Sachsen-Anhalt wählt am 6. September 2026 einen neuen Landtag. Amtierender Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) tritt nicht mehr an; CDU-Spitzenkandidat ist Sven Schulze. Die AfD liegt in Umfragen bei 41–43 Prozent (INSA, Feldzeit August 2026), die CDU bei 22–26 Prozent, Die Linke bei 13–14 Prozent. SPD und Grüne bewegen sich um die Fünfprozenthürde, das BSW liegt mit etwa vier bis fünf Prozent knapp darunter oder daran. Eine AfD-Alleinregierung ist rechnerisch möglich, wenn mehrere kleine Parteien den Einzug verfehlen.
Das Thema innere Sicherheit ist der schärfste programmatische Trennschnitt dieser Wahl. Die Positionen folgen nicht der üblichen Links-rechts-Achse, sondern einer anderen Frage: Wie weit reicht staatliches Gewaltmonopol — und wer darf es ergänzen?
CDU
Programm: Das CDU-Regierungsprogramm zur Landtagswahl 2026 trägt das Motto „stärker, sicherer, stabiler" und setzt auf Polizeistärkung, Verfassungsschutz und Durchsetzung von Recht und Ordnung. Bürgerwehren lehnt die Partei explizit ab. Spitzenkandidat Schulze warnte öffentlich vor „dunkel gekleideten Schlägertrupps".
Geste: Schulze nutzt das Sicherheitsthema auch zur Abgrenzung nach zwei Seiten: gegen die AfD programmatisch, gegen das BSW taktisch. Er warnt, das BSW werde „gemeinsame Sache" mit der AfD machen, sobald sich die Gelegenheit biete — konkret: durch Enthaltung im dritten Wahlgang zur Ministerpräsidentenwahl.
Spur: Die CDU hat die Parlamentsreform mitgetragen, die unter anderem neue Regeln zur Wahl des Landtagspräsidenten enthält und die Landeszentrale für politische Bildung gesetzlich absichert. Der Doppelhaushalt 2025/2026 mit Ausgaben von rund 15,1 Milliarden Euro (2025) und 15,6 Milliarden Euro (2026) wurde unter CDU-Führung verabschiedet.
AfD
Programm: Die AfD fordert die Einrichtung kommunaler Bürgerwehren, die der Landespolizei als Hilfspolizei zuarbeiten sollen. Die Partei wird vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Spitzenkandidat ist Ulrich Siegmund. Im Wahlprogramm findet sich außerdem die Ankündigung, die Landeszentrale für politische Bildung abschaffen zu wollen.
Geste: Die AfD präsentiert sich als einzige Kraft, die Sicherheit wirklich garantieren könne — und rahmt die Parlamentsreform als Manöver der anderen Parteien gegen eine mögliche AfD-Mehrheit.
Spur: Die AfD hat als einzige Fraktion gegen die Parlamentsreform gestimmt. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat errechnet, dass die AfD-Haushaltspläne ein Milliardenloch von mindestens 2,2 Milliarden Euro in den Landeshaushalt reißen würden.
SPD
Programm: Die SPD Sachsen-Anhalt setzt auf staatliche Sicherheitsorgane und stärkt nach eigener Darstellung Katastrophenschutz sowie den Schutz kritischer Infrastruktur. Eine explizite Aussage zu Bürgerwehren findet sich im Programm nicht; die Grundausrichtung auf staatliche Stellen lässt Ablehnung erkennen.
Geste: Die SPD profiliert sich weniger über Sicherheit als über Wirtschafts- und Sozialpolitik. Sie spricht sich gemeinsam mit der Linken für eine Ausweitung der Praktikumsprämie auf IHK-Unternehmen aus.
Spur: Die SPD hat die Parlamentsreform mitgetragen. Zur inneren Sicherheit im engeren Sinne liegen keine eigenständigen Landtags-Anträge der laufenden Wahlperiode vor, die über die Koalitionslinie hinausgehen.
BSW
Programm: Das BSW hat für Sachsen-Anhalt keine ausgearbeitete programmatische Position zu Bürgerwehren vorgelegt. Parteivize Michael Lüders bezeichnet die AfD als politischen Gegner und schließt eine formale Koalition aus. Spitzenkandidatin Claudia Wittig strebt nach eigener Aussage einen „überparteilichen Ministerpräsidenten" und einen „echten Neubeginn der Demokratie" an.
Geste: Das BSW lehnt die „Brandmauer-Idiotie" ab und schließt eine Enthaltung im dritten Wahlgang nicht aus — was de facto Ulrich Siegmund von der AfD zum Ministerpräsidenten machen könnte. Wittig nennt Schulzes Warnungen davor „höchst befremdlich".
Spur: Das BSW ist derzeit nicht im Landtag vertreten und hat keine parlamentarische Spur in dieser Wahlperiode. Ob es die Fünfprozenthürde überspringt, ist nach aktuellen Umfragen offen.
Die Linke
Programm: Die Linke betont Grund- und Bürgerrechte sowie staatliche Gewährleistung öffentlicher Sicherheit. Sie kritisiert die Privatisierung von Sicherheitsaufgaben — was Bürgerwehren strukturell einschließt, ohne sie explizit zu benennen. Zur Verwaltungsreform fordert sie eine durchdachte Aufgabenkritik statt pauschaler Einschnitte.
Geste: Die Linke positioniert sich als Hüterin staatlicher Institutionen und des öffentlichen Raums, profiliert sich dabei aber weniger scharf als die CDU im direkten Kontrast zur AfD.
Spur: Die Linke hat die Parlamentsreform mitgetragen. Sie hat in der laufenden Wahlperiode Anträge eingebracht, die steigenden Verwaltungsaufwand und fehlende Aufgabenkritik seitens der Landesregierung kritisieren. Mit 13–14 Prozent in den Umfragen ist sie derzeit die drittstärkste Kraft.
Die größte Wort-Tat-Lücke des Rasters: Die AfD fordert Bürgerwehren zum Schutz der Bürger — und hat gleichzeitig als einzige Fraktion gegen jene Parlamentsreform gestimmt, die die demokratischen Institutionen des Landes gegen Blockade und Amtsmissbrauch absichert.
Ob das BSW den Einzug in den Landtag schafft, entscheidet mit darüber, ob eine Regierung ohne die AfD rechnerisch möglich bleibt. Der Drucksachen-Trail dazu endet erst am 6. September.
