Der Brief kam aus Washington, und er kostete Geld. Ab dem 22. Juli 2026 erhebt die US-Regierung 25 % Zusatzzoll auf brasilianische Waren — Rindfleisch, Kaffee, Flugzeugteile und Stahl ausgenommen, der Rest trifft es. Ursprünglich hatte die Trump-Administration 50 % angedroht, mit einer Begründung, die zwei Ebenen vermischte: formell eine Section-301-Untersuchung, die Brasiliens Ethanolmarkt, sein Bezahlsystem Pix und Bedenken zu organisierter Kriminalität als Handelshemmnisse einstufte; informell der Druck auf Brasília wegen des laufenden Strafverfahrens gegen Ex-Präsident Jair Bolsonaro.
Lula antwortete in der Tonlage, die er seit Jahren pflegt — laut, moralisch aufgeladen, auf das internationale Publikum zugeschnitten. Er bezeichnete die US-Maßnahmen als „Zoll-Erpressung", beantragte offizielle Konsultationen bei der WTO und kündigte Gegenmaßnahmen an. Der Industrieverband CNI hatte bereits Mitte Juli gewarnt, dass mehr als ein Drittel der Exporte in die USA betroffen sein könnten. Ende des Monats trafen sich Vertreter beider Seiten zu ersten Gesprächen — Ergebnisse lagen bis Redaktionsschluss nicht vor.
Wohin läuft die Person? Lula bewegt sich in Richtung einer zunehmend defensiven Außenpolitik. Er hat die BRICS-Bühne als Gegengewicht zu Washington aufgebaut — Entdollarisierung, Allianz des globalen Südens, Kritik am Protektionismus — aber diese Architektur schützt ihn nicht vor konkreten Zöllen. Das Treffen mit US-Vertretern zeigt, dass Lula parallel zur rhetorischen Konfrontation den Verhandlungskanal offenhält. Er weiß, dass Brasilien mit einem Wachstumspfad von rund zwei Prozent und einem Leitzins von zuletzt 14,25 % keinen langen Handelskrieg tragen kann. Die Trajektorie ist die eines Mannes, der mit einer Hand gegen Washington wettert und mit der anderen die Schadensbegrenzung organisiert.
Echter Beitrag: Die Entwaldungszahlen sind real und substanziell. Zwischen August 2025 und Juli 2026 wurden laut Satellitendaten 2.874 Quadratkilometer Regenwald zerstört — 37 % weniger als im Vorjahr, der niedrigste Wert seit zehn Jahren. Dahinter steckt ein Bündel aus verschärfter Strafverfolgung, gestärkter Umweltbehörde Ibama und politischem Willen, der sich von der Vorgängerregierung unter Bolsonaro messbar unterscheidet. Auch der Stopp der Pläne für einen massiven Ausbau von Wasserwegen im Amazonasgebiet, den die Regierung im Februar 2026 verfügte, zählt hierher. Wer diese Zahlen wegdiskutiert, diskutiert an der Realität vorbei.
Irrelevantes: Lulas BRICS-Rhetorik — die Aufrufe zur BRICS-Handelswährung, die Reden über eine neue Globalisierung, die Appelle an den globalen Süden — hat im Bilanzmonat keine messbare Wirkung auf den Handelskonflikt mit Washington gehabt. Die BRICS-Staaten repräsentieren zwar 40 % des globalen BIP nach Kaufkraftparität, aber keine dieser Positionen hat die US-Zölle verhindert oder auch nur verzögert. Das bleibt Betrieb ohne bleibende Wirkung für diesen Zeitraum.
Pose & Klamauk: Am 17. Juli 2026 verabschiedete der brasilianische Kongress das Umweltlizenzgesetz — ein Gesetz, das Prüfmechanismen für Großprojekte durch Selbsterklärungsverfahren ersetzt. Umweltorganisationen, darunter der WWF und Amazon Watch, nannten es einen Rückschritt., Lula hatte 15 Tage Zeit für ein Veto. Ob er es einlegte, war bis Redaktionsschluss nicht belegt. Hier liegt die eigentliche Probe: Ein Präsident, der in jedem Auftritt die Rettung des Amazonas als sein historisches Projekt beschreibt, muss sich an dem messen lassen, was er tut, wenn ein Gesetz seinen Schreibtisch erreicht. Die Entwaldungszahlen zeigen, dass er liefern kann. Das Schweigen zum Lizenzgesetz zeigt, wo die Grenzen seiner Macht — oder seines Willens — liegen. 2019 nannte Lula den Amazonas das „Erbe der Menschheit". Im Juli 2026 wartete er.
Die Wahlkampflogik überlagert das alles. Datafolha wies am 24. Juli 2026 für die erste Runde 40 % für Lula, 32 % für Flávio Bolsonaro aus; in einer simulierten Stichwahl 48 zu 43. Quaest kam Mitte Juli auf ähnliche Werte. Die Zustimmung zu Lulas Regierungsarbeit — 49 % Zustimmung, 48 % Ablehnung — beschreibt einen Präsidenten, der in einem Land mit einer Arbeitslosenquote von 5,8 % und robusten Löhnen regiert, aber keine Begeisterung erzeugt. Sein stärkstes Argument ist nicht seine Bilanz, sondern sein Gegenüber: Flávio Bolsonaro trägt den Namen eines Vaters, der bis 2030 nicht kandidieren darf.
Die Schere zwischen dem, was Lula sagt, und dem, was der Kongress beschließt, ist nicht neu — sie ist das Strukturmerkmal seiner dritten Amtszeit. Er regiert ohne stabile parlamentarische Mehrheit, in einem System, in dem der Kongress mehrheitlich von Kräften kontrolliert wird, die den Agrarsektor vertreten. Die Entwaldungserfolge hat er gegen diesen Kongress durchgesetzt — durch Verwaltungshandeln, nicht durch Gesetzgebung. Das Umweltlizenzgesetz hat der Kongress trotzdem verabschiedet. Lulas Antwort darauf ist das Maß dieser Amtszeit.
