Kernpunkte
- Das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt sieht eine freiwillige Bürgerwacht vor; was das in der Praxis bedeutet, bleibt programmatisch offen.
- Ministerpräsident Sven Schulze hat Bürgerwehren öffentlich verurteilt und eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen — der Rechtfertigungsdruck auf Siegmund wächst täglich.
- Einen formalen, unterzeichneten Verhaltenskodex zur Distanzierung von gewaltbereiten Akteuren hat Siegmund bislang nicht vorgelegt.
- Ein solcher Kodex wäre per Partei- und Fraktionsbeschluss machbar und binnen Tagen öffentlich — er würde Siegmund politisch glaubwürdiger machen und wäre an einem klaren Datum überprüfbar.
Ulrich Siegmund will Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt werden. Der AfD-Spitzenkandidat nennt sein Wahlziel „45 Prozent plus X" und spricht offen von einer Alleinregierung. Vier Wochen bleiben bis zur Landtagswahl am 6. September 2026. Genau jetzt spitzt sich eine Frage zu, die Siegmund nicht wegdiskutieren kann: Wer steht hinter ihm — und hält er sie im Zaum?
Anlass ist das Wahlprogramm, das der AfD-Landesverband am 11. April 2026 in Magdeburg verabschiedet hat. Es kündigt eine freiwillige Bürgerwacht an. Was genau darunter zu verstehen ist — welche Rechte, welche Kontrolle, welche Abgrenzung zu Selbstjustiz —, lässt das Programm offen. Bereits 2016 hatte die AfD Sachsen-Anhalt kommunale Bürgerwehren als „Hilfspolizei" gefordert. Die Linie von damals nach heute ist erkennbar, die rechtliche Ausgestaltung ist es nicht. Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) hat unmissverständlich reagiert: keine Bürgerwehren in Sachsen-Anhalt, keine Zusammenarbeit mit der AfD.
Der Zugzwang ist real. Der Verfassungsschutz stuft die AfD Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch ein. Siegmund wirbt trotzdem um Regierungsvertrauen. Das ist kein widerspruchsfreies Angebot. Wer eine Landesregierung führen will, muss das staatliche Gewaltmonopol ohne Mehrdeutigkeit vertreten — nicht als programmatische Fußnote, sondern als überprüfbare Verpflichtung der eigenen Kandidaten.
Genau das fehlt. Einen formalen, unterzeichneten Kodex, der gewaltbereite Akteure und informelle Ordnungsstrukturen aus dem Kandidatenkreis ausschließt, hat Siegmund bislang nicht vorgelegt. Die AfD-Bundestagsfraktion hat sich 2023 einen Verhaltenskodex gegeben — er regelt Interessenkonflikte und parlamentarisches Auftreten, nicht die Distanzierung von externen Schlägertrupps oder selbsternannten Ordnungshütern. Der Landesverband hat eine „Verhaltenskommission" zur Prüfung von Beschäftigungsverhältnissen eingesetzt. Das ist ein anderes Instrument, es adressiert ein anderes Problem.
Der Zug, den Siegmund gehen sollte: einen rechtlich verbindlichen Verhaltenskodex vorlegen, der alle Landtagskandidaten der AfD Sachsen-Anhalt namentlich verpflichtet — auf die strikte Ausgrenzung gewaltbereiter Akteure, auf den Ausschluss informeller Ordnungsstrukturen, auf das ausschließliche Gewaltmonopol des Staates. Instrument: Partei- und Fraktionsbeschluss des Landesverbands, verbunden mit der öffentlichen Unterzeichnung durch alle Kandidaten. Erster Schritt: Vorstellung und Unterzeichnung noch vor dem 31. August 2026, veröffentlicht auf der Website des AfD-Landesverbands.
Warum ist das Siegmunds bester Zug — aus seiner eigenen Zielfunktion? Er will regieren. Wer regieren will, muss Sicherheitsversprechen glaubhaft machen. Innere Sicherheit ist das dominierende Thema der AfD in Sachsen-Anhalt. Ein Kodex mit Unterschriften aller Kandidaten ist kein symbolisches Bekenntnis — er ist ein Dokument, das bei Verstößen Parteiausschlussverfahren trägt. Er trennt das Programm von der Praxis auf eine Weise, die Wähler, Medien und Gerichte im Zweifelsfalle belegen können.
Der Doppel-Test: Für Siegmund — er stärkt seine Regierungsfähigkeitsnarrative und erschwert der Konkurrenz die Bürgerwehr-Angriffsfläche. An den drei Achsen: Demokratie positiv (Bekenntnis zum staatlichen Gewaltmonopol), Ökologie neutral, Effizienz neutral. Die Demokratie-Achse schlägt hier durch — ein Zug, der ihr schadete, käme nicht infrage. Dieser Zug stärkt sie.
Der stärkste Einwand lautet: Ein Kodex, den eine vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte Partei vorlegt, hat keine externe Kontrollinstanz — er ist Eigenkontrolle ohne Durchsetzungsmechanismus jenseits des Parteirechts. Das trifft. Ein Kodex ersetzt keine Behördenkontrolle und keine Sicherheitsüberprüfung. Aber er schafft etwas, das bislang fehlt: ein öffentlich datiertes, namentlich unterzeichnetes Dokument, das im Fall gewaltbereiter Vorfälle aus dem Kandidatenkreis als Maßstab gilt. Ohne es gibt es keinen Maßstab. Mit ihm gibt es einen.
Die Antwort auf die sokratische Leitfrage ist hier ungewöhnlich präzise: Wenn Siegmund will, was er sagt — Sicherheit, Ordnung, Staatlichkeit —, dann kostet ihn dieser Zug nichts und beweist alles. Dass er ihn nicht gegangen ist, ist der Befund.
Prüfstein
- Adressat: Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl 2026
- Zug: Vorlage und öffentliche Unterzeichnung eines rechtlich verbindlichen Verhaltenskodex zur Ausgrenzung gewaltbereiter Akteure und informeller Ordnungsstrukturen durch alle Landtagskandidaten der AfD Sachsen-Anhalt
- Frist: 31.08.2026
- Prüfstein: Der unterzeichnete Kodex ist bis zum 31. August 2026 auf der Website des AfD-Landesverbands Sachsen-Anhalt (afd-lsa.de) abrufbar — ja oder nein.
