196 Delegierte stimmten in Samarkand ab. Im ersten Wahlgang fehlte Turlov eine Stimme zur absoluten Mehrheit: 96 zu 76, dazu 20 für den deutschen Kandidaten Jan Henric Buettner. Dann sprachen Buettner und sein Stellvertreter Malcolm Pein eine Wahlempfehlung für Turlov aus — und im zweiten Wahlgang war das Ergebnis eindeutig: 110 zu 85.

Das arithmetische Bild ist aufschlussreich. Buettner hatte 20 Stimmen geholt; Turlov gewann im zweiten Wahlgang 14 dazu, Rosenstein 9. Mindestens ein Teil von Buettners Lager wählte offenbar trotz der Empfehlung den deutschen Kandidaten. Aber entscheidend ist die Richtung: Die FIDE-Mehrheit folgte dem Geld — und das Geld hatte einen kasachischen Pass.

Drei Jahrzehnte russische Führung

Seit Kirsan Iljumschinow 1995 die FIDE übernahm, stand der Verband unter russischer Kontrolle. Iljumschinow, Republikchef von Kalmückien und enger Vertrauter Putins, führte die FIDE 23 Jahre lang; sein Nachfolger Arkady Dworkowitsch, ehemaliger stellvertretender Premierminister Russlands, trat 2018 an und wurde 2022 wiedergewählt — sechs Monate nach dem russischen Überfall auf die Ukraine.

Dworkowitsch hielt seinen Posten, bis die Realität ihn einholte: Am 23. Juli 2026 verhängte die EU Sanktionen gegen ihn. Er suspendierte seine Amtsgeschäfte, Viswanathan Anand übernahm interimistisch. In Samarkand trat Dworkowitsch nicht mehr an.

Das Ende der russischen Ära kam also nicht durch eine Abstimmung über Werte, sondern durch Sanktionsdruck von außen.

Die Sanktions-Geschichte, rückwärts gelesen

Im März 2022, kurz nach Kriegsbeginn, suspendierte die FIDE die Nationalmannschaften Russlands und Belarus' von offiziellen Teamwettbewerben. Einzelspieler durften unter neutraler Flagge antreten. Im September 2024 bestätigte die FIDE diesen Ausschluss — unter Protest aus Moskau.

Im Dezember 2025 kehrte die FIDE per Online-Generalversammlung um: Die Sanktionen wurden aufgehoben. Russische und belarussische Spieler können seither wieder unter nationaler Flagge an FIDE-Turnieren teilnehmen. Die genauen Abstimmungsverhältnisse und die Rolle des IOC bei dieser Entscheidung sind nicht vollständig dokumentiert; der ukrainische Schachverband äußerte scharfe Kritik.

Turlov gewann also eine FIDE-Wahl, in der die härteste Sanktionsentscheidung bereits rückgängig gemacht war. Die 46. Schacholympiade in Samarkand zählt laut Teilnehmerlisten 206 Teams im offenen Turnier und 189 im Frauenturnier — Rekordwerte, die die Frage, welche Flaggen fehlen oder neu dabei sind, überlagern.

Das Versprechen: 8,5 Millionen, aus einem Haus

Turlovs Wahlkampf ruhte auf einem finanziellen Fundament, das seine Gegner nicht hatten. Er versprach mindestens 8,5 Millionen US-Dollar über vier Jahre in FIDE-Entwicklungsfonds — rund 7 Millionen für Kernentwicklung (offene Turniere, Trainer- und Schiedsrichterausbildung, Reisesubventionen für Talente aus ressourcenschwachen Verbänden), 1,5 Millionen für Medienarbeit. Dazu ein Entwicklungsfonds von mehr als 6 Millionen US-Dollar für nationale Verbände.

Diese Zahlen klingen nach Strukturpolitik. Die Quelle ist ein Privatunternehmen: Freedom Holding Corp., Turlovs Finanzkonzern mit Sitz in Kasachstan und US-Börsennotierung. Freedom Holding war bereits vor der Wahl der größte private FIDE-Sponsor — über drei Jahre lang, wie Turlovs eigene Kampagnenmaterialien ausweisen.

Der neue Präsident ist damit zugleich der Hauptgeldgeber des Verbandes, der ihn gewählt hat. Wie diese Doppelrolle institutionell getrennt wird, welche Kontrollmechanismen greifen, wenn Verbandsinteressen und Unternehmensinteressen kollidieren — das ist offen. Turlov spricht von „nachhaltiger Finanzierung" und „moderner Unternehmensführung". Was das bedeutet, wenn der Unternehmer selbst der Verbandsführer ist, definiert er nicht.

Die stärkste Fassung des Gegenarguments: Privatsponsoring ist im internationalen Sport normal, Freedom Holding operiert reguliert an der US-Börse, und Turlovs Bildungsinitiative hat in Kasachstan nachweislich 60.000 Schüler an 1.500 Schulen erreicht. Ein Verband mit chronischem Ressourcenproblem kann auf einen Mäzen mit Ambitionen zurückgreifen. Gegenkandidaten Rosenstein und Buettner boten keinen vergleichbaren Finanzierungsplan.

Das Gegenargument trägt — bis zu dem Punkt, an dem der Mäzen der Kontrolleur wird. Iljumschinow finanzierte die FIDE auch. Er regierte sie 23 Jahre.

Zentralasien als neue Gravitationsmitte

Samarkand ist kein zufälliger Austragungsort. Usbekistan hat sich in den vergangenen Jahren als Schach-Nation positioniert; Kasachstan, Turlovs Heimat, investiert massiv in internationale Sportpräsenz. Der Wechsel an der FIDE-Spitze spiegelt eine breitere Verschiebung: Zentralasien tritt als Soft-Power-Akteur auf, der Sportverbände, Großereignisse und Medienrechte als Instrumente versteht.

Viswanathan Anand, fünffacher Schachweltmeister und neuer FIDE-Vizepräsident, verleiht Turlovs Ticket Legitimität außerhalb der GUS-Sphäre. Anands Beteiligung ist keine Nebensache — sie ist der Ausweis, dass Turlov als globaler, nicht als postsowjetischer Kandidat angetreten ist.

Ob dieser Anspruch trägt, zeigt sich an einem konkreten Prüfstein: den Entscheidungen der nächsten zwölf Monate über Turnierstandorte, Vergabeverfahren und die Frage, ob FIDE-Sponsoren Auswahlrechte bei Veranstaltungsorten erwerben. Turlov hat versprochen, Transparenz zu schaffen. Anand steht für Glaubwürdigkeit. Beide zusammen sind eine Anfangsbedingung — keine Garantie.

Der russische Einfluss auf die FIDE endet nicht damit, dass kein Russe mehr den Posten hält. Er endet, wenn die Strukturen enden, die diesen Einfluss ermöglichten: intransparente Finanzierung, fehlende Interessentrennung, Verbandsführung als persönliches Instrument. Diese Strukturen stehen, vorerst, unter anderem Namen.