Was an Bord geschah
Seit 2022 betreibt das britische Unternehmen National Express die Strecke. An jenem Samstag saßen im Zug Menschen mit sehr unterschiedlichen Zielen: Flugreisende zum Düsseldorfer Flughafen, Konzertbesucher für den zweiten Abend der Backstreet Boys in der Stadt, Demonstrationsteilnehmer.
Was sie alle erlebten: Der Zug passierte die Halte ohne Stopp. Keine Ansage erklärte, warum. Kevin Paz, Duisburger Fahrgast, schilderte das Geschehen später in einem Beschwerdebrief. Er schrieb, der Zug habe buchstäblich wie ein Geisterzug gewirkt, scheinbar führerlos durch NRW fahrend. Eine „absolute Funkstille" habe vom Personal geherrscht. Jugendliche hätten weinend ihre Eltern angerufen, manche Fahrgäste hätten den Notruf gewählt. Die Reisenden seien kurz davor gewesen, die Notbremse zu ziehen.
Paz richtete sein Schreiben nach der Fahrt an das NRW-Verkehrsministerium und das Eisenbahn-Bundesamt.
Was National Express eingeräumt hat
National Express hat gegenüber der „Rheinischen Post" eine Erklärung abgegeben und dabei Fehler eingeräumt. Ausgangspunkt war ein Personenunfall zwischen Duisburg und Düsseldorf. DB InfraGO, die für die Infrastruktur zuständige Einheit der Deutschen Bahn, habe daraufhin kurzfristig eine Umleitung angeordnet; deshalb fielen die Halte in Düsseldorf aus.
Für die Panik an Bord aber macht National Express zwei eigene Versäumnisse verantwortlich: Die Umleitung sei erstens offenbar nicht in die vorgesehenen Fahrgastinformationssysteme übernommen worden. Zweitens habe das Personal es versäumt, die Reisenden rechtzeitig per Durchsage über die geänderte Streckenführung zu informieren.
Damit ist der Ablauf amtlich durch den Betreiber selbst beschrieben: keine technische Fehlfunktion unbekannter Ursache, keine Sicherheitsgefährdung im strafrechtlichen Sinne – sondern ein Kommunikationsausfall nach einer betrieblichen Entscheidung.
Was die Sicherheitslage im NRW-Regionalverkehr zeigt
Der Vorfall vom 26. September steht nicht allein als Hintergrundrauschen. Im Jahr 2025 wurden in Nahverkehrszügen in Nordrhein-Westfalen nach Angaben des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR) 20.153 sicherheitsrelevante Vorfälle erfasst – 1.348 mehr als im Vorjahr. Hauptursachen waren demnach Sachbeschädigungen und Verunreinigungen; Beleidigungen bildeten mit 5.551 Fällen den größten Einzelposten, auch wenn ihre Zahl um 619 Fälle zurückging. Rund 52 Prozent der Konflikte entstanden im Zusammenhang mit Ticketkontrollen.
Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) stuft das allgemeine Sicherheitsniveau auf deutschen Schienen in seinem Sicherheitsbericht 2025 als hoch ein, verzeichnete aber mehr unzulässige Signalüberfahrten als im Vorjahr und hält Korrekturmaßnahmen für nötig. Rund 95 Prozent der NRW-Nahverkehrszüge sind mit Videotechnik ausgestattet; Deeskalationstrainings, Doppelbesetzung bei Zugbegleitern und der Einsatz von Bodycams sollen das Sicherheitsgefühl stärken.
Die Lücke, die der 26. September offenbart, liegt woanders: nicht in der physischen Sicherheitstechnik, sondern in den Kommunikationsprozessen bei kurzfristigen Betriebsänderungen. Das Regelwerk der Deutschen Bahn sieht bei Störungen vor, dass Leitstellen alle am Betriebsprozess Beteiligten zeitnah und prozessübergreifend informieren; Fahrgäste sollen durchgehend klare Informationen erhalten. Im vorliegenden Fall wurde genau dieser Ablauf unterbrochen – nach Auskunft von National Express auf zwei Ebenen gleichzeitig.
Was folgt
National Express hat Fehler eingeräumt. Ob das NRW-Verkehrsministerium oder das Eisenbahn-Bundesamt nach dem Beschwerdebrief von Kevin Paz förmliche Maßnahmen eingeleitet haben, ist nach Medienberichten nicht belegt. Ein politisches oder religiöses Motiv ist nicht festgestellt; der Vorfall ist keine Straftat nach derzeitigem Stand der Berichterstattung.
Wann und ob das Eisenbahn-Bundesamt den Vorgang bescheidet, ist offen. Als nächster Anhaltspunkt dient der jährliche Sicherheitsbericht des EBA – der nächste wird 2027 erwartet und wird zeigen, ob Vorfälle dieser Art systematisch erfasst werden.
