Klopp hat seine 44 Spieler in zwei Kader geteilt. Kimmich gehörte zum ersten, spielte in Amsterdam (1:1) und Augsburg (0:1) jeweils die volle Zeit und reiste danach ab. Nach Berichten wäre er gern bei allen Spielen geblieben und hat das gesagt. Klopp wiegelte ab: Er wolle sehen, wie sich die Jüngeren schlagen, wenn die „Platzhirsche“ fehlen, und es könne ja immer jemand ausfallen.

Die beiden Spiele danach brachten einen Sieg (2:0 gegen Serbien) und ein 0:0. Pavlović und Bischof, Kimmichs Vereinskollegen aus München, überzeugten im defensiven und zentralen Mittelfeld. In Thessaloniki trug Florian Wirtz die Kapitänsbinde.

Der Satz

Dazu sagte Klopp: „Ich möchte die Mannschaft auch mal ohne den Leitwolf sehen.“ Kahn reagierte in einer Talkrunde: „Ich persönlich finde diese Aussage aus Sicht von Joshua Kimmich nicht besonders positiv.“ Und weiter: „Denn was sagt er damit? Er möchte sehen, ob eine bestimmte Persönlichkeit möglicherweise eine Mannschaft hemmt. Und das gibt es tatsächlich.“ Nach Kahns Ansicht hat Klopp damit das Standing des Kapitäns infrage gestellt: „So etwas sollte man öffentlich nicht sagen, weil man den Spieler damit auf eine gewisse Art und Weise diskreditiert.“

Matthäus hielt dagegen: „Jürgen Klopp hat es ja erklärt, warum er diese Maßnahme ergriffen hat und die Mannschaft zweimal ohne ihren Kapitän auskommen musste. Für mich ist Joshua Kimmich gesetzt.“ Kimmich sei für ihn in Amsterdam der beste Feldspieler gewesen: „Er ist ein Anführer, er hat Erfahrung.“

Was Kahn hört und was entschieden wurde

Kahn liest den Satz als Aussage über eine Persönlichkeit, die eine Mannschaft hemmen könnte. Klopps eigene Begründung ist eine andere: Er wollte die Jüngeren ohne die Etablierten sehen und gegen Ausfälle vorsorgen. Das ist eine Sichtungsentscheidung und bei vier Verletzten im Lehrgang keine abwegige.

Hinzu kommt die Aufstellung. Im 4-3-3 gibt es einen Mittelfeldspieler vor der Abwehr und keine Doppelsechs. Nach Einschätzung von Beobachtern läuft das auf die Wahl zwischen Kimmich und Pavlović hinaus. Wer so spielt, muss auf dieser Position jeweils einen von zwei Münchnern aufstellen, und dazu braucht er keinen Charakterbefund. Der Satz vom Leitwolf hat aus der Positionsfrage eine Persönlichkeitsfrage gemacht. Ein Leitwolf, den man „auch mal ohne“ sehen will, ist ein Kompliment mit Fußnote.

Der stärkste Einwand

Kahn spricht aus Erfahrung. 2004 wanderte die Kapitänsbinde unter Jürgen Klinsmann von ihm zu Michael Ballack. Sein Argument ist stark: Die Autorität eines Kapitäns hängt auch daran, wie der Trainer öffentlich über ihn spricht, gleichgültig, was er gemeint hat. Dazu kommt, dass Klopp keine Stammplatzgarantie ausgesprochen hat; „gesetzt“ ist Matthäus’ Wort, nicht seines. Klopp selbst hat vor dem Thema zuletzt mehr oder weniger kapituliert: Die Medien würden ohnehin „etwas draus“ machen.

Das stimmt alles, und es ändert wenig an der Sache. Kahn trifft die Formulierung, nicht die Entscheidung. Klopp muss auf der Sechs wählen; das ist sein Beruf. Der Fehler lag darin, die Wahl in ein Wort zu packen, das über Charakter spricht, und danach nichts zu sagen, was die Wahl wieder zu einer Positionsfrage macht.

Die Auskunft, die der Streit braucht, passt in einen Satz: Kimmich ist Kapitän und spielt, wenn er der Beste auf der Position ist, oder die Position ist offen. Beides wäre eine Entscheidung. Bisher gibt es nur den Wolf.