Erdgas kostet an der Börse, was Angebot und Nachfrage gerade verlangen. Im April 2022 lag der Gaspreis weltweit um 144 Prozent über dem Jahresdurchschnitt 2021; Rohöl war 61 Prozent teurer. Diese Ausschläge landen nicht sofort auf der Heizkostenabrechnung, aber sie landen dort – über drei Stufen.

Erste Stufe: der Großhandel. Energieversorger kaufen Gas und Strom auf Terminmärkten; steigen die Großhandelspreise, teurer wird der Neueinkauf. Zweite Stufe: Netzentgelte und Abgaben. In Deutschland kommen auf den Beschaffungspreis netzgebundene Kosten, der EEG-Umlagebeitrag und, seit 2021 schrittweise steigend, der CO2-Preis. Dritte Stufe: die Jahresabrechnung. Wer zur Miete wohnt, sieht den Großhandelspreis erst ein bis zwei Jahre später in der Betriebskostenabrechnung, weil Vermieter Vorauszahlungen erst dann korrigieren. Die Heiz- und Warmwasserkosten machten im Abrechnungsjahr 2024 durchschnittlich 1,32 Euro pro Quadratmeter und Monat aus, in Spitzenlagen bis zu 2,18 Euro – das ist laut IW Köln rund 43 Prozent mehr als 2021.

Für Strompreise gilt dasselbe Grundprinzip mit einem Zusatz: Deutschland bezahlt für seinen Strom fast 50 Prozent mehr als der EU-Durchschnitt. Ein Teil dieses Aufschlags erklärt sich durch den hohen Anteil erneuerbarer Energien, deren Netzausbau über Netzentgelte finanziert wird; ein anderer Teil durch den Gasanteil an der Stromerzeugung – steigt der Gaspreis, steigt der Strompreis mit.

Wer den größten Anteil trägt

Warenkörbe sind nicht für alle gleich schwer. Haushalte mit geringem Einkommen geben mehr vom verfügbaren Geld für Energie und Nahrungsmittel aus – und genau das macht globale Preisschocks für sie teurer als für alle anderen.

Armut im statistischen Sinn bedeutet in Deutschland: ein Haushaltsnettoeinkommen unter 60 Prozent des Medians. Wer darunter liegt, verbraucht nach Destatis-Daten aus dem Sozialbericht 2024 über 90 Prozent seines Einkommens für den privaten Konsum und spart kaum. Der Ausgabenanteil für Nahrungsmittel und Energie nimmt im untersten Einkommensdezil etwa doppelt so viel Raum ein wie im obersten. Im Jahr 2020 – also vor dem Preisschub – flossen bei Haushalten mit einem Nettoeinkommen unter 1.300 Euro bereits 9,5 Prozent der Konsumausgaben in Wohnenergie; über alle Einkommensklassen waren es 6,1 Prozent.

Als Erdgas und Strom explodierten, kippte dieses Verhältnis weiter. Im untersten Einkommensdezil stieg der Anteil der Ausgaben für Strom, Heizung und Kraftstoffe am Einkommen zwischen Januar 2020 und dem Höhepunkt der Krise um rund 3,2 Prozentpunkte – auf etwa 13,3 Prozent. Die Hans-Böckler-Stiftung ermittelte, dass etwa ein Fünftel der Haushalte mit einem Monatseinkommen unter 2.300 Euro brutto von „großen finanziellen Schwierigkeiten" durch die gestiegenen Energiekosten berichtete. Die durchschnittliche Mehrbelastung über alle Haushalte lag bei rund 52 Euro monatlich; einkommensschwache Haushalte trugen diese Last relativ zum Einkommen deutlich schwerer.

Lebensmittelpreise folgten einem ähnlichen, etwas zeitversetzten Muster. Saat, Dünger und Transport hängen an Energie; der Ukrainekrieg unterbrach ab Februar 2022 zusätzlich Weizen- und Sonnenblumenöl-Lieferketten. Energiepreise stiegen 2022 um 39,1 Prozent, Nahrungsmittel um 13,4 Prozent. Gemessen an 2021 kosteten Lebensmittel Mitte der zwanziger Jahre gut 30 Prozent mehr. Wer mehr als die Hälfte seines Konsumbudgets für Nahrung und Wohnen ausgibt, spürt jeden Prozentpunkt dieser Verteuerung unmittelbar.

Globale Ursachen, nationale Verstärker

Welcher Anteil der Preissteigerung ist dem Weltmarkt zuzurechnen, welcher der nationalen Politik? Eine saubere Trennung ist empirisch nicht möglich, weil beide Wirkungsketten ineinandergreifen – aber die Größenordnungen lassen sich abschätzen.

Die Inflation in Deutschland erreichte 2022 mit durchschnittlich 6,9 Prozent den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung; im Oktober 2022 lag der am europäischen Verfahren gemessene HVPI bei 11,6 Prozent. Energie und Nahrungsmittel waren die Haupttreiber – und beide sind in erster Linie globale Preise. Lieferkettenunterbrechungen seit 2020 – zuerst durch die Pandemie, dann durch den Ukraine-Krieg – verteuerten Rohstoffe, Vorprodukte und Frachtraten gleichzeitig. Die Verfügbarkeit von Halbleitern, Stahl und Düngemitteln sank; die Preise stiegen. In der deutschen Industrie entstanden bis Mitte 2022 Wertschöpfungsverluste durch Lieferengpässe in Höhe von fast 64 Milliarden Euro, allein in der Automobilbranche überproportional.

Nationale Faktoren haben den Schub verstärkt, aber nicht erzeugt. Der CO2-Preis, der seit 2021 auf fossile Brennstoffe erhoben wird, verteuert Heizöl, Erdgas und Kraftstoffe zusätzlich und trifft Geringverdiener besonders: Sie wohnen häufiger in schlecht gedämmten Altbauten, besitzen seltener ein Elektrofahrzeug und haben kaum Spielraum, ihren Energieverbrauch kurzfristig zu senken. Die staatliche Belastungsquote eines durchschnittlichen Arbeitnehmerhaushalts liegt 2026 laut Prognose des Deutschen Steuerzahlerinstituts bei 53,1 Prozent des Einkommens – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr, der sich unter anderem aus gestiegenen GKV-Zusatzbeiträgen und höheren CO2-Abgaben erklärt. Ein temporärer Tankrabatt im Mai und Juni 2026 dämpfte die Energiesteuerlast kurz.

Haushalte mit niedrigem Einkommen hatten 2022 eine haushaltsspezifische Inflationsrate von bis zu 8,8 Prozent, einkommensstarke Haushalte von bis zu 6,6 Prozent. Diese Differenz von gut zwei Prozentpunkten klingt gering – auf ein Jahr und ein knappes Budget hochgerechnet bedeutet sie, dass Armutshaushalte einen größeren Teil ihres Einkommensrückstands nicht aufholen konnten. Die reale Kaufkraft von Tariflöhnen lag Ende 2024 noch auf dem Stand von 2018.

Zinswende, Mieten und Überschuldung

Die Europäische Zentralbank begann 2022 ihre Zinswende und erhöhte die Leitzinsen schrittweise; im September 2026 liegt der Einlagenzins bei 2,50 Prozent. Höhere Zinsen verteuern Immobilienfinanzierungen, bremsen den Neubau und senken mittelfristig das Angebot an günstigen Wohnungen.

Für Mieterinnen und Mieter in Armutshaushalten wirkt sich das vor allem indirekt aus: Wer in einer Sozialwohnung oder einem preisgebundenen Bestand wohnt, ist durch Mietpreisbindungen zunächst abgepuffert; wer aber umziehen muss oder keinen gebundenen Platz findet, trifft auf einen Markt, in dem das günstige Angebot gesunken ist. Die Nebenkosten treffen derweil jeden. Zwischen 2022 und 2024 stiegen die Betriebskosten stärker als die Nettokaltmieten: Die durchschnittliche Nebenkostenbelastung erhöhte sich um rund 16,7 Prozent auf 2,94 Euro pro Quadratmeter. Im Jahr 2024 lebten 4,2 Millionen Menschen in Haushalten, die ihre Strom- und Gasrechnungen nicht bezahlen konnten.

Ein Drittel aller deutschen Haushalte gibt mehr als 10 Prozent des Nettoeinkommens für Energie aus – ein in der internationalen Forschung verbreiteter Schwellenwert für Energiearmut, auch wenn Deutschland dafür keine gesetzliche Definition hat. Im Mai 2022 galten 25,2 Prozent der Haushalte als energiearmutsgefährdet; die Tendenz blieb seither erhöht.

Was 2026 noch belastet

Im September 2026 lagen die Energiepreise in Deutschland 14,9 Prozent über dem Vorjahresmonat; die allgemeine Inflationsrate betrug 3,3 Prozent (vorläufig). Die Kerninflation – ohne Energie und Nahrungsmittel – lag bei 2,4 Prozent. Energie treibt die Gesamtrate also weiterhin überproportional. Die Importpreise stiegen im April 2026 um 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, angetrieben durch Energieimporte – der stärkste Zuwachs seit Januar 2023.

13,3 Millionen Menschen lebten 2025 unterhalb der Armutsgrenze, was einer Armutsgefährdungsquote von 16,1 Prozent entspricht. Ob dieser Wert 2026 steigt oder stagniert, hängt wesentlich davon ab, ob die Energiepreise auf ihrem erhöhten Niveau verharren: Der nächste Mikrozensus-Datensatz mit Einkommensangaben, an dem die Quote gemessen wird, erscheint im Frühjahr 2027 für das Berichtsjahr 2026. Bis dahin zeigt die monatliche Energiepreisentwicklung des Statistischen Bundesamts, wohin die Reise geht – und für wen sie besonders teuer wird.