Die sechs im aktuellen Landtag vertretenen Fraktionen — CDU, AfD, SPD, FDP, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen — treten zur Wahl an. Das Raster prüft sie nach drei Sachthemen in drei Spuren: Programm, Geste, Spur.
I. Wirtschaftsförderung und Ansiedlungspolitik
CDU. Programm: Industrieansiedlungen, Bürokratieabbau, Stärkung des Mittelstands, Investitionen in digitale Infrastruktur. Im Regierungsprogramm steht der Aufbau von Start-up-Unterstützung und die Förderung von Unternehmensnachfolgen. Geste: Ministerpräsident Sven Schulze präsentiert sich als Kümmerer für Wirtschaftsstandorte und wirbt mit Auftritten bei IHK-Veranstaltungen. Spur: Die CDU führt seit 2021 die Regierung; die Haushaltspläne für 2025 und 2026 sehen Ausgaben von jeweils über 15 Milliarden Euro vor. Konkrete Ansiedlungserfolge aus der Legislatur sind im Briefing nicht belegt.
AfD. Programm: Restriktive Einwanderungspolitik als wirtschaftspolitisches Instrument, keine neuen Schulden, keine Steuererhöhungen. Laut einer Analyse des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) vom August 2026 klafft dabei eine Finanzlücke von mindestens 2,2 Milliarden Euro pro Jahr. Geste: Spitzenkandidat Ulrich Siegmund inszeniert sich als Systembrecher, der sich auf keine Koalition einlassen will, solange er keine absolute Mehrheit hat. Spur: Der Landtag hat AfD-Anträge zur Abschaffung von Bildungskooperationen und zur Aufweichung der Schulpflicht abgelehnt.
SPD. Programm: Strukturwandel sozial gestalten, alle Erwerbspotenziale besser nutzen, individuelle Qualifizierungsangebote. Geste: Wirtschaftsempfänge, Auftritte mit dem Wirtschaftsforum. Spur: Die SPD ist Oppositionspartei und stellt keine Landesminister. Konkrete Drucksachen zur Ansiedlungspolitik aus der laufenden Legislatur sind im Briefing nicht belegt.
FDP. Programm: Bürokratieabbau, schnellere Genehmigungen, digitale Verwaltungsprozesse, Sonderwirtschaftszonen. Geste: Wahlkampf mit Unternehmerbildern und Standort-Rhetorik. Spur: Die FDP ist im Landtag mit sieben Sitzen vertreten, liegt in Umfragen (INSA, 3. September 2026) unter der 5-Prozent-Hürde. Landtags-Initiativen zur Sonderwirtschaftszone sind im Briefing nicht dokumentiert.
Die Linke. Programm: Zukunftsfonds Sachsen-Anhalt — Investitionsabsicherung, Mitfinanzierung von Energie- und Wärmenetzen, Unterstützung bei Unternehmensnachfolgen. Förderungen sollen an Standortsicherung und Tarifbindung geknüpft werden. Geste: Soziale Gerechtigkeit und Umverteilung als Wahlkampfthema. Spur: Landtags-Anträge zur Lernmittelfreiheit und zur Unterrichtsversorgung sind dokumentiert; wirtschaftspolitische Drucksachen konkret zur Ansiedlung fehlen im Briefing.
Grüne. Programm: Für Wirtschaftsförderung mit ökologischer Steuerung, Ausbau schulisch-außerschulischer Kooperationen. Geste: Ökologie und Wirtschaft als Einheit. Spur: Die Grünen sind mit sechs Sitzen im Landtag vertreten, liegen in der INSA-Umfrage vom 3. September 2026 an der 5-Prozent-Marke. Konkrete wirtschaftspolitische Drucksachen aus der Legislatur sind im Briefing nicht belegt.
Größte Wort-Tat-Lücke: Das AfD-Wahlprogramm schließt neue Schulden und Steuererhöhungen aus und verspricht gleichzeitig erhebliche Mehrausgaben — das IWH beziffert die Lücke auf mindestens 2,2 Milliarden Euro pro Jahr.
II. Schulstruktur und Unterrichtsversorgung
CDU. Programm: Stärkung bestehender Strukturen, Qualifizierung von Quereinsteigern, Erhalt von Schulstandorten, individuelle Förderung bei der Inklusion. Geste: Haseloff betont Bildung als Teilhabe-Thema, Auftritte mit Lehrerverbänden. Spur: Der VBE (Verband Bildung und Erziehung) warnte im Juli 2026 vor tiefgreifenden Strukturreformen und forderte Stabilisierung — er bezog sich dabei auf alle Parteien, also auch auf die regierende CDU. Konkrete Landtags-Drucksachen der CDU-Fraktion zur Unterrichtsversorgung sind im Briefing nicht belegt.
AfD. Programm: Abschaffung der Inklusion, Wiedereinführung von Förderschulen, Aufweichung der Schulpflicht, Ablehnung von Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen. Geste: Siegmund positioniert sich als Verteidiger eines traditionellen Schulsystems. Spur: Der Landtag hat AfD-Anträge zur Abschaffung der Schulpflicht und zur deutschen Leitkultur als Schulfach abgelehnt (Welt, Saison 2026). Das Abstimmungsverhalten der anderen Fraktionen ist damit dokumentiert, das der AfD auch.
SPD. Programm: Gemeinsames Lernen stärken, ohne Förderschulen abzuschaffen; Strukturveränderungen als Mittel gegen Schulabbrüche; Stärkung der Jugendberufsagenturen. Geste: Soziale Bildungsgerechtigkeit als Leitthema. Spur: Oppositionspartei, keine Regierungsverantwortung in der Legislatur.
FDP. Programm: Berufsorientierung und Praktika, digitale Bildung. Geste: Ähnlich wie CDU, stärker wirtschaftsorientiert. Spur: Sieben Sitze im Landtag; Drucksachen zur Schulstruktur im Briefing nicht dokumentiert.
Die Linke. Programm: Lernmittelfreiheit, Maßnahmen zur Unterrichtsversorgung, gemeinsames Lernen. Spur: Konkrete Anträge zur Wiedereinführung der Lernmittelfreiheit und zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung sind im Briefing dokumentiert.
Grüne. Programm: Gemeinsames Lernen, Ausbau schulisch-außerschulischer Kooperationen, Anpassung der Bildungsinfrastruktur an Hitzeperioden. Geste: Bildungsgerechtigkeit und Klimaanpassung verbunden. Spur: Sechs Sitze im Landtag; konkrete Drucksachen im Briefing nicht belegt.
Größte Wort-Tat-Lücke: Die AfD fordert Abschaffung der Inklusion und Aufweichung der Schulpflicht — der Landtag hat entsprechende Anträge abgelehnt. Anspruch und parlamentarische Bilanz fallen am weitesten auseinander.
III. Energiewende und erneuerbare Energien
CDU. Programm: Pragmatischer Kurs beim Ausbau erneuerbarer Energien, kritisch bei Windrädern im Wald, Netzausbau als Priorität, Bürgerbeteiligung an Erträgen. Die CDU-Fraktion hat sich im Landtag für einen konsequenten Fokus auf Netzausbau ausgesprochen. Geste: Sachliche Positionierung zwischen Ausbau und Anwohnerschutz. Spur: Als Regierungspartei trägt die CDU die bisherige Energiepolitik des Landes mit; Sachsen-Anhalt belegt im Energiewende-Ranking des WWF Platz 6 von 16 Bundesländern, mit Stärken bei Gebäuden und Erneuerbaren, Schwächen im Verkehr.
AfD. Programm: Windkraftausbau stoppen, Förderung erneuerbarer Energien streichen, Akzeptanzgesetz abschaffen, Kohleausstieg stoppen, Wiedereinstieg in Kernenergie, Wiederaufnahme russischer Energieimporte. Geste: Siegmund inszeniert die Energiewende als Wohlstandsvernichtung. Spur: Das Akzeptanzgesetz, das Kommunen an Windkraft-Einnahmen beteiligt, kann ein Landtag abschaffen — das ist rechtlich möglich. Ein vollständiger Windkraftausbaustopp per Landesbeschluss ist es nicht: Bundesrecht verpflichtet die Länder zur Flächenausweisung. Kernenergie ist bundesrechtlich geregelt, ein Land kann den Ausstieg nicht rückgängig machen. Experten warnen laut Focus online vor wirtschaftlichen Konsequenzen einer AfD-Regierung, die das jährliche Wachstum um 0,5 bis 1 Prozentpunkt dämpfen könnten.
SPD. Programm: Energiewende fortsetzen, kommunale Investitionen in erneuerbare Energien fördern, Gründung von Kreiswerken unterstützen, Mieter bei Balkonsolaranlagen helfen. Geste: Solidarische Energiewende als soziales Projekt. Spur: Oppositionspartei.
FDP. Programm: Breiter Energiemix inklusive heimischem Schiefergas, wissenschaftsbasiertes Genehmigungsregime für Fracking, kritisch bei Solarpflicht. Geste: Technologieoffenheit als Markenzeichen. Spur: Sieben Sitze, in Umfragen unter der 5-Prozent-Marke. Konkrete Landtags-Drucksachen zur Energiepolitik im Briefing nicht belegt.
Die Linke. Programm: Ausbau erneuerbarer Energien, Bürgerbeteiligung an Erträgen. Konkrete Anträge im Briefing nicht dokumentiert. Geste: Sozialer Umbau der Energieversorgung. Spur: Zwölf Sitze im Landtag.
Grüne. Programm: 100 Prozent erneuerbare Energien im Strombereich bis 2030, verbindliches Klimaschutzgesetz, Solarpflicht auf Neubauten, Stärkung der Landesenergieagentur LENA. Geste: Konsequenteste Klimaposition im Landtag. Spur: Sechs Sitze, in der INSA-Umfrage vom 3. September 2026 an der 5-Prozent-Marke. Konkrete Drucksachen zu Energieanträgen im Briefing nicht belegt.
BSW. Programm: Regional ausgewogener Windkraftausbau unter Berücksichtigung von Anwohnerbelangen. Tritt erstmals an, liegt in Umfragen unter der 5-Prozent-Hürde.
Größte Wort-Tat-Lücke: Das AfD-Programm verspricht einen landesweiten Windkraftausbaustopp und den Wiedereinstieg in die Kernenergie. Beides liegt nicht in der Kompetenz eines Landtags. Das Programm benennt diese Grenze nicht.
