Yuval Abraham und Rachel Szor haben ihren Dokumentarfilm kurz vor Festivalbeginn in den Wettbewerb gebracht. Das Kurz-Kürzel „Naza" — abgeleitet aus dem Hebräischen für „erwartet" oder in der militärischen Verwendung für „Naza'at" — bezeichnet eine interne Bewertungsgröße: Wie viele Zivilisten darf ein Angriff töten, damit er genehmigt wird? Der Film beantwortet diese Frage nicht abstrakt, sondern mit Stimmen. Vierundzwanzig ehemalige oder aktive Angehörige des israelischen Militärs und Geheimdienstes sprechen, anonymisiert durch veränderte Stimmen und abgewandelte Gesichter, über Entscheidungsabläufe, Befehlsketten, über Momente, in denen die Zahl „Naza" höher angesetzt wurde als zunächst geplant.

Was in Venedig folgte, war erstens ein Preis und zweitens eine Messung.

Das Venediger Urteil und sein Maßstab

Die Jury der 81. Internationalen Filmfestspiele lobte „Naza" für seine „frische Geschichte" und die „mutige filmische Darstellung eines laufenden Konflikts". Das ist Festivaljargon, der mehr verbirgt als er sagt — gemeint ist: Das Stück nimmt sich das Recht heraus, Kriegsmechanik von innen zu zeigen, bevor der Krieg abgeschlossen ist und Aufarbeitung politisch zumutbar geworden wäre. Die stehenden Ovationen von 25 Minuten werden als Rekord gehandelt; ob das stimmt, ist nicht unabhängig nachprüfbar.

Entscheidender ist, was die Preisverleihung auslöste. Yuval Abraham sprach bei der Zeremonie davon, dass Israel allein während der rund zehntägigen Festivaldauer sechs Kinder in Gaza getötet habe. Das war ein Statement, kein Filmtitel. Die Reaktionen in Israel begannen noch in derselben Nacht.

Der Kürzel und die Konsequenz

Zohar nannte die Regisseure „Verräter" und kündigte an, Schritte zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft einzuleiten. Ben-Gvir forderte sie auf, das Land zu verlassen. Netanjahu sprach von „weltweiter antisemitischer Hetze aus Israels Mitte" — eine Formulierung, die semantisch das Innere zum Feind erklärt. Der Generalstabschef ordnete die Prüfung möglicher rechtlicher Schritte an, unter dem Vorwurf der Verbreitung falscher Behauptungen und möglicher Gefährdung der Sicherheit von Soldaten.

Die IDF wiederum bestreitet nicht, dass ein Bewertungssystem namens „Naza" existiert; sie bestreitet, dass der Film es korrekt darstellt. Die interviewten Personen seien anonym und deren Funktion nicht verifizierbar — also sei der Inhalt unbelegt. Das ist ein juristisch nachvollziehbares Argument. Es ist auch das einzige im Bewerbungsverfahren, das sachlich geblieben ist.

Staatsbürgerschaft als Sanktion — was das Recht dazu sagt

Das israelische Staatsbürgerschaftsgesetz enthält Aberkennungsklauseln, die historisch selten angewandt wurden. 2022 bestätigte der Oberste Gerichtshof eine Rechtsgrundlage für die Aberkennung, 2023 wurde das Gesetz auf Terrordelikte ausgeweitet. Ob die Veröffentlichung eines Dokumentarfilms — selbst eines, der auf nicht autorisierten Interviews mit Sicherheitspersonal basiert — unter diese Tatbestände fällt, ist juristisch unentschieden. Naama Lazimi, Abgeordnete der oppositionellen Arbeitspartei, bezeichnete Zohars Forderung öffentlich als Wahnsinn. Einschätzungen unabhängiger Juristen darüber, wie aussichtsreich das Verfahren wäre, liegen nicht vor — die Recherchelage ist hier blank.

Das macht die Drohung zu etwas anderem als zu einem konkreten Rechtsverfahren: zu einer politischen Botschaft. Wer diesen Film gemacht hat, wird bestraft — nicht unbedingt durch das Gericht, sondern durch das Signal.

Der Mechanismus hinter der Reaktion

Hier liegt die analytisch interessante Verschiebung. Die israelische Regierung stützt einen erheblichen Teil ihrer internationalen Legitimation auf den Hinweis, dass Israel eine Demokratie mit funktionierender Justiz, freie Presse und kritische Öffentlichkeit sei. Der Film „Naza" ist, wenn man ihn so lesen will, ein Beleg für genau das: Staatsbürger mit Zugang zu militärischen Kreisen machen einen Dokumentarfilm über Entscheidungsabläufe im Krieg, nehmen ihn mit nach Venedig und gewinnen einen Preis.

Die Reaktion der Regierung behandelt ihn als Gegenteil davon — als Angriff auf den Staat, nicht als Ausdruck seiner offenen Struktur. Diese Gegenüberstellung ist nicht das Urteil des Stücks, sondern seine beschreibbare Spannung: Demokratie-Anspruch auf der einen Seite, strafrechtliche Androhung gegen Filmemacher auf der anderen.

Ob das ein Sonderfall ist, der aus der Extremsituation eines laufenden Krieges folgt, oder ein Muster, das unabhängig vom Krieg gilt, zeigt sich an einer prüfbaren Folgefrage: Wird die israelische Justiz das Ausbürgerungsverfahren förmlich einleiten, und wenn ja, welche Anklage liegt vor? Sollte kein förmliches Verfahren folgen, bleibt Zohars Ankündigung politische Rhetorik. Sollte eines eingeleitet werden, wäre es das erste seiner Art gegen Künstler in Israel — und würde die Maßstäbe des Obersten Gerichtshofs von 2022 und 2023 erstmals auf dokumentarische Arbeit anwenden müssen.

Was der Titel trägt

Dass ausgerechnet das Kürzel der Opferkalkulation zum Filmtitel wird, ist keine ästhetische Entscheidung ohne Absicht. Es macht den bürokratischen Begriff zum ersten Wort, das das Publikum hört und liest. Die Filmemacher haben sich damit nicht für eine neutrale Beschreibung entschieden, sondern für eine Eröffnungsthese: Der Krieg hat eine Verwaltungssprache, und diese Sprache ist das Erste, was man kennen muss.

Ob die 24 anonymisierten Interviews das einlösen, was der Titel verspricht — belastbare Einblicke in reale Entscheidungsabläufe statt subjektive Erinnerungen nicht verifizierbarer Quellen —, ist die offene Frage, die weder Venedigpreis noch Regierungsempörung beantwortet. Sie wäre die Voraussetzung dafür, den Film als Dokument zu lesen, nicht nur als Dokument eines Konflikts.

In drei Monaten lässt sich messen, ob ein förmliches Ausbürgerungsverfahren eingeleitet wurde und ob die IDF Anklage erhoben hat. Bleibt beides aus, hat die israelische Regierung einen Film öffentlich als existenzielle Bedrohung behandelt — und ihn dann laufen lassen.