Der Staat zahlt 50 Cent auf jeden der ersten 360 Euro, die jemand jährlich einzahlt — das ergibt 180 Euro Zulage für 360 Euro Eigenbeitrag. Auf die nächsten 1.440 Euro gibt es noch 25 Prozent, also weitere 360 Euro. Wer jährlich 1.800 Euro einzahlt, erhält die volle Grundzulage von 540 Euro. Das sind monatlich 150 Euro Eigenbeitrag.
Für einen Haushalt mit 2.000 Euro Nettoeinkommen im Monat bedeuten 150 Euro gebundenes Kapital, das bis zum Rentenalter nicht angetastet werden darf, schlicht: Verzicht auf Lebensmittel, Nachzahlungen oder den Zahnarzttermin. Für einen Haushalt mit 5.000 Euro netto sind es eine Ausgabe, die man kaum bemerkt — und für die man trotzdem dieselbe Zulage bekommt.
Die Einkommensunabhängigkeit ist die Reform-Botschaft. Sie ist auch ihr Geburtsfehler.
Die stärkste Fassung der Gegenposition verdient ein ehrliches Wort. Wer sagt, jede private Kapitalbildung entlaste langfristig die gesetzliche Rentenkasse, hat recht. Und es stimmt: Die Riester-Rente scheiterte nicht zuletzt daran, dass ihre einkommensabhängige Förderlogik zu einem bürokratischen Labyrinth geriet, das Geringverdiener oft gar nicht erst navigierten. Ein einfaches, pauschales Zulagensystem ist also nicht falsch — es ist administrativ klüger. Diese Seite des Arguments ist real und nicht klein.
Aber sie blendet aus, was das Kernanliegen staatlicher Sozialpolitik sein müsste: nicht Gleiche gleich zu behandeln, sondern Ungleiche so, dass der Abstand schrumpft. Eine Subvention, die proportional zur Einzahlung gewährt wird, ohne dass die Fähigkeit zur Einzahlung berücksichtigt wird, verfestigt den Status quo. Sie ist kein Umverteilungsinstrument. Sie ist ein Mitnahmeinstrument.
Die Zahlen der Frühstart-Rente illustrieren das mit besonderer Klarheit. Der Staat zahlt vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro pro Kind auf ein Depot — 1.440 Euro über zwölf Jahre, zu Kapitalmarktkonditionen angelegt. Befürworter verweisen auf den Zinseszinseffekt: Historische Aktienmarktrenditen von etwa sieben Prozent nominal lägen weit über der Inflationsrate, langfristig also ein realer Gewinn. Das ist, für sich genommen, korrekt.
Das Problem ist ein anderes. Das ifo Institut rechnet vor, dass die Frühstart-Rente 2027 rund 198 Millionen Euro kostet und bis 2030 auf 411 Millionen Euro anwächst — ohne dass die Förderung einkommensabhängig gekappt wird. Ein Kind aus einem Haushalt mit 8.000 Euro Nettoeinkommen bekommt dieselben zehn Euro wie das Kind aus einem mit 1.400 Euro. Der Staat investiert damit in Depots, auf die wohlhabende Familien noch Eigenkapital obendrauf legen können — und die anderen nicht. Den Zinseszinseffekt erntet, wer einsät.
Verbraucherschützer formulieren es schärfer: Das Bildungsziel, Kinder wirklich an den Kapitalmarkt heranzuführen, erfordere eigene Konten auf den Namen des Kindes. Der Gesetzentwurf sieht das nicht zwingend vor. Was bleibt, ist ein Zulagentransfer — gut gemeint, strukturell wirkungslos für den Teil der Bevölkerung, der tatsächlich Anleitung bräuchte.
Hinzu kommt die steuerliche Dimension, die der Öffentlichkeit kaum erklärt wird. Die nachgelagerte Besteuerung — Einzahlungen steuerfrei, Auszahlungen im Rentenalter zu versteuern — begünstigt tendenziell Menschen, die im Alter niedrigere Steuersätze haben. Wer im Erwerbsleben sehr gut verdient und fürs Alter vorsorgt, zahlt Beiträge aus unversteuerten Hochsteuer-Euro und versteuert Auszahlungen aus dem Rentner-Niedrigsteuer-Tarif: ein Steuervorteil, der mit dem Einkommen wächst. Für Geringverdiener, die ohnehin kaum Steuern zahlen, ist dieser Effekt marginal — die Zulage ist ihre einzige Förderkomponente, und sie reicht nicht zum Einzahlen.
Das Kriterium, nach dem diese Reform beurteilt werden muss, ist Effizienz im Sinne der Haushaltsmittel: Wieviel Rentenvorsorge kauft ein Euro staatlicher Subvention — und für wen? Gemessen daran ist das neue System für Personen mit mittlerem und höherem Einkommen ein hervorragend konstruiertes Sparanreiz-Programm. Für den unteren Einkommensdezil ist es weitgehend irrelevant, weil die Einstiegshürde — monatliche Liquidität für ein langfristig gebundenes Depot — schlicht fehlt.
Ein gezielter Gegenentwurf läge auf der Hand: Die maximale Zulage könnte degressiv ausgestaltet werden — höhere Förderquote für niedrige Einzahlungsbeträge kleiner Einkommen, gedeckelte Zulage für hohe Einkommen. Kombiniert mit einem echten Kinderkonto auf den Namen des Kindes, auf das weder Eltern noch der Fiskus bis zur Volljährigkeit zugreifen können, würde aus der Frühstart-Rente tatsächlich ein Startkapital für alle. Stattdessen zahlt der Staat bis 2030 über 400 Millionen Euro jährlich für ein Zulagensystem, das seine besten Renditen für jene reserviert, die sie am wenigsten brauchen.
Der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD nennt die Reform einen Meilenstein für die Altersvorsorge. Lars Klingbeil, Vizekanzler und Bundesfinanzminister, ließ sie im Kabinett beschließen. Die SPD wird damit zum Mitunterzeichner einer Reform, die ohne progressive Kappung nicht verteilt, sondern verteilt, was schon da ist.
Das Altersvorsorgedepot ist kein schlechtes Produkt. Es ist das falsche Programm — für die richtige Aufgabe.
