Markus W. trainierte Jugendmannschaften in diversen Vereinen im Ruhrgebiet. Er lud Kinder zu McDonald's ein, schenkte einem Jungen aus ärmlichen Verhältnissen eine Playstation, gewann das Vertrauen der Eltern. Sechs Jungen vergewaltigte er. Siebzehn Jahre lang stoppte ihn niemand. Im Oktober 2025 verurteilte ihn ein Gericht in erster Instanz zu dreizehneinhalb Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung; eine Revision steht noch aus.

Das ist der Kern des Problems, und er hat nichts mit einem Einzeltäter zu tun.

Was das Muster trägt

Jonas Hummels, 36, ehemaliger Profi bis zur 3. Liga und Bruder von Mats Hummels, hat eineinhalb Jahre recherchiert. Ausgangspunkt war die SpVgg Unterhaching, sein früherer Club. Im Umfeld des Vereins tauchte immer wieder ein Spielerberater auf, dem vorgeworfen wird, minderjährige Klienten geküsst, im Intimbereich berührt und medizinische Behandlungen vorgetäuscht zu haben. Die Agentur entließ ihn. Auf freiem Fuß blieb er trotzdem.

Hummels benennt in seiner Dokumentation „Tatort Jugendfußball", die am 7. Oktober 2026 im ZDF erschien, zwei Muster: Täter nutzen erstens die Strahlkraft des Fußballs und großer Vereinsnamen – Fälle dokumentiert bei 1. FC Köln, Schalke 04, Borussia Dortmund, VfB Stuttgart. Zweitens bauen sie über Monate Vertrauensverhältnisse auf, die weit in die Familien hineinreichen: Pizzaabende, Alkohol für 14-Jährige, Zigaretten, Einladungen in Indoorfußballhallen. Lutz Munack, Geschäftsführer für Kinder und Jugend bei Union Berlin, formuliert es ohne Umschweife: „Für Leute, die Kinderschutzgrenzen überschreiten, ist der Sport wie ein Magnet."

Die Zahlen hinter der Dokumentation: 44 Strafverfahren seit 2015, mehr als 200 Betroffene, recherchiert von München über Frankfurt und Leipzig bis nach Hannover. Das Bundeskriminalamt zählte 2025 bundesweit mehr als 18.000 Kinder und Jugendliche als Opfer sexueller Gewalt – ausschließlich polizeibekannte Fälle. Die Dunkelziffer liegt höher, das ist Konsens.

Was der DFB liefert

Hier liegt die eigentliche These dieses Stücks, und sie ist unangenehm: Der DFB weiß seit Jahren, dass er ein Problem hat. Er weiß es so gut, dass seine eigene Vizepräsidentin für Safe Sport, Silke Sinning, die eingehenden Missbrauchsmeldungen öffentlich als „Spitze des Eisberges" bezeichnet – und zugleich einräumt, dass der Verband datenschutzrechtliche Hürden bei der Aufarbeitung hat. Ihre Forderung: zwanzig zusätzliche hauptamtliche Mitarbeiter im Kinderschutz.

Das ist die ehrliche Fassung der Gegenposition: Der DFB ist überfordert, nicht böswillig. Die Strukturen des deutschen Amateurfußballs – mehr als 24.000 Vereine, ein Flickenteppich aus Landesverbänden, ein ehrenamtlich organisierter Alltag – machen flächendeckende Kontrolle schwer. Niemand bestreitet die Dimension. Das Problem ist ein anderes.

Der DFB hat für die Jahre 2026 bis 2029 einen Masterplan Amateurfußball aufgesetzt. Er zielt darauf ab, das Vereinsnetz zu erhalten und zu stärken – Spielbetrieb, Qualifizierung, Verbandsentwicklung. Was fehlt, sind verbindliche, sanktionierbare Standards zum Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt: keine Pflicht zur Benennung ausgebildeter Kinderschutzbeauftragter in Vereinen, kein externer Meldeweg, der unabhängig vom Verein funktioniert, kein Ausschluss aus dem Spielbetrieb bei fehlenden Nachweisen.

England zeigt, was möglich ist. Nach einem großen Missbrauchsskandal 2016 setzte der englische Verband eine unabhängige Untersuchungskommission ein, die dreizehn Handlungsempfehlungen erarbeitete – darunter die Verpflichtung hauptamtlicher Kinderschutzbeauftragter. Das war kein Selbstläufer, und es löste das Problem nicht vollständig. Aber es schuf Strukturen, die Rechenschaft erzwingen.

Die Währung, in der gezahlt wird

Wer jetzt einwendet, dass freiwillige Selbstverpflichtungen im Ehrenamt das Machbare seien, hat recht mit der Diagnose und zieht den falschen Schluss. Selbstverpflichtungen ohne Sanktionsmechanismus sind Imagepflege. Der DFB investiert erheblich in Talentförderung, Nachwuchsleistungszentren und Vereinsentwicklung. Kinderschutz bleibt dagegen das Ressort der guten Absicht.

Einen Betroffenen rief die Polizei an, als er dreißig Jahre alt war. Ermittler waren auf Hinweis eines anderen Opfers auf seinen früheren Jugendtrainer gestoßen und hatten dabei kinderpornographisches Material auch von ihm gefunden. Bis zu diesem Anruf hatte er nie über das gesprochen, was ihm damals passiert war.

Das ist die Währung, in der der Preis dieser Unterlassung gezahlt wird. Nicht in Medaillen, nicht in Imagepunkten. In schweigenden Dreißigjährigen.

Hummels fragt in der Dokumentation: „Warum hat niemand den Berater N. gestoppt?" Die Antwort trägt der DFB-Masterplan nicht. Sie steckt in einer Frage, die der Verband sich stellen müsste: Was ist es uns wert, die 2,5 Millionen Kinder und Jugendlichen, die in Deutschland im Verein Fußball spielen, tatsächlich zu schützen – nicht nur zu versichern, dass man es will?

Bisher lautet die Antwort: weniger als eine verbindliche Pflicht.