Wächst die Landespolizei Baden-Württemberg, oder schrumpft sie? Auf diese Frage geben die Parteien im Landtag unterschiedliche Antworten, und jede stützt sich auf eine eigene Zahl. Die Debatte ist seit Jahren Dauerthema. Im Wahlkampf zur Landtagswahl 2026 haben die Parteien ihre Positionen zur inneren Sicherheit öffentlich gemacht, die Personalfrage gehört dazu. Die SPD nennt über 3.000 offene Stellen bei der Polizei im November 2025. Die Grünen nennen über 13.000 junge Menschen, die seit 2016 für den Polizeiberuf gewonnen wurden. Beide Angaben stammen von den Parteien selbst. Sie messen Verschiedenes.

Was gezählt wird: Köpfe, Stellen, Dichte

Drei Größen stehen im Streit, und sie sind nicht austauschbar. Gewonnene Menschen sind Bewerber, die den Polizeiberuf ergriffen haben. Vollzeitäquivalente rechnen Teilzeit und Vollzeit auf eine gemeinsame Einheit um. Offene Stellen zählen, was im Haushalt vorgesehen, aber nicht besetzt ist. Die Polizeidichte setzt die Zahl der Polizeibeamten ins Verhältnis zur Bevölkerung.

Wer Zugänge zählt, misst Bewegung. Wer offene Stellen zählt, misst Lücken. Wer die Dichte zählt, misst den Zustand. Die Debatte springt zwischen allen dreien, und dieser Sprung entscheidet, wer recht behält.

Zwischen Zugang und Einsatz liegt die Ausbildung. Nach den Angaben der Befürworter soll die Einstellungsoffensive im Jahr 2026 zu über 1.000 zusätzlichen, fertig ausgebildeten Polizisten führen. Diese Zahl bezieht sich auf das Jahr 2026, nicht auf die Summe seit 2016. Wer 13.000 Bewerber zählt, zählt zuerst Menschen in der Ausbildung und erst danach Beamte, die im Streifendienst oder bei Ermittlungen eingesetzt werden.

CDU: Einstellungen gegen die Pensionierungswelle

Die CDU verweist auf rund 13.000 Neueinstellungen der vergangenen zehn Jahre. Sie hätten vor allem eine große Pensionierungswelle aufgefangen. Für die Zukunft fordert die Partei eine Fortsetzung der Einstellungsoffensive, einen erleichterten Quereinstieg und höhere Besoldung. Neue Stellen sind geplant, ein Bewährungsaufstieg für Führungskräfte wird erwogen. Das Ziel formuliert die Partei als Auftrag: die Polizei „moralisch und rechtlich“ zu stärken.

Die Spur liegt im Regierungshandeln. Das Innenressort führt Manuel Hagel (CDU), zugleich stellvertretender Ministerpräsident Briefing. Die CDU misst ihren Erfolg an Zugängen und stellt sie den Abgängen gegenüber, die sie aber nicht beziffert.

Die stärkste Fassung dieser Position lautet: Die Pensionierungswelle senkt den Bestand ohnehin. Wer weniger einstellt, hat danach weniger Beamte. Diese Lesart braucht keine Zahl zu den Abgängen, denn die Richtung der Bewegung ist klar, und auch die Grünen führen die Pensionierungswelle an. Der Einwand dagegen wiegt schwerer, als die Partei ihn ausführt: Eine Einstellung, die einen Abgang ersetzt, verändert den Bestand nicht.

SPD: 3.000 offene Stellen

Die SPD spricht von über 3.000 offenen Stellen bei der Polizei im November 2025. Die Folge sei ein Rückgang der Polizeidichte, und die Überlastung der Beamten folge daraus. Sie wirft der Landesregierung vor, die Stellen nicht besetzen zu können. Ihre Forderungen lauten: Zulagen zur Attraktivitätssteigerung und eine Polizei, die die Gesellschaft besser spiegelt.

Die SPD ist nicht Teil der Landesregierung. Ihr Maßstab ist der Bestand: wie viele Stellen frei bleiben, nicht wie viele Menschen neu kommen. Nach dieser Logik sagt die Zahl der Einstellungen noch nichts über die Lücke.

Die stärkste Fassung dieser Position: Eine Stelle im Haushalt ist eine Vorgabe des Landes. Bleibt sie unbesetzt, bleibt die Vorgabe unerfüllt, auch wenn andere Stellen neu besetzt werden. Der Einwand hat eine Grenze. Eine offene Stelle bedeutet nicht automatisch fehlenden Dienst, wenn Überstunden oder Umverteilung die Lücke auffangen. Welche Größe das in Baden-Württemberg ausmacht, belegen die Angaben der SPD nicht.

Grüne: größte Offensive seit 2016

Die Grünen nennen die größte Einstellungsoffensive in der Geschichte der Landespolizei, die vor zehn Jahren begann. Sie habe die Pensionierungswelle mehr als ausgeglichen und über 13.000 junge Menschen für den Polizeiberuf gewonnen. Ihr Ziel ist die sukzessive Erhöhung der Polizeidichte. Dafür setzen sie sich für eine Durchschlüsselung bis zur Besoldungsgruppe A13 ein, um Aufstiegsmöglichkeiten zu verbessern.

Die Grünen stellen mit Cem Özdemir den Ministerpräsidenten Briefing. Ihre Spur ist damit Regierungshandeln und keine Oppositionsforderung. Die Zahl, die sie nennen, misst eigene Arbeit.

AfD: mehr Personal, moderne Ausrüstung

Die AfD fordert mehr Personal und moderne Ausrüstung für die Polizei. Sie betont die Notwendigkeit personeller Stärkung und die Verbesserung von Besoldung und Arbeitsbedingungen. Eine Zahl, an der sich die Forderung messen ließe, nennt sie nicht. Mit CDU und SPD verbindet sie die Forderung nach besserer Besoldung. Ein Ziel in Stellen oder Dichte formuliert sie nicht, anders als die Grünen.

FDP: 200 Vollzeitäquivalente gegen 13.000 Menschen

Die FDP bewertet die Personalentwicklung als „absolut unzureichend“. Sie nennt Neueinstellungen im Umfang von 200 Vollzeitäquivalenten seit 2016. Die Grünen nennen über 13.000 gewonnene Menschen, die CDU rund 13.000 Neueinstellungen. Die beiden Größen lassen sich nicht ohne Umrechnung nebeneinanderlegen, denn Köpfe sind keine Vollzeitstellen. Keine der drei Parteien rechnet die Angaben auf eine gemeinsame Größe um.

Wort gegen Spur

Den größten Abstand zwischen Ziel und Zahl hat die Regierungspartei Grüne. Sie wollen die Polizeidichte erhöhen; die SPD beschreibt für dieselbe Größe einen Rückgang. Die Pensionierungswelle, mit der CDU und Grüne ihre Einstellungen verrechnen, beziffern beide Parteien nicht. Die Netto-Rechnung, auf die sich der Erfolg stützt, fehlt in beiden Beiträgen.

Die Kriminalitätsbelastung ist ein anderer Maßstab. Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 weist für Baden-Württemberg 4.882 Straftaten je 100.000 Einwohner aus, die Aufklärungsquote liegt bei 60,3 Prozent. Der Sicherheitsbericht 2023 nennt 4.952 Straftaten je 100.000 Einwohner, den zweitniedrigsten Wert der vergangenen 20 Jahre ohne Pandemiejahre.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik ist eine Hellfeldstatistik: Sie bildet nur die Straftaten ab, die bekannt werden. Eine niedrige Zahl sagt deshalb wenig darüber, wie viel Polizei nötig ist, und eine hohe Zahl sagt nicht, dass zu wenig Personal da ist. Sie misst, was angezeigt oder entdeckt wird, nicht den Bedarf an Beamten.

Für die Regierung: über 13.000. Für die Opposition: über 3.000 offene Stellen. Für die FDP: 200 Vollzeitäquivalente. Drei Maßstäbe, ein Streit. Keine der Zahlen beantwortet die Frage, ob die Landespolizei insgesamt größer wird.