Am 8. Dezember 2024, dem Tag, an dem Baschar al-Assad aus Damaskus floh, rückte die israelische Armee auf die syrische Seite des Berg Hermon vor. Syrische Streitkräfte hatten ihre Stellungen geräumt; Israel füllte das Vakuum innerhalb von Stunden. Seither stehen israelische Soldaten auf dem Gipfel eines Berges, der formell seit 1974 entmilitarisiert sein sollte.

Verteidigungsminister Israel Katz hat nun bei einem Besuch vor Ort erklärt, die israelischen Streitkräfte würden die Grenzregion dauerhaft kontrollieren. Die Begründung: anhaltende Sicherheitsrisiken, solange „jihadistische Bedrohungen" bestünden. Das ist keine neue Formulierung – aber die Betonung des Dauerhaften ist es.

Was der Berg bedeutet

Der Hermon ist kein Symbol. Er ist ein Instrument.

Mit 2.814 Metern überragt er alles in seiner Umgebung und liegt im Dreiländereck zwischen Syrien, dem Libanon und den seit 1967 israelisch kontrollierten, 1981 annektierten Golanhöhen. Von seinem Gipfel aus sind nach Angaben des israelischen Militärs weite Teile Syriens, der Südlibanon und – rund 35 Kilometer entfernt – Damaskus einsehbar. Das israelische Militär bezeichnet die Position als „Auge des Staates Israel"; gemeint ist ein Frühwarnsystem, das optische Aufklärung, elektronische Überwachung und eine taktische Feuerstellung in einem vereint.

Die Besetzung verändert die Geometrie des Konflikts in mehrfacher Hinsicht. Erstens: Israelische Artillerie kommt Damaskus näher, als es von der angestammten Position auf den Golanhöhen möglich war. Zweitens: Die wichtigsten Nachschubrouten der Hisbollah vom Iran über den Irak und Syrien in den Libanon verlaufen durch Täler, die vom Hermon aus beobachtbar sind; Israel hat diese Unterbrechung der Logistikkette als eigenständiges Kriegsziel beschrieben. Drittens: Israelische Spezialeinheiten haben den Hermon als Ausgangspunkt für Operationen in den Südlibanon genutzt – ein Querschnitt über drei Staatsgebiete, der die Grenzen des herkömmlichen Konfliktbilds auflöst.

Das rechtliche Gerüst – und seine Lücken

Das Fundament der Pufferzone ist das Truppenentflechtungsabkommen vom Mai 1974, das nach dem Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel und Syrien geschlossen wurde. Es legte eine entmilitarisierte Zone fest und schuf die UNDOF als UN-Beobachtermission zur Überwachung. Israel zog damals vom syrischen Hermon ab; der Gipfel gehörte zur entmilitarisierten Pufferzone.

Diese Konstruktion steht auf zwei Prämissen: einem funktionierenden syrischen Staat als Vertragspartner und einer handlungsfähigen UNDOF. Beide sind erschüttert. Syrien wird seit Ende 2024 von einer Übergangsregierung regiert, die weder das Abkommen von 1974 ratifiziert noch förmlich gekündigt hat. Israel erklärt es schlicht für erloschen – eine Position, die sich auf die veränderte syrische Staatlichkeit stützt, aber keine Rechtsgrundlage für die eigene Besetzung schafft.

Die UNDOF operiert faktisch verdrängt. Ihre Aufgabe – Kontrolle der Pufferzone – ist von israelischen Truppen übernommen worden, die zugleich ihr Mandat untergraben. Die UN-Generalversammlung hat Israel zuletzt erneut zum Rückzug aufgefordert; der UN-Sicherheitsrat ist in dieser Frage handlungsunfähig, solange die USA ein Veto einlegen würden.

Die UN-Sicherheitsratsresolution 497 von 1981 erklärte die israelische Annexion der Golanhöhen für null und nichtig. Diese Rechtslage gilt für die EU und die Mehrheit der Staatengemeinschaft unverändert. Die USA stehen seit dem Trump-Dekret von 2019 außerhalb dieses Konsenses: Washington erkannte die Golanhöhen als israelisches Staatsgebiet an – eine Anerkennung, die die Biden-Regierung nicht rückgängig machte. Gleichzeitig bezeichnete ein US-Gesandter im August 2026 die israelische Kontrolle über die Golanhöhen ausdrücklich als „Besatzung, die gegen UN-Resolutionen und die internationale Ordnung verstoße" – eine Widersprüchlichkeit, die amerikanische Nahostpolitik seit Jahren durchzieht.

Syrien zwischen Protest und Pragmatismus

Die syrische Übergangsregierung hat die israelische Besetzung als „feindlichen Expansionismus" bezeichnet und die Wiederherstellung des Abkommens von 1974 gefordert. Zugleich hat sie im August 2026 unter US-Vermittlung direkte Gespräche mit Israel aufgenommen – das erste direkte diplomatische Kontaktformat zwischen beiden Seiten seit Jahrzehnten.

Was diese Gespräche tragen, ist offen. Israel hat klargemacht, dass es den Hermon und die erweiterte Sicherheitszone nicht aufgeben werde, solange keine belastbare Sicherheitsarchitektur an die Stelle trete. Syrien kann diese Bedingung gegenwärtig nicht erfüllen: Die Armee ist zerschlagen, das Territorium fragmentiert, der staatliche Zugriff auf den Süden des Landes schwach. Die Verhandlungsasymmetrie ist erheblich – Syrien braucht Stabilisierung, Israel hält eine Schlüsselposition.

Der Libanon verhält sich in dieser Konstellation auffällig still. Beirut hat laut der Konrad-Adenauer-Stiftung ein Rahmenabkommen mit Israel verhandelt, das Fragen der Souveränität und des iranischen Einflusses adressiert. Die israelische Präsenz am Hermon, der auf den Libanon hinabschaut, ist Teil dieser Verhandlungsumgebung – aber kein formeller Verhandlungsgegenstand.

Was sich strukturell verschiebt

Versprochen hatte das Abkommen von 1974 eine dauerhafte Entmilitarisierung des Hermon-Gebiets. Gebaut hat Israel seit Dezember 2024 mehrere Militärposten auf syrischem Gebiet, zuletzt mit der erklärten Absicht, keine zeitliche Befristung zu akzeptieren.

Die Frage, woran sich in den nächsten Monaten erkennen lässt, ob diese Kontrolle sich verfestigt oder verhandelbar bleibt, lässt sich an drei Parametern messen. Erstens: Gelingt es den syrisch-israelischen Gesprächen, einen konkreten Zeitplan oder eine Konditionierung des Rückzugs festzuhalten? Zweitens: Reagiert die UNDOF institutionell auf den Verlust ihrer Operationsfähigkeit in der Pufferzone – oder normalisiert die Staatengemeinschaft die veränderte Lage durch Untätigkeit? Drittens: Verlagert Israel weitere Infrastruktur – Straßen, Kommunikationsanlagen, zivile Versorgungsleitungen – auf den besetzten syrischen Teil des Hermon? Dauerhafte Besatzungen kündigen sich selten durch Erklärungen an, sondern durch Beton.