Drei Glockenschläge, eine Schweigeminute um 21.37 Uhr, Hunderte Menschen vor der Stadtkirche am Fronhof: Am 23. August 2026 erinnerte Solingen an die Nacht, in der Issa al Hasan mit einem Messer gezielt auf Festbesucher einstach. Er tötete drei Menschen, vier weitere überlebten mit lebensgefährlichen Verletzungen. Es war der erste IS-Anschlag in Deutschland seit dem Berliner Weihnachtsmarkt-Attentat 2016.
Was die Justiz entschieden hat
Die Generalbundesanwaltschaft erhob im Februar 2025 Anklage wegen dreifachen Mordes, zehnfachen versuchten Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Im September 2025 verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf Issa al Hasan zu lebenslanger Haft mit Sicherungsverwahrung. Im Mai 2026 verwarf der Bundesgerichtshof seine Revision – das Urteil ist rechtskräftig.
Das islamistische Motiv ist damit amtlich festgestellt: Der IS reklamierte die Tat für sich, veröffentlichte ein Bekennervideo, der Täter gestand im Prozess. Für die Einordnung als Terroranschlag brauchte Solingen keine politische Sprachregelung – das haben Ermittler, Staatsanwaltschaft und Gericht geklärt.
Der juristische Abschluss ist real. Er ändert nichts an dem, was vor der Stadtkirche leuchtet: immer wieder eine neue Kerze, eine neue Lampe, ein neuer Blumenstrauß. Ilka Werner, Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises, beobachtet das seit zwei Jahren.
Was das Trauma der Überlebenden zeigt
Anwalt Simon Rampp, der Verletzte und Hinterbliebene vertritt, bringt es auf einen Satz: „Die Tat hat die Menschen verändert." Manche Opfer blicken sich im Alltag ständig um. Manche meiden den Fronhof. Manche gehen nicht mehr auf Feste.
Werner beschreibt, was Betroffene ihr erzählen: Solingen ist für die meisten kein alltägliches Thema mehr – und doch nie weit weg. „Immer wenn woanders was passiert, kommt es schon wieder hoch." Nach dem Anschlag beim Berliner CSD etwa, im Sommer 2026, meldeten sich Erinnerungen, die niemand herbeigeholt hatte.
Das ist das Paradox des verarbeiteten Traumas: Es verschwindet nicht, es wartet nur. Die Tat findet nicht ein zweites Mal statt – aber das nächste Attentat irgendwo lässt sie für Überlebende kurz wieder geschehen. Kein Urteil hebt das auf. Kein Jahrestag erledigt es.
Was Wüst und Flemm gesagt haben – und was das bedeutet
Ministerpräsident Hendrik Wüst sprach bei der Abendveranstaltung von einem Akt des Terrors, begangen aus Hass, „Hass gegen unsere freiheitliche Lebensweise". Solingen habe dem Zusammenhalt und Solidarität entgegengesetzt – daraus erwachse Zuversicht. Oberbürgermeister Daniel Flemm dankte den Einsatzkräften, erinnerte an drei zu früh beendete Leben und erklärte: Der Zusammenhalt heile. Solingen solle keine Stadt der Trauer sein.
Das sind keine leeren Sätze. Sie benennen, was eine Stadt leisten kann und was nicht. Zusammenhalt ist real, er zeigt sich in den Helfern jener Nacht, in der Gemeinde, die zwei Jahre später wieder zum Fronhof kommt. Aber Zusammenhalt schützt nicht vor dem nächsten Anschlag, und er schließt die Wunden der acht Verletzten nicht.
Was Wüst und Flemm nicht sagten – und richtigerweise nicht sagten –, ist, dass Solingen durch Gedenken geheilt sei. Das wäre eine Lüge. Die ehrlichere Aussage kommt von Werner: Es gibt Betroffene, die nach wie vor nicht gern über diesen Platz oder auf Feste gehen. Das ist kein Versagen der Gemeinschaft. Es ist der Befund.
Solingen hat einen Abschluss – nicht alle
Der Jahrestag leistet etwas Unverzichtbares: Er hält die Namen der Toten im kollektiven Gedächtnis, er gibt den Überlebenden einen Rahmen, er zeigt, dass eine Gesellschaft nicht wegschaut. Das OLG Düsseldorf hat geurteilt, der BGH hat bestätigt, der Täter sitzt. Die Institutionen haben funktioniert.
Was sie nicht leisten können, ist Prävention in Echtzeit und Heilung im Nachhinein. Wissenschaftlerin Mareike Wilke von der Universität Bielefeld organisierte am Jahrestag eine Gesprächsrunde, damit Betroffene gehört werden – „einfach auch mal, um gehört zu werden". Das ist bescheiden formuliert. Und es ist genau das, was fehlt, wenn politische Gesten das Gespräch ersetzen.
Solingen hat einen Abschluss, den nicht alle Betroffenen haben. Das Urteil ist rechtskräftig. Die Schweigeminute um 21.37 Uhr ist vorbei. Die Kerze am Gedenkstein brennt weiter.
