15 Milliarden US-Dollar. So viel erwartet die FIFA als Einnahmen aus der Weltmeisterschaft 2026, mehr als doppelt so viel wie mit der WM 2018 in Russland und knapp doppelt so viel wie mit dem Turnier in Katar vier Jahre später, das 7,6 Milliarden US-Dollar brachte. Der Größensprung erklärt sich aus dem Format: 48 statt 32 Teams, drei Gastgeberländer, 104 Spiele — und Medienrechte, die allein über 4,2 Milliarden US-Dollar einbringen sollen, dazu mehr als 2,8 Milliarden aus Sponsoring und potenziell bis zu drei Milliarden aus Tickets und Hospitality.

Am Ende des Zyklus 2023 bis 2026 sollen voraussichtlich rund sechs Milliarden US-Dollar in den FIFA-Reserven stehen. Das ist die Summe, um die es geht.

UEFA-Präsident Aleksander Čeferin und CONCACAF-Chef Victor Montagliani haben im September 2026 öffentlich eine Sonderausschüttung von je zehn Millionen US-Dollar an alle 211 Mitgliedsverbände gefordert — zusammen 2,1 Milliarden. Zweck, laut Forderung: Infrastruktur und Fußballentwicklung in den Jahren 2027 bis 2030. Zum Vergleich: Das laufende „FIFA Forward"-Programm überweist pro Verband acht Millionen US-Dollar über einen Vierjahreszyklus — die Forderung würde diesen Betrag um 25 Prozent übersteigen.

Bundesliga-Präsident Hans-Joachim Watzke hat die Reserven auf den Punkt gebracht: Die FIFA sitze auf Geld, „der eigentlich uns gehört, den Nationalverbänden". Rechtlich ist das eine Behauptung ohne gesicherte Grundlage. FIFA-Statuten und -Reglemente definieren keine automatische Ausschüttungspflicht; die Entscheidung über Rücklagenverwendung liegt beim FIFA-Rat und letztlich beim Kongress. Juristische Hebel, mit denen UEFA oder CONCACAF eine Zwangsausschüttung erzwingen könnten, sind im Briefing nicht belegt — die Drohung mit einer Strafanzeige gegen Infantino und Forderungen nach einer unabhängigen Finanzprüfung sind politischer Druck, kein eingeklagtes Recht.

Das Stimmgewicht und seine Grenzen

Im FIFA-Kongress gilt: eine Assoziation, eine Stimme. 211 Mitgliedsverbände, 211 Stimmen. Wer 106 davon hält, ist Präsident.

Die Kontinentalverteilung macht Infantinos Kalkulation sichtbar. Afrika (CAF) stellt 54 Verbände, Asien (AFC) 47, Südamerika (CONMEBOL) 10, Ozeanien (OFC) 11 — zusammen 122 Stimmen aus Konföderationen, die strukturell auf FIFA-Entwicklungsgelder angewiesen sind und laut Berichten mehrheitlich hinter Infantino stehen. Europa (UEFA) bringt 55 Verbände, CONCACAF 41. Mathematisch reichen UEFA und CONCACAF gemeinsam für 96 Stimmen — zu wenig für eine Mehrheit gegen ein geeintes Lager aus Afrika, Asien, Ozeanien und Südamerika.

Das ist der strukturelle Kern des Streits: Europa und Nordamerika haben die wirtschaftliche Schlagkraft, aber nicht die Stimmenanzahl. Afrika, Asien und Ozeanien haben die Stimmen, aber erheblichen Finanzbedarf. Dieses Gefälle hat Infantino seit 2016 systematisch bewirtschaftet.

„FIFA Forward" als Machtinstrument

Das „FIFA Forward"-Programm, unter Infantino ausgebaut, überweist Entwicklungsgelder direkt an Nationalverbände — ohne die Kontinentalkonföderationen als Zwischenebene. Das klingt nach Effizienz; es ist auch Architektur. Wer den Direktdraht zu 211 Verbandspräsidenten hält, braucht UEFA und CAF weniger als Vermittler.

Die Forderung von Čeferin und Montagliani, die Ausschüttung auf den Weg zu bringen und unabhängig prüfen zu lassen, wie die Reserven verwaltet werden, zielt genau auf diesen Mechanismus. Wenn 2,1 Milliarden US-Dollar nicht über das FIFA-Forward-Programm unter Infantinos Kontrolle fließen, sondern als verhandelte Sonderausschüttung — auf Betreiben der Konföderationen —, verschiebt sich das Narrativ der Loyalitätserzeugung. Die Verbände in Kamerun, Bangladesch oder Fidschi bekämen dann Geld, das UEFA und CONCACAF erkämpft haben, nicht Infantino.

Anspruch trifft hier auf Wirklichkeit: Čeferin und Montagliani treten als Anwälte der 211 Mitgliedsverbände auf. Tatsächlich sitzen ihre Verbände in Kontinentalregionen, die aus der erweiterten WM-Architektur — mehr Spiele, mehr Qualifikationsrunden, höhere Fernsehgelder in Europa und Nordamerika — überproportional profitieren. Die 2,1-Milliarden-Forderung ist zugleich Umverteilungsrhetorik und Hebel gegen ein Präsidentschaftsprojekt.

Der gescheiterte Investorenplan als Vorzeichen

Infantino hatte versucht, Anteile an kommerziellen FIFA-Rechten für 20 Milliarden US-Dollar an private Investoren zu verkaufen. Der Plan scheiterte — unter anderem am Widerstand europäischer Verbände. In dem Zusammenhang zeigt sich, wie der Streit über Ausschüttungen und der Streit über Investorenbeteiligung dieselbe Logik teilen: Wer kontrolliert, wie die Einnahmen aus dem globalen Fußball fließen und wer an ihnen partizipiert?

Die Antwort ist nicht im FIFA-Statut vergraben, sondern in der Kongressarithmetik. Infantino weiß, dass seine Wiederwahl am 18. März 2027 in Rabat davon abhängt, wie viele der 211 Verbandspräsidenten ihm dankbar sind. Ein Präsident, der sechs Milliarden in den Büchern hält und davon 2,1 Milliarden unter dem Druck der Opposition verteilt, verliert die Kontrolle über die Geschichte dieser Ausschüttung. Verteilt er von sich aus — oder gar nicht —, behält er sie.

Was die nächsten Monate zeigen werden

Ob die FIFA eine unabhängige Prüfung ihrer Reserven zulässt, ist die erste Messgröße. Čeferin und Montagliani haben sie explizit gefordert; Infantinos Reaktion darauf verrät, wie sicher er sich seiner Mehrheit ist. Die zweite Messgröße ist die Kandidatenlage: Tritt jemand gegen Infantino an — und aus welchem Kontinentalverband kommt diese Person? Wer kandidiert, signalisiert damit, wie breit der Riss zwischen den Konföderationen wirklich ist.

Steht bis Ende 2026 kein Gegenkandidat, ist das Ergebnis für März 2027 weniger eine Wahl als eine Akklamation — unabhängig davon, wie laut Čeferin den Rücktritt fordert.