Die Drohung gilt den Nachbarstaaten — Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Kuwait.
Die Drohung ist nicht neu; ihr Kontext ist es. US-Finanzminister Scott Bessent hat die erklärte Absicht formuliert, das politische System in Teheran durch Sanktionen zum Einsturz zu bringen. Das ist keine wirtschaftspolitische Formulierung, sondern eine Regimewechsel-Ansage — und sie verändert, was Teheran zu verlieren hat.
Die Logik hinter der Drohkulisse
Rezaeis Drohung folgt einer erkennbaren Struktur: Der Iran versucht, den Preis für regionale Kooperation mit den USA so hoch zu setzen, dass die Golfstaaten lieber neutral bleiben. Das Instrument dafür ist nicht Militärgewalt, sondern Unsicherheit. Wer Tanker durch die Meerenge schickt — oder andere Staaten beim Sanktionsdruck unterstützt —, soll kalkulieren müssen, ob der geopolitische Gefallen die ökonomischen Risiken aufwiegt.
Das Drohpotenzial ist real. Der Iran verfügt über Raketen- und Drohnenkapazitäten, mit denen er den Tankerverkehr behindern kann. Im März 2026 sanken die täglichen Durchfahrten auf zeitweise zwei Tanker; US-Streitkräfte zerstörten iranische Minenleger in der Meerenge und flogen im Juli 2026 Angriffe auf rund 90 iranische Militärziele. Berichte über verdeckte US-Konvois sollen seither bis zu 20 Tanker pro Nacht durch die Straße lotsen, wobei das US-Militär die Wiederaufnahme offizieller Marineeskorten bestreitet. Die Meerenge ist also kein freier Handelsweg mehr — sie ist Verhandlungsmasse.
Rezaei hat zudem angekündigt, Transitgebühren zu erheben. Seerechtlich ist das unhaltbar: Die Bundesregierung hat ausdrücklich auf das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen und das Völkergewohnheitsrecht verwiesen, die einen gebührenfreien Durchgang durch internationale Meerengen garantieren. Fachwissenschaftler der Leuphana Universität und die Stiftung Wissenschaft und Politik haben das bestätigt — eine Transitgebühr wäre auch dann völkerrechtswidrig, wenn sie als „Serviceentgelt" deklariert wird. Der Iran hat die UN-Seerechtskonvention nicht ratifiziert, beruft sich aber auf ältere Genfer Konventionen. Die rechtliche Position Teherans ist schwach; das macht die Drohung politisch nicht weniger wirksam.
Die Zwickmühle der Golfstaaten
Saudi-Arabien, die VAE und Katar befinden sich in einer Lage, die sich seit Monaten zuspitzt. Ihre Wirtschaft hängt von stabilen Exportrouten ab. Allein Katar liefert rund 20 Prozent der weltweiten LNG-Exporte — fast ausschließlich über die Straße von Hormus. Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline und eine VAE-Pipeline in Richtung Fujairah können einen Teil des Rohöls an der Meerenge vorbeiführen; für den Großteil der Energieexporte gibt es keinen tragfähigen Bypass. Katar hat gar keine.
Gleichzeitig haben die drei Staaten zusammen mit fünf weiteren arabischen Ländern iranische Raketen- und Drohnenangriffe verurteilt und ihr Selbstverteidigungsrecht bekräftigt. Die VAE haben Handels- und Finanztransaktionen mit dem Iran ausgesetzt, nachdem sie Teheran Raketenangriffe vorgeworfen hatten — die der Iran bestreitet. US-Präsident Trump soll großangelegte Angriffe auf iranische Energieinfrastruktur erwogen, sie dann aber nach Bitten Riads, Abu Dhabis und Dohas zunächst zurückgestellt haben. Das zeigt den Hebel, den die Golfstaaten gegenüber Washington haben — und seine Grenzen.
Der Tagesspiegel hat diese Lage präzise beschrieben: Der Spielraum, am Rand zu bleiben, wird kleiner. Weder vollständige Kooperation mit den USA noch offene Neutralität ist ohne Preis.
Die Sanktionslogik und ihr chinesisches Leck
Bessents Ankündigung der „härtesten Sanktionen der Geschichte" richtet sich gegen die Deviseneinnahmen des iranischen Staates. Die Logik ist klassisch: Öleinnahmen entziehen, Regime unter innenpolitischen Druck setzen. Das Problem ist ein Datenpunkt, den das Briefing belegt: Im Jahr 2024 exportierte der Iran 587 Millionen Barrel Öl — ein Plus von rund elf Prozent gegenüber 2023. Die Öleinnahmen stiegen auf über 46 Milliarden Dollar, ebenfalls ein Zuwachs von 14 Prozent. China kauft mehr als 90 Prozent dieser Exporte, oft über Scheinfirmen und Euro-Transaktionen, die Sanktionen umgehen.
Das US-Finanzministerium hat chinesische Banken gewarnt, es verhängte Sanktionen gegen rund 40 Reedereien und Schiffe der iranischen „Schattenflotte". Bessent sagte, Chinas Ölimporte aus dem Iran seien um 40 Prozent zurückgegangen — diese Zahl ist von unabhängigen Quellen bislang nicht belegt und steht im Widerspruch zu anderen Daten über anhaltend hohe chinesische Nachfrage. Klar ist: Solange Peking die Ölkäufe nicht tatsächlich und dauerhaft reduziert, verpufft der wirtschaftliche Kern der US-Strategie.
Was die Drohung kosten würde — für den Iran
Eine tatsächliche Blockade wäre für Teheran kein risikoloses Instrument. Sie würde nicht nur die Energieexporte der Golfstaaten treffen, sondern auch die chinesischen Ölimporte aus Saudi-Arabien, den VAE und Katar. Peking, das auf diese Lieferungen angewiesen ist, würde unter Druck geraten, seinen Schutz für iranisches Öl zu überdenken. Zugleich hätte Washington militärisch-politisch einen Grund für massivere Gegenschläge als bisher. Trump hat angekündigt, die Straße von Hormus nach einem „Sieg" über den Iran zu US-Territorium erklären zu wollen — eine rechtlich haltlose, politisch aber instruktive Aussage über die Ambitionen der Administration.
Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob der Iran die Straße sperren kann — das kann er temporär. Die Frage ist, welchen Preis er dafür zahlen würde und ob Teheran diesen Preis für tragbar hält. Historisch hat der Iran die Drohung zur Eskalation genutzt, ohne sie vollständig einzulösen; die Unsicherheit allein treibt Ölpreise und erhöht den Verhandlungsdruck.
Prüfbare Erwartung
Drei Indikatoren zeigen in den nächsten Monaten, ob die Drohstrategie aufgeht oder bricht: erstens, ob chinesische Ölkäufe aus dem Iran messbar sinken — das wäre der einzige Beleg für wirksamen US-Sanktionsdruck; zweitens, ob die VAE und Saudi-Arabien ihre Distanzierung vom Iran vertiefen oder diskret zurückrudern, sobald militärische Aktionen nachlassen; drittens, ob Rezaeis Ankündigung von Transitgebühren in konkreten Schritten gegen Schiffe umgesetzt wird oder rhetorisch bleibt. Reagiert keine dieser drei Größen bis zum Jahresende auf den aktuellen Druck, bleibt die Eskalation das, was sie bislang ist — eine aufwendig inszenierte Pattsituation.
