Als Max Eberl am 1. März 2024 seinen Dienst als Sportvorstand antrat, war die Botschaft klar: Schluss mit der Ära der öffentlichen Demontagen, Schluss mit dem Modell Salihamidžić. Der Verein präsentierte eine neue, schlankere Struktur — drei Vorstände statt eines unübersichtlichen Apparats, dazu Sportdirektor Christoph Freund als operativer Partner. Eberl sollte Ruhe ausstrahlen und Kader bauen.
Zweieinhalb Jahre später steht seine Vertragsverlängerung bis 2029 — und sie verrät mehr über die Machtverhältnisse beim FC Bayern als über die Qualität seiner Arbeit.
Die Kontrolle sitzt im Aufsichtsrat, nicht im Büro des Sportvorstands
Der Aufsichtsrat des FC Bayern München ist kein stilles Gremium. Uli Hoeneß, Ehrenpräsident und aufsichtsratliches Schwergewicht neben Vorsitzendem Herbert Hainer und Karl-Heinz Rummenigge, hat in der Causa Eberl demonstriert, wie eng der operative Spielraum des Vorstands tatsächlich ist. Die öffentlichen Zweifel, das „60 zu 40", das kurz vor der Entscheidung in „100 Prozent" umschlug — das ist kein üblicher Kommunikationsverlauf. Das ist ein Kontrollprozess, der sich nach außen öffnet.
Berichte über angebliche „Alleingänge" Eberls und Spekulationen, er müsse im Gegenzug für die Verlängerung Kompetenzen abgeben, sind in den Quellen nicht belegt — der Verein dementiert die Kompetenzabgabe nicht, konkretisiert sie aber auch nicht. Was bleibt, ist das Bild eines Aufsichtsrats, der Personalentscheidungen nicht nur ratifiziert, sondern aktiv begleitet, kommentiert und bewertet. Das Briefing nennt als Kontrollmechanismus schlicht: der Aufsichtsrat „überwacht die strategische Ausrichtung" — eine Formulierung, die alles offenlässt.
Eberl und Salihamidžić: Weniger Strukturwandel als Stilwandel
Hasan Salihamidžić wurde im Sommer 2023 unter öffentlichem Druck entlassen, nachdem Hoeneß und Rummenigge ihn in Interviews de facto bereits abgeschrieben hatten. Die formale Zuständigkeit lag beim Aufsichtsrat, der Vollzug war längst kommunikativ erledigt. Eberl hat das gleiche Gremium über sich — mit denselben Schlüsselfiguren.
Der Unterschied liegt in der Richtung des Verfahrens: Salihamidžić wurde entlassen, Eberl verlängert. Aber der Mechanismus ist identisch: Der Aufsichtsrat bestimmt den Radius, in dem der Sportvorstand operiert. Die neue „schlanke" Drei-Vorstände-Struktur verändert das Kontrollgefälle nicht — sie formalisiert es. Christoph Freund als Sportdirektor neben Eberl ist nicht Stärkung des sportlichen Pols, sondern Verteilung von Zuständigkeit unter mehr Augen.
Versprochen waren bei Eberls Amtsantritt mehr Eigenverantwortung und klarere Kompetenzgrenzen — ob dieser Anspruch eingelöst wurde, ist aus den verfügbaren Vereinsmitteilungen nicht ableitbar. Die Transferbilanz ist messbar: Rund 345 Millionen Euro für neue Spieler, 224 Millionen Euro Einnahmen — ein Minus von 121 Millionen Euro in zweieinhalb Jahren. Ob jeder dieser Transfers gegen Aufsichtsrats-Vorgaben oder mit ihnen entstand, bleibt unklar.
Tempo als strukturelles Problem
Der FC Bayern steht in der Deloitte Football Money League 2026 auf Platz drei hinter Real Madrid und dem FC Barcelona, mit einem Kaderwert, der laut einer Kadermarkt-Auswertung rund 1,04 Milliarden Euro erreicht. Real Madrid und Manchester City liegen beim Kaderwert deutlich darüber. Der Abstand ist nicht nur finanziell — er ist auch prozessual.
Real Madrid handelt bei Transfers schnell, oft diskret, mit klaren Vollmachten für den sportlichen Bereich. Manchester City hat trotz laufender Premier-League-Verfahren eine Infrastruktur aufgebaut, die Entscheidungen in Tagen trifft, nicht in Wochen. Beim FC Bayern sind die Entscheidungswege nicht öffentlich dokumentiert — aber die Berichte über geplatzte Deals (Bradley Barcola, 125 Millionen Euro, „zu viel") deuten auf ein Modell, in dem Preisgrenzen gremial gesetzt werden, nicht individuell.
Eberl sagte nach seiner Verlängerung, der Verein könne „auch große Transfers" — und dass er sie mit Weitblick angehe. Das ist eine Selbstbeschreibung, keine Zuständigkeitszuweisung. Wer beim FC Bayern die Grenze zwischen Weitblick und Veto zieht, ist aus dem Vertragswerk nicht ablesbar.
Was die Verlängerung tatsächlich besagt
Eine vorzeitige Verlängerung um zwei Jahre — von 2027 auf 2029 — unter Bedingungen, die öffentlich diskutiert, aber nicht konkretisiert wurden, ist kein Freifahrtschein. Sie ist eine Bestätigung auf Bewährung. Hoeneß' Wandel von „60 zu 40" zu „100 Prozent" vollzog sich, wie Berichte belegen, nach der Sommer-Transferperiode 2026, die der Aufsichtsrat als Erfolg wertete. Das Urteil lag beim Gremium, nicht beim Sportvorstand.
Das ist das eigentliche Strukturmerkmal: Beim FC Bayern wird sportliche Führung nicht erteilt, sie wird verdient — in regelmäßigen Abständen, vor einem Gremium, das sie auch wieder entziehen kann. Ob dieses Modell einen Sportvorstand hervorbringt, der auf dem Transfermarkt agiert statt reagiert, entscheidet die Saison 2026/27. Die erste Probe ist der Supercup — die eigentliche findet danach statt, wenn das Transferfenster wieder öffnet.
