General Randy George führte das US-Heer bis zum April 2026. An diesem Tag bat ihn Verteidigungsminister Pete Hegseth, zurückzutreten – ohne Begründung, ohne öffentliches Statement, ohne den üblichen militärischen Protokollrahmen. Wenige Monate später wird auch Heeressekretär Dan Driscoll das Amt verlassen, voraussichtlich noch vor dem Jahreswechsel 2026. Was bleibt, sind zwei der wichtigsten Führungspositionen des US-Militärs, besetzt mit Interimspersonen ohne Senatsmandat.

Die Frage, die das Pentagon beschäftigt, ist nicht nur politischer Natur. Sie ist organisatorischer: Was kann eine Armee entscheiden, wenn niemand an ihrer Spitze eine rechtlich gesicherte Amtsautorität hat?

Was das Gesetz regelt – und was nicht

Das US-amerikanische Recht ist in dieser Frage präzise. Nach 10 U.S. Code § 7033 ist der Chief of Staff of the Army für die Ausbildungsbereitschaft, die Ausrüstungsplanung und die Personalführung des Heeres verantwortlich. Die Position erfordert Senatsbestätigung. Dasselbe gilt für den Secretary of the Army, der als oberste zivile Behörde des Heeres Verträge autorisiert, Budgetanfragen an den Kongress weiterleitet und über Beförderungen von Generälen entscheidet.

Acting-Amtsträger – formal korrekt ernannt, aber ohne Senatsvotum – dürfen diese Funktionen in der Praxis zwar ausüben, tragen dabei aber ein strukturelles Risiko: Ihre Entscheidungen können vom Kongress leichter angefochten werden, ihre Verhandlungsposition gegenüber dem Senat ist geschwächt, und ihre Durchsetzungsfähigkeit innerhalb des Ministeriums hängt davon ab, wer sie tatsächlich als Autorität anerkennt. In einem politisch polarisierten Pentagon ist das keine abstrakte Gefahr.

General Christopher LaNeve, der seit April 2026 kommissarisch als Stabschef fungiert, ist ein früherer militärischer Berater von Hegseth selbst. Seine Bestätigung stößt laut mehreren Berichten auf Widerstand im Senat – von Gesetzgebern beider Parteien.

Der Konflikt hinter der Vakanz

Driscoll war kein schwacher Heeressekretär. Der Senat bestätigte ihn im Februar 2025 mit 66 zu 28 Stimmen – ein deutliches überparteiliches Votum. Er setzte sich für Investitionen von über 25 Milliarden US-Dollar in Rechenzentren, Raffinerien für kritische Mineralien und Infrastruktur auf Heeresstützpunkten ein. Gemeinsam mit General George trieb er die Integration von Drohnen und künstlicher Intelligenz ins Heer voran.

Das Spannungsverhältnis zu Hegseth begann früh, seit Beginn der Trump-Administration. Ein früher Reibungspunkt: Driscoll bot an, einen gemeinsamen Besuch von Vizepräsident JD Vance und Präsident Donald Trump im Ministerium zu organisieren, um Heeresreformen zu besprechen – ein Vorstoß, der Hegseth als Umgehung seiner Kontrolle interpretiert wurde. Die Spannungen eskalierten, als Trump Driscoll beauftragte, mit ukrainischen Beamten über ein Kriegsende zu verhandeln – ein Mandat, das Driscoll aus Hegseths Sicht zu viel Eigengewicht gab. Als Hegseth dann General George im April entließ, lobte Driscoll diesen öffentlich als „erstaunlichen, transformativen Führer". Eine offene Kritik an der Entscheidung des Ministers.

Dass die Familie Driscoll im Sommer 2026 aus der offiziellen Residenz des Heeressekretärs ausgezogen ist, gilt als das eindeutigste Signal: Der Abschied ist beschlossen, die Frage ist nur noch das Datum.

Was systematisch fehlt

Der Abgang Driscolls trifft ein Heer, das ohnehin unter strukturellem Druck steht. Rund 24.000 Stellen wurden gestrichen, die Zielgröße der Truppenstärke von 494.000 auf 470.000 Soldaten reduziert – begründet mit Personalmangel. Hegseth hat zusätzlich eine Reduktion der Vier-Sterne-Generäle um 20 Prozent und eine weitere Kürzung der Generaloffiziere um 10 Prozent angeordnet. Parallel wurden im April 2026 neben George auch General David Hodne und Generalmajor William Green entfernt.

Das Bild, das sich ergibt: Nicht nur die Spitze ist vakant, sondern die gesamte obere Führungsschicht des Heeres wird dünner. Jede dieser Positionen, die unbesetzt oder nur kommissarisch besetzt bleibt, ist ein Entscheidungsknoten, der langsamer reagiert oder dessen Beschlüsse angreifbar sind. Modernisierungsprogramme brauchen Vertragsautorisierungen; Beschaffungsentscheidungen brauchen Unterschriften, die vor dem Kongress belastbar sind; Beförderungslisten brauchen Bestätigungen, die politischen Gegenwind überstehen.

Bereits 2023 hatte der Senat durch Blockade von Nominierungen zeitweise Hunderte von Führungspositionen im Militär offen gelassen. Die Spannungen zwischen Exekutive und Legislative in der Personalfrage des Militärs sind also kein neues Phänomen – aber die Gleichzeitigkeit der Vakanzen an der Armeeführung in ihrer aktuellen Form ist in der Geschichte des modernen US-Heeres ohne direkten Präzedenzfall.

Was als nächstes sichtbar wird

Ob das Führungsvakuum operative Konsequenzen hat, wird sich an zwei Indikatoren zeigen: Erstens, ob der Senat LaNeve bestätigt – oder ob das Heer auch zum Jahresende 2026 mit einem kommissarischen Stabschef operiert. Zweitens, ob Trumps Nominierung eines neuen Heeressekretärs senatsreif wird, bevor Driscolls Abgang vollzogen ist. Gelingt beides nicht rechtzeitig, steht das US-Heer – mit 470.000 Soldaten, laufenden Auslandseinsätzen und einem ambitionierten Modernisierungsprogramm – ohne eine einzige bestätigte Person an seiner zivilen und militärischen Spitze.

Das wäre keine Verwaltungspanne. Das wäre ein Strukturproblem mit Kalkül.