Von außen betrachtet ist der Weltschachverband ein Bildungsverband für ein Denkspiel. Von innen betrachtet war er, zumindest lange Zeit, ein Ableger russischer Staatspflege. Gazprom zahlte, Dvorkovich leitete, Moskau strahlte. Das Modell funktionierte so gut, dass es sich erst unter dem Druck europäischer Sanktionspakete auflöste — nicht aus eigenem Antrieb.
Jetzt, in Samarkand, hat die FIDE die seltene Gelegenheit, das Verhältnis zwischen Geld und Macht wenigstens institutionell neu zu sortieren. Sie wird sie, mutmaßlich, nicht nutzen.
Die Gegenposition verdient ihre faire Darstellung. Wer für Timur Turlow argumentiert, sagt Folgendes: Der Verband braucht Geld, um Turniere zu finanzieren, Programmentwicklung zu betreiben, nationale Verbände zu unterstützen. Turlow bringt dieses Geld. Er hat Freedom Holding Corp als Hauptsponsor aufgebaut, als russische Gelder wegbrachen; er steht für Kontinuität in einer Phase, in der die FIDE organisatorisch taumelte. Viswanathan Anand, fünffacher Weltmeister und ein Mann mit tadellosem Ruf im Schach, kandidiert als sein Vizepräsident. Das ist kein schlechtes Ticket. Stabilität nach Jahren des Chaos ist ein echtes Gut.
Das Argument hat Gewicht. Es hat nur einen Fehler: Es beschreibt das Problem als seine Lösung.
Die strukturelle Abhängigkeit der FIDE von russischen Staatskonzernen war nicht zufällig entstanden. Gazprom wurde 2019 offizieller Generalpartner — ein Unternehmen, das zu über fünfzig Prozent dem russischen Staat gehört, geführt wurde von Aleksej Miller, einem Vertrauten Putins, und dessen Vorstand Dvorkovich selbst zeitweise angehörte. Tatneft folgte 2021. Das waren keine neutralen Sponsorenbeziehungen; es waren Instrumente russischer Soft-Power-Politik, bei denen der Schachverband das Schaufenster war. Als die EU Dvorkovich im September 2022 auf die Sanktionsliste setzte, suspendierte er sich selbst — nicht weil der Verband ihn dazu aufforderte, sondern weil der Druck von außen kam.
Turlow ist keine Wiederholung dieser Struktur. Er ist kasachischer Staatsbürger, kein russischer Funktionär. Aber er ist der größte Einzelgeldgeber eines Verbandes, dessen Führung er nun anstrebt. Geldgeber und Aufseher in Personalunion — das ist kein Governance-Modell, das einen Verband unabhängiger macht. Es ist die modernisierte Variante desselben Problems.
Die Dezemberentscheidung der FIDE-Generalversammlung 2025, Russland und Belarus zu Jugendwettbewerben wieder mit Flagge und Hymne zuzulassen, zeigt die Richtung. Die DSB-Präsidentin nannte die Handhabung „chaotisch". Das ist freundlich formuliert. Der russische Schachverband wurde im Juni 2026 teilweise suspendiert — wegen der Weigerung, ein CAS-Urteil umzusetzen, das Turniere in besetzten ukrainischen Gebieten verbot —, und gleichzeitig dürfen russische Spieler unter FIDE-Flagge antreten. Das ist kein Kompromiss; das ist Inkonsequenz als Dauerzustand.
Hier liegt die eigentliche Frage, die Samarkand stellt: Regelt ein Sportverband seine Mitgliedschaft nach Recht und Verfahren — oder nach dem Gewicht der Schecks?
Rosenstein und Büttner geben auf diese Frage eine klarere institutionelle Antwort. Rosenstein, FIDE-Delegierter des Deutschen Schachbundes und Gründer von WR Chess, wirbt für stärkere nationale Verbände, transparentere Vermarktung und strukturelle Modernisierung. Büttner, bekannt durch das Freestyle-Chess-Format, steht für einen anderen Begriff von Schach als kommerziell lebensfähigem Produkt — eines, das nicht von einem einzigen Mäzen abhängt. Beide sind Unternehmer, nicht Verbandsbürokraten. Ihre genauen Programme sind teils noch vage. Aber ihre Kandidatur stellt die Machtfrage richtig: Wem gehört dieser Verband?
Das Stimmgewicht im FIDE-Kongress liegt bei den nationalen Verbänden. Viele kommen aus Ländern, die auf Förderprogramme angewiesen sind — Förderprogramme, die gegenwärtig zu einem erheblichen Teil über Turlows Strukturen fließen. Die Wahlmathematik ist kein Geheimnis. Die nordischen Verbände fordern klare Sanktionspolitik. Der Deutsche Schachbund positioniert sich skeptisch. Und Anand als Vize-Kandidat Turlows holt Stimmen in Südasien.
Dvorkovich, dessen zwei Amtszeiten durch eine Regeländerung im Dezember 2023 für nichtig erklärt wurden, kandidiert nicht mehr. Die Moskauer Ära im Schach ist formal vorbei. Ob sie inhaltlich endet, entscheidet sich am 26. und 27. September.
Ein Verband, der seinen größten Sponsor zum Präsidenten wählt, hat sich für eine bestimmte Art von Stabilität entschieden. Die Kasse bleibt voll. Die stärkste Fassung der Gegenposition ist eingeräumt.
Die Antwort liegt in Samarkand — nicht bei den Spielern, sondern bei den Delegierten.
