Kernpunkte
- Iran griff die US-Militärbasis Muwaffaq Salti in Jordanien mit Raketen an; jordanische und US-Abwehrsysteme fingen nach eigenen Angaben 18 von 20 Geschossen ab.
- Gleichzeitig meldeten Kuwait und Bahrain iranische Drohnen- und Raketenattacken auf ihre Territorien – die Golfstaaten zahlen den Preis für eine Konfrontation, an der sie nicht beteiligt sind.
- Die Straße von Hormus wurde faktisch blockiert; Brent-Öl stieg zeitweise auf über 120 Dollar pro Barrel, LNG-Preise in Asien um mehr als 140 Prozent.
- Ein US-Angriff auf eine Hochzeitsgesellschaft im Iran – mindestens vier Tote – belastet die völkerrechtliche Rechtfertigung der Operation und untergräbt die Glaubwürdigkeit westlicher Sicherheitsgarantien gegenüber den Anrainerstaaten.
Donald Trump nannte es maximale Härte. Gemessen an der Straße von Hormus ist es maximale Unordnung.
Die Eskalationslogik des Sommers 2026 folgt einem Muster, das Washington schlecht bedient: Die USA greifen iranische Öltanker an, der Iran antwortet mit Raketen auf jordanisches Territorium, Kuwait schlägt Drohnen aus dem Himmel, Bahrain meldet Einschläge – und am Ende sitzt die Rechnung bei Verbündeten, die niemand gefragt hat. Jordaniens Außenminister Ayman Safadi hat dieses Gefühl präzise benannt: Sein Land ist kein Kriegsteilnehmer, aber sein Luftraum ist zur Abschussrampe geworden.
Das stärkste Argument für Washingtons Kurs lautet: Iran ließ sich durch Zurückhaltung nicht bremsen. Nicht durch Obama-Diplomatie, nicht durch den JCPOA, nicht durch selektive Sanktionen. Wer das Regime in Teheran in seine eigene Logik der Nadelstiche zwingt – Tanker gegen Tanker, Basis gegen Basis – zieht den Konflikt auf ein Terrain, auf dem westliche Kapazitätsvorteile greifen. Diese Position ist nicht absurd. Sie erklärt, warum Jordan und Kuwait die US-Präsenz dulden: Sie kaufen damit eine Sicherheitsgarantie.
Das Problem ist, dass diese Garantie erkennbar durchlöchert ist.
Dreißig Patriot-Raketen für einen Angriff, der keine US-Todesopfer fordert. Eine A-10 Thunderbolt, die im eigenen Hangar einen Flügel verliert. Acht F-15, leicht beschädigt, schnell wieder einsatzfähig – aber eben nicht in dem Moment, in dem sie es sein müssten. Das ist kein Sieg der Abwehr; das ist die statistische Vorstufe zu einem, bei dem die Abfangquote schlechter ausfällt. Kuwait weiß das. Bahrain auch.
Schwerer noch wiegt, was über die Hochzeitsgesellschaft bekannt ist. Mindestens vier Tote, zahlreiche Verletzte, ein US-Angriff auf ein Ziel, dessen militärischer Zweck öffentlich nicht belegt ist. Teheran spricht von Kriegsverbrechen – das ist Propagandavokabular und wird hier nicht übernommen. Aber die völkerrechtliche Frage steht trotzdem im Raum: Artikel 51 der UN-Charta erlaubt Selbstverteidigung gegen einen bewaffneten Angriff. Ob ein Angriff auf Öltanker diesen Tatbestand erfüllt und ob die Verhältnismäßigkeit gewahrt ist, wenn dabei Zivilisten sterben, ist nicht Teherans Erfindung – das ist eine Frage, die vor dem Internationalen Gerichtshof gestellt werden kann und vermutlich gestellt werden wird. JD Vance hat eine Untersuchung angekündigt. Trump hat sie relativiert, bevor sie begonnen hat. Diese Widersprüchlichkeit wird in den Kanzleien in Amman und Kuwait-Stadt registriert.
Genau hier liegt die strategische Selbstbeschädigung: Die Anrainerstaaten brauchen keine moralische Gewissheit über Washington – sie brauchen Vorhersehbarkeit. Eine Schutzmacht, deren Präsident und Vizepräsident öffentlich verschiedene Aussagen zu laufenden Ermittlungen machen, bietet keine. Die maximale Härte gegen den Iran kostet diese Staaten täglich Abwehrraketen, Diplomatensekunden und Wirtschaftsrisiken – und kauft ihnen im Gegenzug eine Garantie, deren Wert sinkt, je lauter sie ausgerufen wird.
Die Energiemärkte rechnen das nüchtern vor. Brent-Rohöl über 120 Dollar pro Barrel, LNG-Spotpreise in Asien um 140 Prozent gestiegen, Container-Spotraten bei 8.500 Dollar pro FEU – das sind keine Panikwerte irrationaler Märkte. Das ist die Risikoprämie für ein Szenario, in dem ein Drittel des weltweiten Flüssiggases durch eine Meerenge fließt, die eine Konfliktpartei explizit bedroht hat. Die Internationale Energieagentur nennt die Lage die schwerste globale Energiekrise ihrer Geschichte. Wer Jordanien und Kuwait schützt, indem er ihre Infrastruktur zur Zielscheibe macht, schützt sie nicht.
Teheran kalkuliert genau das ein. Ein Iran, der keine US-Soldaten tötet, aber amerikanische Abfangraketen verbraucht, Ölpreise in die Höhe treibt und Verbündete zermürbt, hat aus eigenem Gewaltaufwand ein enormes Drohpotenzial gemacht. Dieser Kalkül funktioniert nur, weil Washington die regionalen Kosten seiner Eskalation nicht in die eigene Verlustrechnung einbezieht.
Jordanien hat das nicht verdient. Kuwait auch nicht.
