Die Ablehnung gilt als Prinzipientreue. Netanjahu erklärte, die israelische Armee werde keinen Rückzug vollziehen, bis die Hamas vollständig entwaffnet sei – nicht nur schwere Waffen, wie der Plan vorsah, sondern alle Waffen, bis zur letzten Kalaschnikow. Die Hamas hat dem Plan im Wesentlichen zugestimmt, die Entwaffnung aber an Bedingungen geknüpft: Abzug der israelischen Armee, Gründung eines palästinensischen Staates. Ein Zirkelschluss, der sich im Nahen Osten gut bewohnen lässt.

Die stärkste Version des israelischen Arguments lautet so: Jede politische Einigung, bevor die Hamas militärisch handlungsunfähig gemacht wurde, gibt der Organisation Zeit und Raum zur Reorganisation. Der Abzug ohne Entwaffnung ist kein Friedensabkommen, sondern eine Pause. Die Geschichte der Region liefert Material für diese These – jeder Waffenstillstand, der die Hamas intakt ließ, hat sie gestärkt. Wer dauerhafte Sicherheit will, muss die Bedingung dauerhafte Sicherheit stellen, nicht eine vorläufige. Das ist kein Fanatismus, das ist Logik.

Gut darin, diese Lage zu benennen. Deutlich schwächer darin, die Rechnung vollständig aufzumachen.

Denn gegen das Entwaffnungs-Axiom steht ein Befund, den israelische Militäroffiziere gegenüber israelischen Medien selbst formuliert haben: Netanjahu könnte Eskalation strategisch nutzen, um Wahlen zu verzögern. Das ist kein antiisraelisches Narrativ, das ist ein Verdacht aus den eigenen Reihen. Der Premierminister steht vor Gericht – Korruption, Bestechung, Vertrauensbruch –, und die politische Arithmetik seiner Koalition ist unmissverständlich: Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich sitzen in der Regierung, weil sie sitzen. Verlässt Netanjahu die Maximalposition, verlässt die Koalition ihn. Nicht nach einem Friedensvertrag. Sofort.

Das ist das Effizienzproblem dieses Blockade-Kalküls. Nicht moralisch, politisch-rechnerisch: Eine Strategie, die vor allem der Amtskontinuität dient, produziert Kosten, die über den nächsten Wahltermin hinausreichen. Acht mehrheitlich muslimische Staaten haben Israels Ablehnung öffentlich kritisiert. Die Normalisierungs-Agenda, auf die die Region drei Jahre lang hingearbeitet hatte, läuft auf Eis. Das Bündniskapital bei denjenigen arabischen Regierungen, die eine israelisch-arabische Sicherheitsarchitektur als Alternative zur iranischen Hegemonie hätten tragen können, schmilzt. Und in Washington hat Trump, der Israel den Plan als „historische Vereinbarung" angedient hatte, inzwischen selbst eine Einstellung der Bombardierung gefordert – was zeigt, wohin die Duldungsbereitschaft des einzigen verbleibenden strategischen Partners driftet.

Die Entwaffnungsforderung ist kein Operationsplan. Es gibt keine Antwort auf die Frage, wie vollständige Entwaffnung einer bewaffneten Bewegung in einem dicht besiedelten Stadtgebiet ohne politische Eigenverantwortung der palästinensischen Bevölkerung durchgesetzt werden soll. Wer das als Vorbedingung stellt, stellt eine Vorbedingung, die sich nicht erfüllen lässt. Das ist nicht Sicherheitspolitik. Das ist ein Vetorecht, verkleidet als Sicherheitspolitik.

Netanjahu hat 2024 versprochen, die Hamas zu zerstören. Gaza ist heute nicht befriedet – die Hamas ist geschwächt, nicht zerstört, und Israels internationale Stellung ist schlechter als vor dem 7. Oktober 2023. Kushner reiste nach Kairo und Jerusalem und kam mit leeren Händen zurück.

Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, liegt nicht in Gaza. Sie liegt in Jerusalem, in einem Koalitionsvertrag, der Frieden nicht überlebt.