Im FIFA-Rat, dem DFB-Präsident Bernd Neuendorf angehört, wurden vor den WM-Vergaben 2030 und 2034 einstimmig Maßnahmen beschlossen, die eine Doppelvergabe ermöglichten und eine Blockwahl vorsahen. Einstimmig heißt: ohne Gegenstimme, also auch mit Neuendorf. Wenig später nannte derselbe Neuendorf das Vertrauensverhältnis zur FIFA-Führung „zerrüttet”.
Das ist der Mechanismus, den dieses Stück beschreiben will — nicht die Frage, ob Infantino ein schlechter Präsident ist, sondern die Frage, warum die Kritik an ihm folgenlos bleibt.
Der Kongress als Kulisse
Bei Infantinos Wiederwahl 2023 in Ruanda wurde per Applaus abgestimmt. Infantino trat ohne Gegenkandidaten an. Der DFB verweigerte seine Unterstützung — eine der wenigen Ausnahmen unter 211 Mitgliedsverbänden. Diese Geste ist dokumentiert und real. Sie ist aber auch das Maximale, was ein einzelner Verband in dieser Architektur tun kann, wenn kein Gegenkandidat existiert.
Die FIFA-Statuten sehen vor, dass der Kongress das oberste Organ ist. In der Praxis bedeutet das: Wer die Mehrheit der Verbände hält, hält die FIFA. Infantino hält sie — gestützt auf Verbände aus Südamerika, Afrika und Asien, die von den Forward-Zahlungen direkt abhängen. Das Forward-Programm stieg unter Infantino von bis zu 5 auf bis zu 8 Millionen US-Dollar pro Verband und Zyklus. Es ist das Instrument, mit dem Loyalität institutionell abgesichert wird. Keine Korruption im engeren Sinne — sondern ein strukturell angelegtes Abhängigkeitsverhältnis, das im Regelwerk steht.
Europäische Verbände profitieren anders: über Abstellungsgebühren für WM-Turniere, über Vermarktungseinnahmen, die durch die WM-Maschinerie mitlaufen. Der FC Bayern erhielt für die WM 2026 rund 2,3 Millionen Euro Ausgleichszahlung. Vervielfacht man diesen Betrag über alle abgestellten Bundesliga-Spieler, ergibt sich eine stille Einnahmequelle, die nirgends als „FIFA-Geld” bilanziert wird, aber FIFA-Geld ist.
Was Watzke sagt — und was er nicht sagt
Watzkes drei Kritikpunkte vom 17. September 2026 in Berlin sind konkret: der FIFA-Friedenspreis für Donald Trump, die Aussetzung der Sperre für Folarin Balogun während der WM, und der zurückgezogene Plan, WM-Rechte für Milliardensummen an Investoren aus dem Trump-Umfeld zu verkaufen. Den letzten Punkt nannte Watzke „völlig wahnsinnig” — und ergänzte, dass weder FIFA-Vizepräsidenten noch das Council davon gewusst hätten.
Das ist eine ernste Kritik. Sie trifft die Governance-Frage im Kern: Wenn der Präsident einer Organisation mit 7,568 Milliarden Dollar Einnahmen im Vierjahreszeitraum 2019–2022 Deals vorbereitet, ohne seine eigenen Aufsichtsgremien zu informieren, funktioniert die interne Kontrolle nicht.
Was Watzke nicht sagt: welchen Mechanismus er für realistisch hält, Infantino tatsächlich abzulösen. Er schließt eine Boykottdrohung für künftige WM-Turniere aus. Er hofft auf „Selbsterkenntnis”. Die UEFA prüft eine Strafanzeige in der Schweiz im Zusammenhang mit dem Investorenplan — das ist das schärfste verfügbare Instrument, und es liegt nicht bei Watzke, sondern beim Verband.
Die Statuten-Frage
Parallel dazu argumentiert die Menschenrechtsorganisation FairSquare, dass eine vierte Amtszeit Infantinos — die Wahl ist für März 2027 angesetzt — statutenwidrig sei: Seine erste Amtszeit von 2016 bis 2019, in der er das Amt von Sepp Blatter übernahm, müsse als volle Amtszeit zählen. Das ist strittig; die genaue Auslegung ist Gegenstand juristischer Prüfung. Fest steht: Der DFB hat seit 2020 keinen dokumentierten Antrag zur Amtszeitbegrenzung beim FIFA-Kongress eingebracht. Die Forderung nach Begrenzung blieb im Modus der Verlautbarung — kein Drucksachendokument, kein offiziell protokollierter Antrag.
Die UEFA hat eine andere Strategie angekündigt: Sie will für 2027 einen Gegenkandidaten aufstellen. Das ist der einzige Weg, der in der Logik des FIFA-Statuts eine echte Wahl erzwingt. Zehn europäische Verbände haben Infantino bereits offiziell ihre Unterstützung entzogen. Ob das reicht, entscheidet sich nicht in Berlin, sondern in Dakar, Buenos Aires und Kuala Lumpur.
Was sich daran ablesen lässt
Die FIFA-Kritik aus Deutschland folgt einem erkennbaren Muster: Verbale Schärfe nach innen, institutionelle Zurückhaltung nach außen. Neuendorf stimmt im FIFA-Rat einstimmigen Beschlüssen zu, die die Machtkonzentration festigen, und fordert anschließend das Ende des Systems Infantino. Watzke sitzt im UEFA-Exekutivkomitee, das mit der FIFA verhandelt, und fordert den Rücktritt des Gegenübers.
Das ist kein Widerspruch, den man moralisch auflösen müsste — es ist ein struktureller Befund. Wer in einer Architektur mitspielt, deren Regeln der andere schreibt, hat begrenzte Hebel. Die ehrlichere Frage wäre, ob die deutschen Vertreter die Hebel nutzen, die sie haben: Antragstellung, Kandidatensuche, Boykottdrohung als letztes Mittel. Bislang ist keiner dieser Hebel vollständig gezogen worden.
Ob das an Kalkül liegt oder an der Überzeugung, dass Reden billiger ist als Handeln, wird sich zeigen, wenn die UEFA 2027 tatsächlich einen Gegenkandidaten aufstellt — und Deutschland ihn unterstützt oder nicht. Das ist der Prüfpunkt, an dem sich entscheidet, ob September 2026 ein Anfang war oder eine Kulisse.
