Seit dem Herbst 2022 ist wieder Zeitenwende. Eine Software vervollständigt Sätze, und das Abendland diskutiert sein Ende, diesmal mit Folien. Die einen versprechen die Abschaffung der Arbeit, die anderen die Abschaffung des Menschen, und beide verkaufen Tickets für dieselbe Konferenz.
Die These dieser Schrift ist bescheidener: Es ändert sich nichts. Es hat sich noch nie etwas geändert. Der Mensch hat in fünfeinhalbtausend Jahren jedes Werkzeug bekommen, das er sich wünschen konnte, und ist mit jedem derselbe geblieben: eitel, bequem und jederzeit bereit, sich vor dem eigenen Hammer zu fürchten.
Das Rad
Irgendwo zwischen Mesopotamien und dem Laibacher Moor kam im vierten Jahrtausend vor Christus jemand auf die Idee, eine Scheibe auf eine Achse zu stecken. Man darf annehmen, dass am selben Abend ein Träger am Feuer saß und erklärte, das sei das Ende des Tragens, also des Trägers, also der Kultur.
Es folgte keine neue Menschheit. Es folgte die alte, mit Karren. Die Last wurde nicht leichter, es wurde nur mehr davon bewegt, von denselben Leuten für dieselben Herren. Dem Karren folgten der Wegezoll und der Streitwagen.
Das Rad hat den Radius vergrößert, in dem der Mensch sich so benimmt wie vorher.
Der Buchdruck
Um 1450 druckt Gutenberg in Mainz mit beweglichen Lettern, und die Legende will, dass damit das Licht der Vernunft anging. Zu seinen frühesten Aufträgen gehörten Ablassbriefe: Formulare, mit denen sich die Sündenvergebung in Serie verkaufen ließ. Die neue Technik diente vom ersten Tag an dem ältesten Geschäftsmodell.
Die Gelehrten reagierten, wie Gelehrte reagieren. Der Abt Johannes Trithemius schrieb 1492 ein Lob der Schreiber, in dem er die Handschrift gegen den Druck verteidigte, und ließ es drucken, der Reichweite wegen. Conrad Gessner klagte ein halbes Jahrhundert später über die verwirrende und schädliche Fülle der Bücher. Im achtzehnten Jahrhundert diagnostizierte man die Lesesucht, vorzugsweise bei Frauen und jungen Leuten, die Romane lasen, statt zu arbeiten.
Und die Aufklärung? Aus derselben Presse kamen die Bibel und der Hexenhammer, Luthers Thesen und die Hetzschrift gegen den Nachbarn. Wer vorher dumm war, war es jetzt mit Quellenangabe.
Der Strom
Mit der Glühlampe wurde die Nacht abgeschafft, das älteste Arbeitszeitgesetz der Geschichte. Der Mensch nutzte die gewonnenen Stunden für die Spätschicht und später für das Vorabendprogramm.
Die Furcht kam pünktlich. Als das Weiße Haus 1891 elektrifiziert wurde, sollen Präsident Harrison und seine Frau die Lichtschalter nicht angefasst haben, aus Angst vor dem Schlag; das Personal schaltete. Edison wiederum, der Gleichstrom verkaufte, ließ die Öffentlichkeit wissen, wie tödlich der Wechselstrom der Konkurrenz sei, und half nach Kräften mit, dass 1890 der erste elektrische Stuhl damit betrieben wurde. Die Kraft der Zukunft war kaum im Haus, da hatte man mit ihr schon einen Menschen hingerichtet und eine Werbekampagne bestritten.
Die Steckdose hat den Menschen nicht veredelt. Sie hat ihm den Toaster gebracht.
Die Digitalisierung
Dann kam der Computer und mit ihm das größte Versprechen von allen: das gesammelte Wissen der Menschheit, jederzeit, für jeden, kostenlos. Es ist eingelöst worden. Jeder trägt die Bibliothek von Alexandria in der Hosentasche und sieht darin nach, was andere zu Mittag essen.
Deutschland hat sich in dieser Epoche besonders verdient gemacht. In den Achtzigern boykottierte man die Volkszählung, weil der Staat wissen wollte, wie man wohnt und womit man zur Arbeit fährt. 2010 ließen rund 244.000 Haushalte ihr Haus bei Google Street View verpixeln, eine Fassade, die jeder Passant besichtigen kann. 2013 erklärte die Bundeskanzlerin das Internet zum Neuland, und 2020 meldeten Gesundheitsämter Infektionszahlen per Fax. Dieselben Bürger überlassen ihre Einkäufe, Wege und Schlafzeiten jedem Konzern, der dafür Bonuspunkte gutschreibt.
Die Arbeit ist geblieben, was sie war. Die Akte heißt jetzt PDF, die Sitzung heißt Call, und der Vorgesetzte liest immer noch nicht, was man ihm schickt.
Die Maschine, vor der wir uns fürchten
Nun also die künstliche Intelligenz. Im März 2023 forderten namhafte Leute in einem offenen Brief, die Entwicklung für sechs Monate anzuhalten. Angehalten wurde nichts; der prominenteste Unterzeichner gründete noch im selben Jahr seine eigene KI-Firma. Daran lässt sich ablesen, wie ernst die Apokalypse von ihren Propheten genommen wird.
Im Alltag sieht die Revolution so aus: Ein Angestellter lässt aus drei Stichpunkten eine höfliche Mail von vierzehn Zeilen erzeugen. Der Empfänger lässt sie von seiner Maschine auf drei Stichpunkte kürzen. Dazwischen liegt ein Rechenzentrum mit dem Strombedarf einer Kleinstadt. Der Schüler lässt den Aufsatz schreiben, den der Lehrer korrigieren lässt, und beide haben, wie schon immer, nichts gelesen.
Lächerlich ist an alldem vor allem die Angst. Sie richtet sich gegen ein Programm, das das nächste Wort errät, und sie kommt von einer Gattung, die Atomwaffen in Silos lagert und das für Sicherheitspolitik hält.
Sie ist außerdem bequem. Wer sich vor der Maschine fürchtet, muss sich nicht vor dem fürchten, der sie bedient, bezahlt und auf ihn loslässt. Der Betrüger, der Zensor und der Rationalisierer sind alte Bekannte und brauchten nie mehr als das jeweils neueste Gerät.
Und sie ist eitel. In der Angst vor der Zeitenwende steckt der Wunsch, in einer zu leben: Unsere Generation soll die sein, bei der es wirklich ernst wird. Der Abt Trithemius hat das auch geglaubt.
Was bleibt
Das Rad hat uns schneller dorthin gefahren, wo wir ohnehin hinwollten. Der Buchdruck hat unsere Irrtümer vervielfältigt, der Strom hat sie beleuchtet, das Netz hat sie zugestellt. Die KI wird sie flüssiger formulieren.
Wer wissen will, was die Maschine aus dem Menschen macht, sehe sich an, was der Mensch aus den letzten vier gemacht hat. Die Prognose ist verlässlich und nicht tröstlich: Er wird sie benutzen, um Geld zu verdienen, recht zu behalten und Zeit totzuschlagen.
Bedrohlich war daran immer nur er.
