationären Bahnen gebaut worden sei.
Die Annäherung selbst beschreibt bislang vor allem das französische Unternehmen Aldoria. Es arbeitet nach eigenen Angaben eng mit der französischen Raumfahrtagentur und dem Militärweltraumkommando des Landes zusammen. Aldoria zufolge hat sich TJS-20 dem Inmarsat-Knotenpunkt zeitweise bis auf etwa 100 Kilometer genähert. Die Experten des Unternehmens deuten das Flugmanöver als Signal militärischen Interesses. Vergleichbares sei bei keinem westlichen Partner- oder NATO-Satelliten beobachtet worden.
Die Beobachtung stammt also von einem Unternehmen, das Raumfahrtüberwachung betreibt, nicht von einer Regierung. Das macht sie nicht falsch. Es bedeutet aber, dass sie als Angabe gelesen werden muss und nicht als amtliche Feststellung.
Warum 100 Kilometer im geostationären Orbit zählen
Ein Abstand von 100 Kilometern wirkt im All wie ein Streifschuss. Im geostationären Orbit ist er das nicht. Die Bahn liegt rund 36.000 Kilometer über dem Äquator. Dort braucht ein Satellit für einen Umlauf genauso lang wie die Erde für eine Drehung, weshalb er vom Boden aus scheinbar stillsteht. Die Zone ist begrenzt, die Satelliten darin teilen sich ein enges Band. Wer sich einem anderen Satelliten dort bis auf wenige Hundert Kilometer nähert, kann dessen Funkverkehr aus nächster Nähe empfangen. Darauf beruht der Verdacht der Spionage. Ob TJS-20 tatsächlich Signale auswertete, zeigt die Beobachtung nicht. Sie zeigt die Nähe, nicht den Inhalt.
Die stärkste Gegenposition hat zwei Teile. Erstens sind Satelliten keine Stillstandsobjekte. Betreiber bewegen, verschieben und überwachen sie, Nähe kann schlicht Betrieb sein, und China stellt sein Programm als wissenschaftlich dar. Zweitens beruht die Einordnung als Spionage auf Auswertungen und Expertenurteilen, ein Beweis ist sie nicht. Wer aus der Zahl „100 Kilometer“ auf eine Tat schließt, überspringt diese Lücke. Wer den Befund als Routine abtut, übersieht, dass ein Unternehmen nach eigenen Angaben etwas gesehen hat, das bei keinem westlichen Partner- oder NATO-Satelliten vergleichbar auftrat.
Was die Bundeswehr im All besitzt und was sie zukauft
Die Bundeswehr kommuniziert über SATCOMBw. Das System stützt sich auf zwei geostationäre Satelliten, COMSATBw-1 und COMSATBw-2, die in rund 36.000 Kilometern Höhe stehen. Die Bundeswehr beschreibt es als Grundlage für weltweit abhörsichere Telefonate, Videokonferenzen und Internetzugang der Einsatzkräfte. Medienberichte zeichnen ein anderes Bild der Gesamtlage: Die Truppe betreibt im All nur eine Handvoll eigener Satelliten und nutzt für den militärischen Datenverkehr private Dienste. Für die weltweite Datenübertragung ist sie nach diesen Berichten auf die Infrastruktur des britischen Anbieters Inmarsat angewiesen.
Hier liegt der Kern des Falls. Abhörsicherheit ist das Versprechen des eigenen Systems. Ein Teil des Verkehrs läuft jedoch über einen zugekauften Dienst, dessen Satelliten nun im Blick eines fremden Satelliten stehen. Die Sicherheit dieses Verkehrs hängt deshalb nicht allein an den eigenen Satelliten, sondern auch an einer Infrastruktur, die die Bundeswehr nicht besitzt.
Verwundbare Satellitenterminals sind kein neues Thema. Forscher zeigten 2014 Schwachstellen in Satellitensystemen verschiedener Hersteller auf, darunter solche, die auch Inmarsat nutzt. Diese Lücken hätten potenziell zur Ortung von Soldaten oder zur Störung von Systemen führen können. Der aktuelle Vorgang reiht sich in eine Debatte ein, die älter ist als er. Die Bundeswehr hält sich zu dem Vorgang bislang mit Details zurück.
Was als Nächstes ansteht
Geplant ist, die Nachfolger COMSATBw 1B und 2B ab 2027 in Betrieb zu nehmen. Die Beschaffung soll rund 2,2 Milliarden Euro kosten, die neuen Satelliten sind auf etwa 15 Jahre Lebensdauer ausgelegt. Über Beschaffungen dieser Größenordnung berät und beschließt der Bundestag. Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) plant zudem die Beschaffung von Satellitenterminals.
Auf einer anderen Ebene wächst der Schutzbedarf ebenfalls. Im Juni 2026 beriet der Bundestag einen Gesetzentwurf zur Stärkung der Cybersicherheit, der eine aktive Cyberabwehr vorsieht, also die Möglichkeit, angreifende Infrastruktur zu stören. Ob der Entwurf Satellitenverbindungen einschließt, wird im weiteren Verfahren zu klären sein. Das Bundesamt für den Militärischen Abschirmdienst warnt im Oktober 2026 vor zunehmender Sabotage und Spionage.
Woran man erkennt, ob die Deutung trägt, lässt sich konkret benennen. Bestätigt eine zweite Stelle die Annäherung unabhängig, werden Bahndaten veröffentlicht, die ein Manöver ausweisen, oder geht COMSATBw 1B 2027 tatsächlich in Betrieb, steht die Deutung auf festerem Boden. Bleibt es bei der einen Beobachtung, zeigt der Fall die Abhängigkeit, aber nicht den Schaden.
