Dreierkoalitionen haben in den deutschen Ländern über die letzten zwei Jahrzehnte deutlich an Normalität gewonnen. Was früher – im Zeitalter der Volksparteien – als Notlösung galt, ist heute das dominierende Regierungsmodell. Der Anlass aus Berlin – die Unterbrechung der Sondierungen zwischen Grünen, SPD und Linken am 13. Oktober 2026 – macht sichtbar, was dieses Modell strukturell von einer Zweierkoalition unterscheidet: Drei Partner bedeuten drei Vetopunkte, drei Parteibeschlüsse, drei Sondierungslogiken.
Was in den 16 Ländern regiert
Nach dem aktuellen Stand regieren in einer Mehrheit der Bundesländer Drei-Parteien-Bündnisse. Zweierkoalitionen sind – gemessen an den Mandatsverhältnissen – heute seltener als Dreierkoalitionen. In Schleswig-Holstein führt Daniel Günther (CDU) eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen, in Thüringen wurde nach der Landtagswahl 2024 eine Konstellation aus CDU, BSW und SPD unter Mario Voigt (CDU) gebildet – mit hauchdünner Mehrheit und dem BSW als Akteur. Sachsen-Anhalt wiederum führt seit 2021 ein Dreierbündnis aus CDU, SPD und FDP unter Ministerpräsident Sven Schulze (CDU). Die dortige Regierung bleibt insofern ein Sonderfall, als sie ein Lager vereint, das auf Bundesebene gespalten ist.
Berlin steht nach der Abgeordnetenhauswahl vom 20. September 2026 vor der Aufgabe, ein Dreierbündnis aus Linken (25,7 Prozent), Grünen und SPD zu bilden. Die drei Parteien verfügen gemeinsam über 91 von 153 Sitzen – eine klare rechnerische Mehrheit. Was rechnerisch einfach wirkt, erwies sich am 13. Oktober 2026 als politisch fragil: Grüne und SPD unterbrachen die Sondierungen, nachdem die Linke bei ihrer konstituierenden Fraktionssitzung einen anderen Text zum Umgang mit Antisemitismus unterzeichnet hatte als zuvor vereinbart. Werner Graf (Grüne) und Steffen Krach (SPD) gaben gemeinsam an, die Linke sei in ihrer Fraktion zu anderen Verabredungen gekommen als vorgesehen.
Warum Dreierbündnisse anfälliger sind
Der strukturelle Unterschied liegt in der Transaktionslogik: In einer Zweierkoalition genügt es, zwei Parteiapparate zur Einigung zu bringen. In einem Dreierbündnis muss jede inhaltliche Vereinbarung von drei Fraktionen gleichzeitig getragen, kommuniziert und intern gegen Widerstand verteidigt werden. Das erhöht die Komplexität nicht linear, sondern überproportional – weil jede Partei ihre eigene Mitglieder- und Mandatslogik mitbringt.
Das Berliner Beispiel illustriert einen Mechanismus, der über den Einzelfall hinausweist: Vor Beginn der Sondierungen hatten sich Grüne, SPD und Linke am 8. Oktober 2026 auf eine achtpunktige Vereinbarung zum Umgang mit Antisemitismus verständigt – als Voraussetzung für die Aufnahme der Gespräche. Dass diese Verständigung durch den fraktionsinternen Beschluss einer der drei Parteien infrage gestellt wurde, zeigt: In Dreierbündnissen ist nicht nur die Koalitionsvereinbarung eine Verhandlungssache, sondern auch der Weg dorthin.
Sachsen-Anhalts CDU-SPD-FDP-Koalition unter Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) liefert ein anderes Muster: Dort hält das Bündnis seit 2021, obwohl die drei Partner – insbesondere CDU und FDP – inhaltlich in wirtschaftspolitischen Fragen erhebliche Spannungen aufweisen. Der Unterschied zu Berlin ist nicht die Arithmetik, sondern das Thema: In Sachsen-Anhalt streiten die Partner über Subventionen und Bürokratie, nicht über moralische Grundsatzvereinbarungen, deren Verletzung einzelne Mandatsträger betreffen kann.
Ostdeutschland: weniger Spielraum, mehr Konstruktion
In den ostdeutschen Ländern ist die Ausgangslage für Koalitionsbildungen strukturell enger. Wo die AfD bei Landtagswahlen regelmäßig zwischen 30 und über 40 Prozent erzielt – wie in Sachsen-Anhalt (Umfragen 2026: rund 41 Prozent für die AfD) oder Thüringen (Landtagswahl 2024: AfD stärkste Kraft) –, bleibt die Zahl demokratisch koalitionsfähiger Partner überschaubar. Daraus folgen Konstruktionen, die politisch weit voneinander entfernte Parteien zusammenbringen.
Thüringens Dreierkoalition aus CDU, BSW und SPD unter Mario Voigt (CDU), gebildet nach der Landtagswahl 2024, ist dafür das prägnanteste Beispiel. Das BSW war bis zur Bundestagswahl 2025 bundesweit im Aufstieg; seit dem Scheitern an der 5-Prozent-Hürde im Februar 2025 ist die Partei im Bundestag nicht mehr vertreten. In Thüringen regiert sie gleichwohl weiter. Das zeigt, wie stark Länderkoalitionen inzwischen von bundesweiten Parteitrends abweichen können.
In Westdeutschland liegt die Ausgangslage anders. Wo keine Partei strukturell vom demokratischen Bündnis ausgeschlossen wird, ist die Arithmetik flexibler – auch wenn Dreierbündnisse dort ebenso komplex zu führen sind. Schleswig-Holstein unter Günther verwaltet die Spannung zwischen CDU, SPD und Grünen seit 2022 mit einer pragmatischen Koalitionslogik, die programmatische Konflikte – etwa in der Klimapolitik – durch Ressortzuschnitte dämpft statt durch inhaltliche Einigung löst.
Was sich aus dem Vergleich lernen lässt
Dreierkoalitionen stellen höhere Anforderungen an die schriftliche Präzision von Vereinbarungen. Das Berliner Modell, vor den Sondierungen eine verbindliche Erklärung zu verlangen, ist aus diesem Grund kein Berliner Sonderweg, sondern eine rationale Antwort auf ein strukturelles Problem: In einem Dreierbündnis ist die Chance, dass einzelne Mandate interne Minderheitspositionen vertreten, schlicht dreimal so groß wie in einem Zweierbündnis. Was als Voraussetzungsverhandlung begann – die Antisemitismus-Vereinbarung vom 8. Oktober 2026 –, wurde am 13. Oktober 2026 selbst zur Konfliktlinie.
Der nächste Schritt für die Berliner Sondierungen hängt davon ab, wie Grüne und SPD die von der Linksfraktion unterzeichnete Erklärung bewerten und ob sie die Vereinbarung der Vorwoche als erfüllt oder als neu verhandelungsbedürftig einstufen. Werden die Sondierungen in der laufenden Woche wieder aufgenommen, ist die Vereinbarung als tragfähig anerkannt. Bleibt die Pause länger bestehen, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Grüne und SPD andere Bündnisoptionen prüfen – auch wenn deren Mehrheitsgrundlage im Abgeordnetenhaus schwächer wäre.
