Die 18 Besatzungsmitglieder der „Able" unter palauischer Flagge wurden gerettet, zwei schwer verletzt.
Der Angriff folgte einem Muster, das sich in den Tagen zuvor vor der rumänischen Küste wiederholte: Am 5. Oktober 2026 traf eine Drohne den Frachter „Royad Mammadov" rund 30 Seemeilen südlich von Sfântu Gheorghe im Donaudelta, innerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszone Rumäniens. Zwei Seeleute starben, elf wurden gerettet. Das rumänische Innenministerium koordinierte die Rettung. Innerhalb von 48 Stunden versanken damit zwei Frachter in den Wirtschaftszonen zweier NATO-Mitglieder.
Was in Bulgariens Meeresgebiet gilt – und wer zuständig ist
Die Ausschließliche Wirtschaftszone – kurz AWZ – bezeichnet das Seegebiet bis zu 200 Seemeilen vom Küstenstaat, in dem dieser nach dem UN-Seerechtsübereinkommen exklusive Nutzungsrechte und Schutzpflichten trägt: Ressourcengewinnung, Umweltkontrolle, Such- und Rettungsverantwortung. Die angegriffenen Schiffe lagen damit in einem Bereich, für den Bulgarien rechtlich zuständig ist – unabhängig davon, welche Flagge sie führten.
Ministerpräsident Rumen Radew sagte nach einer Notstandssitzung der Regierung, dieser Angriff in der bulgarischen AWZ sei „absolut inakzeptabel" und ein „grober Verstoß gegen See- und Völkerrecht". Gleichzeitig räumte er ein, dass die Herkunft der Drohnen – nach Angaben seiner Regierung kamen sie aus dem Meer und aus der Luft – nicht unmittelbar festzustellen gewesen sei. Bulgarien bat die Europäische Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA) um eine Untersuchung der Trümmer.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj machte Russland für die Angriffe verantwortlich. Er sah darin einen weiteren Versuch Moskaus, den westlichen Teil des Schwarzen Meeres für die Schifffahrt untauglich zu machen. Moskau äußerte sich nicht.
Versicherungen und der Preis der Unzuständigkeit
Radew selbst benannte die wirtschaftliche Konsequenz: steigende Versicherungsprämien, erschwerter Handel. Der Londoner Markt für Seeversicherungen – das Joint War Committee – hat das gesamte Schwarzmeer-Gebiet bereits als Hochrisikozone ausgewiesen; Kriegsrisikoprämien für Reisen in diesem Seegebiet sind zuletzt stark gestiegen. Die Attacke auf die bulgarische AWZ dürfte diesen Druck weiter erhöhen.
Laut türkischer Handelskammer für Seefahrt wurden seit Beginn des Ukraine-Krieges 226 zivile und Handelsschiffe im Schwarzen Meer angegriffen, eine Mehrheit davon im Jahr 2026. Die „Able" transportierte Weizen und kam aus dem rumänischen Hafen Galați – Getreideexporte über das westliche Schwarze Meer gehören zu den ökonomisch kritischsten Verbindungen der Region.
Was als Nächstes ansteht
Bulgarien plant eine internationale Initiative zur Sicherheit der Schwarzmeer-Schifffahrt und prüft den Kauf zusätzlicher Flugabwehrsysteme. Die NATO verwies Anfragen zu den Drohnenangriffen an die bulgarischen Behörden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete die Vorfälle als „sehr besorgniserregend", ohne konkrete Schritte anzukündigen.
Ob die EMSA-Untersuchung der Trümmer belastbare Hinweise auf die Drohnenherkunft liefert, wird in den nächsten Wochen zeigen, ob Bulgarien und seine Partner die Täterschaft öffentlich benennen – oder ob der Vorfall im diplomatischen Nebel bleibt. Der NATO-Oberbefehlshaber, US-General Alex Grynkewich, hatte bereits im September 2026 gefordert, Mitgliedsstaaten sollten Verantwortliche für Drohnenangriffe öffentlich benennen, sobald ausreichend Belege vorlägen.
