Am Anfang steht ein Handy. Auf dem Handy sind Fotos. Und dann, als Begründung dafür, dass der Kontakt zu der abgebildeten Frau kein Problem mehr darstelle: „Diese Frau wurde getötet. Von ihrem Freund." Klaviermusik. Kamerafahrt auf das Gesicht des Darstellers.
Was in der vierten Folge von „Bad Boyfriends" am 11. Juli 2026 auf RTL+ zu sehen war, dauerte Sekunden. Die öffentliche Debatte darüber hielt länger an – nicht weil ein Femizid thematisiert wurde, sondern weil er nicht thematisiert wurde. Er passierte einfach, als Plotmittel, als der Satz, der das Gespräch zwischen Maki Doric und seiner Freundin Michelle Mišić in eine andere Richtung lenkte.
Was in der Sendung geschah
„Bad Boyfriends" ist ein Reality-Format, in dem Frauen ihre Partner unter Vorwänden nach Teneriffa locken lassen und sie dort mit vermuteten Fehltritten konfrontieren. In der fraglichen Folge übergibt Maki Doric seiner Freundin Michelle Mišić sein Handy – auf dem sie Nacktfotos einer anderen Frau findet. Maki erklärt, die Fotos seien ihm ungefragt zugeschickt worden. Dann fügt er hinzu, weiterer Kontakt werde nicht stattfinden, weil die Frau inzwischen tot sei – getötet von ihrem Freund.
Die Produktion ließ die Aussage stehen. Kein Moderationskommentar, keine Einordnung, kein Hilfsangebot für Betroffene von Beziehungsgewalt. Was RTL+ einblendete: einen Hinweis, beim Versenden privater Fotos vorsichtig zu sein – das war die redaktionelle Reaktion auf einen im Bild erwähnten Mord.
Das Gespräch zwischen Maki und Michelle lief weiter. Maki warf seiner Freundin vor, sie mache sich „kaputt und klein". Als sie seine Online-Affäre ansprach, sagte er: „Ich versuche, dass du einfach mal glücklicher bist." Ein Banner mit der Nummer eines Hilfetelefons erschien – für Menschen, die „toxisches Verhalten" kennen.
Das Geschäftsmodell dahinter
Empörung ist keine Nebenerscheinung des Formats, sie ist sein Antrieb. Die Sequenz wanderte nach der Ausstrahlung auf Instagram und TikTok – Kommentarspalten füllten sich mit Reaktionen wie „Mehr Gaslighting geht nicht" und „Michelle, renn!". Wer sich über die Szene aufregte und sie teilte, beförderte damit die Reichweite der Sendung.
Das ist kein Zufall. Als Reality-TV noch hauptsächlich im linearen Fernsehen lief, war die Empörung auf den nächsten Tag beschränkt – eine Zeitungsschlagzeile, ein Anruf beim Sender. Heute ist die Empörung selbst ein Verbreitungskanal. Eine Szene, die auf TikTok viral geht, erreicht ein Publikum, das die Sendung nie eingeschaltet hat. Die Clips werden von Menschen geteilt, die das Format ablehnen – und erzeugen dabei dieselbe Aufmerksamkeit wie ein positiver Bericht.
Eine Studie aus dem Jahr 2021, die über 90.000 Beiträge auf verschiedenen Plattformen zu den Formaten „Love Island" und „Married at First Sight" auswertete, belegte, dass 26 Prozent der Tweets, die weibliche Teilnehmerinnen namentlich erwähnten, als missbräuchlich eingestuft wurden – gegenüber 14 Prozent bei männlichen Teilnehmern. Frauen, insbesondere Frauen of Color, waren überproportional häufig Ziel von Drohungen und sexualisierter Beschimpfung. Die Struktur der Plattformen – Algorithmen, die Polarisierung belohnen – verstärkt diesen Effekt.
Was RTL danach tat
Als der Shitstorm nicht abflaute, forderte RTL in einer Instagram-Story, mit dem „behandelten Thema" „respektvoll und verantwortungsbewusst" umzugehen. Die Aufforderung richtete sich an das Publikum. Danach kündigte der Sender an, die Folgen nachträglich anzupassen.
Auf Anfrage erklärte eine RTL-Sprecherin, die Konfrontation mit den Handy-Inhalten sei „ein wesentlicher Bestandteil der Beziehungsgeschichte von Michelle und Maki und damit ein zentrales Element der in ‹Bad Boyfriends› erzählten Handlung" gewesen. Man lege großen Wert darauf, mit sensiblen Themen verantwortungsvoll umzugehen. „Die Darstellung der Inhalte beschränkt sich auf das für die erzählte Handlung erforderliche Maß."
Das ist die Argumentation: Der Femizid war nötig für die Geschichte. Nicht: Die Geschichte hätte ohne den Femizid erzählt werden können.
Was Forschung zum Muster sagt
Die MaLisa Stiftung hat in einer Inhaltsanalyse des deutschen Fernsehens festgestellt, dass in etwa einem Drittel aller TV-Sendungen geschlechtsspezifische Gewalt vorkommt, Frauen dabei überproportional häufig als Opfer inszeniert werden und die Perspektive der Betroffenen nur in acht Prozent der Darstellungen ausführlich zu Wort kommt. Hinweise auf Hilfsangebote oder gesellschaftliche Einordnung fehlen in den meisten Fällen.
In Doku-Soaps und Scripted-Reality-Formaten – das Genre, dem „Bad Boyfriends" zuzurechnen ist – kommen missbräuchliche Inszenierungen und die Instrumentalisierung sexualisierter Gewalt laut dieser Analyse besonders häufig vor. Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2021 zeigte, dass Frauen, die Trash-TV konsumierten, eine höhere Akzeptanz für sexualisierte Gewalt im Partykontext entwickelten.
Das macht aus einer RTL+-Folge noch keine gesellschaftliche Ursache. Aber es beschreibt einen Kreislauf: Formate, die Gewalt gegen Frauen zur Kulisse machen, bedienen und verstärken Wahrnehmungen, die wiederum solche Formate alimentieren.
Woran man erkennt, was folgt
Ob RTL die angekündigte Anpassung der Folgen umgesetzt hat und wie sie aussieht, lässt sich auf Basis der vorliegenden Informationen nicht abschließend beurteilen. Ob Medienaufsichtsbehörden den Vorgang aufgegriffen haben, ist nach aktuellem Stand nicht belegt.
Was belegt ist: Der Sender hat eine Szene ausgestrahlt, in der ein Femizid ohne Einordnung als Gesprächsmittel diente – und danach das Publikum um Sensibilität gebeten. Das nächste Erkennungszeichen dafür, ob sich etwas ändert, sind die kommenden Folgen des Formats und die redaktionellen Entscheidungen, die in ihnen sichtbar werden.
