Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt die Gesamtzahl für 2024 auf über eine Million.
Wer in Deutschland obdachlos oder wohnungslos ist, taucht in der öffentlichen Debatte meist als Schätzung auf. Dahinter steht ein Messstreit, der politisch folgenreich ist: Was gezählt wird, bekommt Ressourcen. Was nicht gezählt wird, bleibt unsichtbar.
Was die Begriffe trennt – und warum das zählt
Wohnungslos und obdachlos sind nicht dasselbe. Das Wohnungslosenberichterstattungsgesetz (WoBerG) definiert Wohnungslosigkeit als das Fehlen eines mietvertraglich oder dinglich abgesicherten Wohnraums – wer also aus seiner Wohnung ausziehen musste, aber noch eine Notunterkunft, ein Wohnheim oder vorübergehend einen Platz bei Freunden findet, gilt als wohnungslos. Obdachlos ist, wer auch nachts draußen schläft: unter Brücken, in Zelten, in Behelfsunterkünften auf der Straße. Obdachlosigkeit ist die schärfste Form der Wohnungslosigkeit, aber zahlenmäßig der kleinere Teil.
Diese Unterscheidung prägt die gesamte Statistik. Die amtliche Erhebung des Statistischen Bundesamts, die seit 2022 jährlich durchgeführt wird, zählt ausschließlich die erste Gruppe: Menschen, die zum Stichtag 31. Januar in einer Einrichtung der Wohnungsnotfallhilfe untergebracht sind – Wohnheime, Trägerwohnungen, Notübernachtungen. Die Caritas bezeichnete das bei der parlamentarischen Anhörung zum Wohnungslosenberichterstattungsgesetz 2020 als „Einstieg in die Statistik". Wer auf der Straße lebt oder verdeckt wohnungslos ist, wer also still bei Familie oder Bekannten unterkommt, fehlt in dieser jährlichen Stichtagszählung.
Das Statistische Bundesamt ergänzt die Jahresstatistik alle zwei Jahre durch eine wissenschaftliche Begleitstudie, die auch diese Gruppen einbeziehen soll. Zur ersten Erhebung im Januar 2022 zählte die Bundesstatistik 178.000 untergebrachte Wohnungslose; mit der begleitenden Studie, die Obdachlose und verdeckt Wohnungslose einbezog, kam die Zahl auf 263.000.
Zwei Zahlen, zwei Methoden, eine Wirklichkeit
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) veröffentlicht seit Jahrzehnten eigene Hochrechnungen, die auf einer weiter gefassten Definition beruhen. Die sogenannte Wohnungsnotfalldefinition schließt alle ein, die über keine mietrechtlich abgesicherte Wohnung verfügen – also auch die verdeckt Wohnungslosen und die Menschen auf der Straße. Bis 2021 stützte die BAG W ihre Schätzungen auf Beobachtungen des Wohnungs- und Arbeitsmarkts, Zuwanderungsdaten, Sozialhilfequoten und eigene Blitzumfragen bei Facheinrichtungen; die Genauigkeit gab sie mit etwa plus/minus 10 Prozent an.
Für das Jahr 2024 schätzte die BAG W 1,029 Millionen wohnungslose Menschen in Deutschland, darunter rund 56.000 Menschen, die auf der Straße lebten. Die Differenz zur amtlichen Stichtagszahl von 439.500 (Januar 2024) beträgt nach BAG-W-Angaben rund 500.000 Personen. Der Verband selbst erklärt diesen Abstand mit den unterschiedlichen Zählzeitpunkten – die BAG W erfasst alle Personen, die im Verlauf eines Jahres wohnungslos waren, nicht nur die an einem Stichtag – und mit den breiter gefassten Definitionen.
Ein eigenes Fact Sheet der BAG W schlüsselt auf, worin die Methoden konkret abweichen: Während Destatis einen Stichtag setzt und nur institutionell Untergebrachte zählt, rechnet die BAG W für das gesamte Kalenderjahr hoch und zieht alle bekannten Datenquellen heran. Beide Zahlen messen Reales – nur nicht dasselbe.
178.000 bis 474.700: die Zeitreihe seit 2022
Die amtliche Statistik gibt es erst seit wenigen Jahren. Vor dem WoBerG existierten bundesweit keine belastbaren Daten; einzelne Länder führten eigene Zählungen durch, die methodisch nicht vergleichbar waren. Berlin etwa ließ im Januar 2020 rund 1.600 Freiwillige durch die Stadt schwärmen, um Obdachlose im öffentlichen Raum zu zählen – mit bekannten Grenzen: Doppelzählungen ließen sich nicht ausschließen, gefährliche Orte blieben unberücksichtigt.
Die amtliche Entwicklung seit 2022 in vier Zahlen:
31. Januar 2022: 178.000 untergebrachte wohnungslose Personen – der erste bundesweite Stichtagswert überhaupt.
31. Januar 2023: 372.000 Personen. Der Sprung von 109 Prozent erklärt sich zu einem erheblichen Teil durch die Unterbringung von rund 130.000 Geflüchteten aus der Ukraine, die nach dem russischen Angriff geflohen waren und in Wohnheimen und Einrichtungen untergebracht wurden.
31. Januar 2024: 439.500 Personen, ein weiterer Anstieg um knapp 18 Prozent.
31. Januar 2025: 474.700 Personen – Höchststand, plus 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
31. Januar 2026: 452.900 Personen, minus 5 Prozent. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen wertet den Rückgang als erstes Zeichen einer Trendwende; die BAG W warnt vor einer Normalisierung der Krise auf hohem Niveau.
Zwischen Januar 2022 und Januar 2026 hat sich die amtliche Zahl mehr als verdoppelt – auch wenn sie zuletzt leicht sank.
Wer untergebracht ist: das Bild der Statistik
Die Daten zum Stichtag Januar 2025 – dem bisher höchsten erfassten Stand – zeigen eine Zusammensetzung, die das Ausmaß verdeutlicht: 41 Prozent der untergebrachten Wohnungslosen sind jünger als 25 Jahre, das sind rund 194.600 Menschen. 86 Prozent haben keine deutsche Staatsangehörigkeit; innerhalb dieser Gruppe stammen 29 Prozent, rund 137.800 Personen, aus der Ukraine. Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit machen rund 14 Prozent aus.
Nach Haushaltsform teilen sich die Untergebrachten nahezu gleich auf: Paare mit Kindern und Alleinstehende bilden je rund 34 Prozent der Fälle. Rund 163.400 untergebrachte Personen lebten in Familien mit Kindern. Männer machen 57,3 Prozent der untergebrachten Wohnungslosen aus.
Hauptursachen für den Wohnungsverlust sind nach Einschätzung der BAG W und des Wohnungslosenberichts 2024 der Mangel an bezahlbarem Wohnraum und Armut. Als unmittelbare Auslöser gelten Miet- und Energieschulden, Konflikte im Wohnumfeld, Trennung oder Scheidung sowie Ortswechsel.
Was der Nationale Aktionsplan verspricht
Im April 2024 verabschiedete die Bundesregierung den Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP-W). Das erklärte Ziel: Wohnungslosigkeit in Deutschland bis 2030 zu überwinden. Der Plan sieht die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, Präventionsangebote gegen drohenden Wohnungsverlust und konkrete Hilfen für Betroffene vor. Geplant sind ein Nationales Forum gegen Wohnungslosigkeit und eine Kompetenzstelle beim Bundesamt für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).
Sozialverbände begrüßen die Zielrichtung, halten die vorgesehenen Mittel aber für unzureichend. Die Caritas weist darauf hin, dass alleinerziehende wohnungslose Frauen, Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und junge Wohnungslose besondere Unterstützung brauchen, die der Plan nicht gesondert absichere. Der Paritätische fordert den Ausbau flächendeckender Präventionsangebote. Die BAG W warnt, dass die Zahl der Betroffenen auf einem Niveau verbleibt, das mit dem Ziel einer Überwindung bis 2030 schwer zu vereinbaren ist.
Woran man erkennt, ob der NAP-W greift: Die amtliche Stichtagszahl müsste bis 2028 deutlich unter 300.000 sinken – und die BAG W-Gesamtschätzung müsste gleichgerichtet fallen. Tut sie das nicht, war der leichte Rückgang von 2026 ein statistisches Rauschen, kein Wendepunkt.
