Am 28. Februar 2026 trafen nahezu 900 Schläge in zwölf Stunden den Iran. „Operation Epic Fury" – so das Pentagon – zielte auf Raketenbestände, Flugabwehrsysteme, militärische Infrastruktur und Führungspersonal. Sechs Monate später greift das US-Militär Brücken an. Und Kraftwerke. Und Minenleger in der Straße von Hormuz.
Das ist kein taktischer Drift. Es ist ein strategischer Paradigmenwechsel – und er ist undeklariert geblieben.
Die Ziele verschieben sich, die Rechtfertigung bleibt dieselbe
Die ursprünglichen Kriegsziele der „Operation Epic Fury" waren eng gefasst: Zerstörung der iranischen Raketen- und Marinekapazitäten, Verhinderung eines Atomwaffen-Durchbruchs, Unterbindung der Proxy-Netzwerke. Ein erreichbares, messbares Bündel – jedenfalls auf dem Papier.
Dann begann die Anpassung. Focus und Britannica dokumentieren, wie die USA im Juli 2026 begannen, Infrastrukturziele in die Angriffsliste aufzunehmen: Brücken, Tunnel, Kraftwerke, vorrangig in der Provinz Hormozgan. Am 31. August 2026 gab Centcom begrenzte Operationen gegen Minenlege-Einheiten der Revolutionsgarden in der Straße von Hormuz bekannt – mit der Begründung, eine „unmittelbare Bedrohung" abzuwehren. Iran reagierte mit Raketenangriffen auf US-Stützpunkte in Jordanien. Zwei Tage später, am 2. September 2026, folgten weitere iranische Angriffe auf Kuwait und Bahrain.
Der Sprung von „Atomwaffenprävention" zu „Minenleger versenken" ist groß. Die Pressestatements klingen gleich.
Was das Pentagon als Zielkorrektur verkauft, folgt einer bekannten Eskalationslogik: Wer 7.000 Ziele trifft und den Gegner nicht zur Kapitulation zwingt, muss entweder die Zieldefinition erweitern oder das Scheitern einräumen. Washington hat sich für die erste Option entschieden – ohne das öffentlich zu benennen.
Jordanien und Kuwait: Verbündete als Puffer
Amman und Kuwait-Stadt sitzen in der ungemütlichsten Position des Konflikts. Sie beherbergen US-Stützpunkte, weil sie auf amerikanischen Schutz angewiesen sind. Sie werden von Iran angegriffen, weil sie US-Stützpunkte beherbergen. Die Taz beschreibt Jordaniens Lage als „Würgegriff": König Abdullah II. kann die USA nicht öffentlich kritisieren, ohne das Sicherheitsbündnis zu gefährden, und er kann Iran nicht reizen, ohne Angriffe auf sein Territorium zu provozieren.
Jordaniens Außenminister Ayman Safadi hat diesen Spagat mehrfach vorgeführt. Er verurteilte die iranischen Raketenangriffe auf jordanisches Territorium, rief gleichzeitig zur Deeskalation auf und vermied jeden direkten Kommentar zur US-Strategie. Kuwait meldete erfolgreiche Abfangoperationen gegen Raketen und Drohnen, die auf US-Basen abgezielt hatten – ohne die Angriffe als Kriegshandlung gegen Kuwait selbst zu qualifizieren.
Das ist keine Feigheit, sondern Kalkulation. Beide Regierungen wissen, dass sie den Krieg nicht beenden können und seine Kosten nicht ignorieren können. Also dokumentieren sie Schäden, halten diplomatische Kanäle offen und hoffen, dass Washington einen Ausweg findet, den es bislang nicht gesucht hat.
Saudi-Arabien verurteilte die iranischen Angriffe auf Golfstaaten, ohne die US-Strategie zu endorsieren. Katar mahnte zur Wiedereröffnung diplomatischer Kanäle. Beides sind Signale an Washington – nicht an Teheran.
Hormuz: der Hebel, der nicht loslässt
Etwa 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs und ein Fünftel des globalen LNG-Handels passieren die Straße von Hormuz. Diese Zahl war vor dem Krieg eine Warnung. Seit Februar 2026 ist sie ein Befund.
Der Ölpreis stieg in den ersten Kriegswochen um mehr als ein Drittel; Anfang April 2026 lag er gut 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Der LNG-Preis legte in den ersten vier Kriegswochen um drei Viertel zu. Die Bundeszentrale für politische Bildung und das Dezernat Zukunft rechnen mit einem temporären Inflationsschock von bis zu zwei Prozentpunkten für Deutschland – sofern kein schnelles Kriegsende eintritt. Die Inflationsrate in Deutschland lag im August 2026 bei 2,9 Prozent, angetrieben maßgeblich durch Energiepreise.
Die US-Regierung hat staatliche Risikoversicherungen und Marineeskorten für Handelsschiffe eingeführt. Das dämpft den Versicherungsmarkt, aber nicht den Ölmarkt – denn das Problem ist nicht das Risiko für einzelne Tanker, sondern die strukturelle Unberechenbarkeit der Durchfahrt. Solange die Revolutionsgarden Minen legen können und die USA darauf mit Luftschlägen reagieren, die ihrerseits Gegenschläge auslösen, ist Hormuz kein gesicherter Korridor, sondern eine kontrollierte Eskalationszone.
Die Deutsche Bank und die LBBW haben die Wirkungskette modelliert: anhaltend hohe Energiepreise, steigende Transportkosten, Zweitrundeneffekte auf die Inflation, Rezessionsrisiken für importabhängige Volkswirtschaften. Ein schnelles Kriegsende bleibt die einzige wirksame Gegenstrategie. Sie liegt nicht in Frankfurt oder Berlin.
Die Logik des Endlosen
Warum hören beide Seiten nicht auf?
Die Antwort liegt nicht in der Irrationalität der Akteure, sondern in ihrer Rationalität. Für Teheran liefert der Krieg das, was Revolutionsregimes brauchen: externe Bedrohung als innenpolitisches Bindemittel. Die Revolutionsgarden gewinnen Legitimität durch Vergeltungsschläge, nicht durch Kompromisse. Ein Waffenstillstand ohne territorialen oder politischen Gewinn wäre für das Regime innenpolitisch schwer zu verkaufen – und für die Gardisten, die ihn ausgehandelt hätten, womöglich gefährlich.
Für Washington gilt Spiegelbildliches. Trumps Regierung hat die Angriffe innenpolitisch als Stärke gerahmt: Amerika greift an, Amerika schützt seine Verbündeten, Amerika lässt sich nicht erpressen. Eine Exit-Strategie, die nicht als Sieg verbucht werden kann, ist im amerikanischen Innenpolitik-Betrieb kaum kommunizierbar – zumal keine definierte Siegbedingung existiert, die Iran tatsächlich erfüllen könnte oder wollte.
Das Ergebnis ist eine Struktur, in der beide Seiten den Krieg brauchen, solange sie ihn führen. Die Kosten – Energiepreise in Stuttgart, Raketen in Amman, Tote bei einer Hochzeitsgesellschaft in Sirik – werden von denjenigen getragen, die in keiner dieser Hauptstädte regieren.
Was den Bruch signalisieren würde
Drei Signale würden anzeigen, dass die Logik kippt: erstens eine öffentliche US-Definition der Bedingungen, unter denen die Angriffe enden – nicht als Ultimatum an Iran, sondern als Selbstbindung Washingtons; zweitens ein ernsthaftes Gesprächsangebot über eine dritte Partei, das Iran nicht sofort ablehnt; drittens ein Rückgang der Revolutionsgarden-Kommunikation, die den Krieg als Existenzbedrohung des Regimes rahmt.
Keines der drei ist bis Ende August 2026 eingetreten. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erwägt stattdessen eine Verlängerung der Truppenstationierungen in der Region. Im August 2026 startete Washington zusätzlich „Operation Economic Outcast" – eine Sanktionskampagne, die neben der militärischen läuft.
Zwei parallele Eskalationsstränge, keine Verhandlungsspur. Das Pentagon hat noch keine Zieldefinition formuliert, bei deren Erreichen es aufhören würde zu schießen. Bis das passiert, ist der Krieg nicht zu Ende – er ist in Betrieb.
