Verkehr und Lagerei meldet rund 72 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen. Das Baugewerbe kommt auf 53. Das Gastgewerbe auf knapp 60. Diese Zahlen sind keine Delle — sie sind die späte Abrechnung mit drei Jahrzehnten günstiger Energie, billiger Kredite und ausgebliebener Investitionen in Produktivität.

Die Erzählung, die DIHK-Präsident Peter Adrian und die Bundesregierung derzeit pflegen, lautet: Die Unternehmen leiden unter geopolitischen Schocks, hohen Energiepreisen und schwacher Nachfrage — Umstände, die man nicht zu verantworten hat und die sich wieder geben werden. Diese Lesart hat einen Vorteil: Sie befreit von der unbequemen Frage, wer die letzten fünfzehn Jahre eigentlich für die Anpassung genutzt hat.

Das stärkste Argument auf dieser Seite verdient ernste Betrachtung. Staatliche Stützungsmaßnahmen sichern Arbeitsplätze in einer Phase, in der neue Jobs noch nicht entstanden sind. 165.000 Beschäftigte verloren im ersten Halbjahr 2026 ihren Arbeitsplatz durch Insolvenzen. Das ist real, und es schmerzt konkret — in einer Spedition in Duisburg, in einem Bauunternehmen in Erfurt, in einem Gastronomiebetrieb in Leipzig. Wer das wegwischt, argumentiert nicht, er moralisiert.

Aber der Einwand erklärt nicht, welches Unternehmen nach der Subvention produktiver sein soll als davor. Er erklärt nicht, warum der Spediteur, der seit 2019 keine Fuhrparkmodernisierung finanzieren konnte, sie nach einer Überbrückungshilfe finanzieren wird. Er erklärt nicht, warum ein Gastronomiebetrieb, der strukturell zu teuer produziert, nach der Prämie günstiger produziert. Die Subvention kauft Zeit. Sie kauft keine Wettbewerbsfähigkeit.

Hier ist der Befund, den die Daten liefern: Die Forderungssumme sank im ersten Halbjahr 2026 auf rund 18,5 Milliarden Euro — gegenüber 28,2 Milliarden Euro im Vorjahr. Das bedeutet: Es gehen nicht mehr die großen, systemrelevanten Unternehmen unter. Es gehen die kleinen, strukturell nicht überlebensfähigen. Die Marktbereinigung hat ihren Charakter verändert. Sie sortiert jetzt kleinräumig, aber flächendeckend.

Genau das ist das Moment, in dem eine Industriepolitik ansetzen müsste — mit gezielten Investitionen in Qualifizierung, in Prozessinnovation, in Energie-Infrastruktur. Stattdessen bietet die Bundesregierung Entlastungsprämien und steuerliche Investitionsanreize, die über KMU hinwegrauschen. Ökonomen haben diese Pakete in der Vergangenheit als Gießkanne kritisiert, die nicht zielgenau genug sei und bei kleinen Betrieben schlicht an Bürokratiekosten scheitere. Das ist keine ideologische Kritik — das ist die einfache Beobachtung, dass ein Handwerksbetrieb mit vier Mitarbeitern keinen Compliance-Apparat für Förderprogramme unterhält.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat Wachstum versprochen. Die Bundesregierung projiziert 0,5 Prozent BIP-Wachstum für 2026. Das ifo Institut schätzt 0,8 Prozent. Selbst das optimistischere DIW kommt auf 1,2 Prozent. Das sind keine Zahlen, die einen Strukturbruch kitten. Das sind Zahlen, die eine Volkswirtschaft im Übergang beschreiben — langsam, unruhig, mit erheblichem Abwärtspotenzial bei externen Schocks.

Der Anstieg der Insolvenzen im Juni 2026 auf 15,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat ist kein Ausreißer. Er ist die Bestätigung einer Richtung. Wer das Konjunktur nennt, hat entweder die Branchenstruktur nicht angesehen oder will sie nicht ansehen. Verkehr, Bau, Gastgewerbe — das sind keine Branchen, die auf einen Zinsrückgang warten. Das sind Branchen, die auf günstige Energie warten, auf digitalisierte Prozesse, auf Fachkräfte, die sie nicht mehr finden. Diese Probleme löst keine Konjunkturerholung.

Peter Adrian fordert Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Das ist richtig, und es wäre auch das Richtige, wenn es konkret würde. Planungssicherheit für eine Spedition bedeutet: klare Emissionsregeln, subventionsfreie Mautstruktur, Klarheit über Antriebstechnologien bis 2030. Stattdessen gibt es Überbrückung. Überbrückung ist kein Plan — Überbrückung ist die Vertröstung auf danach.

Das Muster ist bekannt. Deutschland hat es bei der Kohle praktiziert, beim Stahl, bei Teilen der Automobilindustrie. Jahrelange Subventionen haben den Übergang gedehnt, nicht verhindert — aber sie haben die Ressourcen gebunden, die in neue Strukturen hätten fließen können. Die Eigenverwaltungsverfahren, die frühzeitig eingeleitet werden, retten laut einer Studie aus dem Bestand der ESUG-Verfahren deutlich mehr Arbeitsplätze als Spätinsolvenzen und erzielen zwei- bis dreimal höhere Gläubigerquoten. Das ist der empirische Fall für frühe Bereinigung, nicht für ihre Verhinderung.

Die Zombifizierung der deutschen Wirtschaft ist keine Metapher. Sie ist ein beschreibbarer Mechanismus: Ein Unternehmen, das mit Subventionen am Rand der Zahlungsfähigkeit gehalten wird, investiert nicht. Es zahlt Zinsen. Es reduziert Personal. Es verliert Marktanteile an Wettbewerber, die es sich leisten konnten, früher umzubauen. Es blockiert Kapital, das anderswo Produktivität erzeugen würde. Multipliziert man diesen Mechanismus über Tausende von Unternehmen, erhält man eine Volkswirtschaft, die sich selbst Stagnation verwaltet.

12.812 Insolvenzen im ersten Halbjahr. Die Zahl wächst. Friedrich Merz spricht von Aufbruch. Peter Adrian fordert Verlässlichkeit. Der Markt bereinigt unterdessen — langsam, mühsam, mit unnötig hohem Schaden, weil niemand früh genug die Wahrheit sagte: Manche Geschäftsmodelle kommen nicht zurück. Je länger man darauf wartet, desto teurer wird das Warten.