Zwischen 2:00 Uhr und 4:00 Uhr morgens meldeten drei Piloten unabhängig voneinander Sichtungen eines möglichen Drohnenobjekts beim Start oder bei der Landung am Flughafen Nürnberg. Ein Polizeihubschrauber suchte, konnte das Objekt aber nicht verifizieren. Zwei ankommende Maschinen wichen vorsorglich nach Köln und Prag aus, sechs Flüge liefen verspätet – nach Medienberichten die vorläufige Bilanz der Morgenstunden.
Gegen Mittag eskalierte die Lage erneut. Die Polizei sperrte den Flughafen kurz vor der planmäßigen Landung eines Airbus A320-271N der Corendon Airlines, Flugnummer XR456, aus Korfu. Ein Polizeisprecher erklärte, man gehe von einer „mutmaßlichen Luftnotlage" aus – diese sei aber „noch unbestätigt". Nach Medienberichten landete das Flugzeug laut Daten von Flightradar24 um 12:16 Uhr sicher in Nürnberg, der Flugbetrieb wurde anschließend wieder aufgenommen. Was genau die mutmaßliche Notlage auslöste und wie der Polizeieinsatz endete, ist stand 13. Oktober 2026 amtlich nicht bestätigt.
Ein direkter Zusammenhang zwischen der morgendlichen Drohnensichtung und der mittäglichen Luftnotlage ist amtlich nicht bestätigt.
Wie die Drohnenzahlen steigen
Nürnberg ist kein Einzelfall – es ist Datenpunkt in einer langen Reihe.
Die Deutsche Flugsicherung (DFS) zählte 2023 bundesweit 151 Drohnensichtungen, davon 84 – also 56 Prozent – in der Nähe größerer Flughäfen. Frankfurt und Leipzig-Halle lagen mit je 21 Fällen vorn. Im Jahr 2025 registrierte die DFS bundesweit 226 Drohnenvorfälle; 116 davon führten zu Voll- oder Teilsperrungen an 25 Flughäfen. Den wirtschaftlichen Schaden für den Luftverkehr bezifferte die DFS auf geschätzte 60 Millionen Euro direkt, mit Folgekosten von bis zu 160 Millionen Euro.
Das erste Halbjahr 2026 setzt diesen Trend fort, und zwar beschleunigt. Von Januar bis April 2026 verzeichnete die DFS 108 Drohnenbehinderungen an deutschen Flughäfen – mehr als doppelt so viele wie im gleichen Vorjahreszeitraum mit 47 Fällen; 93 Prozent der Vorfälle ereigneten sich im Großraum eines Airports. Im gesamten ersten Halbjahr 2026 kamen an den 15 internationalen Verkehrsflughäfen 166 Drohnenmeldungen zusammen, gegenüber 101 im gleichen Zeitraum 2025. Bis Ende September 2026 zählte die DFS für das laufende Jahr insgesamt 172 Störungen des Flugbetriebs durch unautorisierte Drohnen. Berlin-Brandenburg führte die Liste des ersten Halbjahrs mit 28 Fällen an, gefolgt von Frankfurt mit 27 und Bremen mit 23.
Den Antrieb hinter diesen Zahlen benennt die DFS nicht abschließend. Verbesserte Detektionstechnik an einzelnen Airports kann die Kurve nach oben verzerren – wer besser erkennt, meldet mehr. Ob die absolute Zahl der Überflüge steigt oder nur ihre Sichtbarkeit, lässt sich aus den vorhandenen Statistiken nicht sicher trennen.
Was Statistiken messen – und was sie nicht erfassen
Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) untersucht Unfälle und schwere Störungen im zivilen Luftverkehr. Ihr Zählrahmen ist ein anderer als der der DFS: Die BFU erfasst keine Drohnensichtungen als eigene Kategorie. In ihren Jahresstatistiken tauchen Drohnen nicht als systematische Unfallursache auf, auch wenn die Behörde das Thema beobachtet.
Was die BFU misst, zeigt eine andere Kurve. 2022 registrierte sie 150 Unfälle in der deutschen Zivilluftfahrt, 23 davon mit tödlichem Ausgang – ein Wert, der dem Mehrjahresdurchschnitt entsprach. Für 2024 weist die BFU 129 Unfälle aus, 18 mehr als im Vorjahr 2023; elf Unfälle hatten tödlichen Ausgang mit zwölf Todesopfern. Die meisten betrafen leichte Luftfahrzeuge unter zwei Tonnen, nicht den kommerziellen Linienverkehr.
Für das Feld der Luftnotlagen – also Bordsituationen, die einen Notruf oder Prioritätsstatus auslösen – gibt es keine öffentlich zugängliche Zeitreihe, die große deutsche Verkehrsflughäfen separat ausweist. Was die Behörden zählen (BFU: Unfälle und schwere Störungen), was die DFS zählt (Drohnen im Luftraum) und was die Polizei zählt (Einsätze am Boden), sind drei verschiedene Datensätze, die sich nur partiell überschneiden.
Wie Bayern und der Bund reagieren
Bayern hat im April 2026 das Drohnenkompetenz- und -abwehrzentrum (DKAZ) in Erding in Betrieb genommen – eine spezialisierte Einheit der Bayerischen Polizei für Detektion und Abwehr. Am Flughafen Nürnberg sollten zum 1. September 2026 18 neue Einsatzkräfte ihren Dienst antreten und die Gesamtstärke auf 121 erhöhen. Die Notfallübung am 28. Februar 2026 am Airport – rund 460 Beteiligte, simulierter Zusammenstoß eines Kleinflugzeugs mit einem Vorfeldbus – diente der Probe der Koordination zwischen Flughafen, Polizei und Rettungsdiensten.
Die DFS nimmt Drohnenerkennungssysteme an ausgewählten Flughäfen in Betrieb, darunter Stuttgart und Hamburg. Die technische Aufrüstung ist noch nicht flächendeckend. Am Morgen des 13. Oktober 2026 konnte der Polizeihubschrauber über Nürnberg das gemeldete Objekt nicht verifizieren – ein Ergebnis, das die Grenzen der laufenden Detektionskapazität zeigt.
Die EASA schreibt für Flughäfen Notfallpläne vor, die auch unbestätigte Luftnotlagen abdecken. Notfallevakuierungen von Flugzeugen müssen laut EASA-Vorgaben innerhalb von 90 Sekunden abgeschlossen sein. Wie die Protokolle im Einzelfall greifen, bleibt Sache der nationalen Behörden und des jeweiligen Flughafenbetreibers.
Was als Nächstes ansteht
Die DFS veröffentlicht Halbjahreszahlen und Jahresberichte; der Jahresabschluss für 2026 wird zeigen, ob sich die Beschleunigung der ersten neun Monate fortgesetzt hat oder ob die technische Nachrüstung einzelner Airports die Kurve gedrückt hat. Für den Vorfall in Nürnberg vom 13. Oktober 2026 steht die amtliche Mitteilung über Ursache und Ergebnis des Polizeieinsatzes aus – sie ist der entscheidende Datenpunkt dafür, ob die Luftnotlage mit den morgendlichen Drohnensichtungen zusammenhing oder ein getrenntes Ereignis war.
