Am 30. April 2026 in Vancouver erklärte Gianni Infantino vor dem 76. FIFA-Kongress, er werde 2027 erneut antreten. Er sagte es kurz und ohne Umschweife, was seine Zuversicht beschreibt: Der Mann braucht keine große Rede, um eine Mehrheit zu haben.

Auf der anderen Seite des Saals – symbolisch wie geografisch – sitzt UEFA-Präsident Aleksander Čeferin, der Infantino für nicht reformierbar hält und seinen Rücktritt fordert. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hält einen Führungswechsel für „zwingend erforderlich". Mehrere europäische Verbände – England, Dänemark, Wales, Schweden, Serbien – haben ihre Unterstützung für Infantino öffentlich zurückgezogen.

Das klingt wie eine Demokratiebewegung. Es ist eine Verhandlung über Verteilungsschlüssel.

Was die UEFA will

Die europäischen Verbände und CONCACAF, der nordamerikanisch-karibische Kontinentalverband, haben Infantino in einem gemeinsamen Schreiben kritisiert – und gleichzeitig eine Forderung formuliert: 10 Millionen Dollar Zusatzauszahlung pro Mitgliedsverband aus FIFA-Mitteln. Bei 211 Verbänden wären das rund 2,1 Milliarden Dollar.

Dieser Betrag steht in direktem Zusammenhang mit Infantinos gescheitertem Investorenmodell. Unter dem Label „FIFA Forward Enterprise" (FFE) hatte er geplant, 20 Prozent der Anteile an künftigen WM-Verwertungsrechten für rund 20 Milliarden Dollar an externe Investoren zu verkaufen. UEFA, AFC und CONCACAF stellten sich quer; der Plan wurde zurückgezogen.

Die Forderung nach 2,1 Milliarden Dollar lässt sich als Gegenentwurf lesen: Nicht Investoren sollen an den WM-Erlösen teilhaben, sondern die Verbände selbst – und zwar anteilig gleichmäßig, unabhängig von Größe oder sportlicher Relevanz. Was als Förderprogramm klingt, ist eine Umverteilungsforderung von Verbänden, die bereits zu den finanziell stärksten im System gehören.

Wo Infantinos Stimmen herkommen

Die FIFA hat 211 Mitgliedsverbände, jeder trägt eine Stimme. Das ist das arithmetische Fundament aller Strategie: Der Verband der Cayman Islands zählt so viel wie der DFB.

Afrika stellt 54 Verbände, Asien 47. Zusammen sind das 101 Stimmen – knapp die Hälfte des Kongresses. Infantino hat diese Blöcke seit 2016 durch das FIFA-Forward-Programm bearbeitet: Für den Zyklus 2023 bis 2026 investiert die FIFA nach eigenen Angaben 2,25 Milliarden Dollar in die weltweite Fußballentwicklung, siebenmal mehr als vor seiner Amtszeit.

CAF-Präsident Samuel Eto'o hat Infantinos Führung verteidigt. Konkrete Stimmzählungen, die belegen, wie viele der 54 afrikanischen Verbände fest hinter Infantino stehen, liegen nicht vor – das Briefing vermerkt diese Lücke ausdrücklich. Bekannt ist: AFC-Präsident Sheikh Salman bin Ibrahim Al Khalifa, der Infantino 2016 bereits einmal herausforderte, kritisierte zwar den FFE-Plan als „inakzeptabel", gilt aber selbst als potenzieller Gegenkandidat – was eine klare Frontstellung von Asien gegen Infantino ausschließt.

Die Kandidatenfrage bleibt offen

Čeferin hat erklärt, selbst nicht kandidieren zu wollen. Nasser Al-Khelaïfi, PSG-Präsident und Chef der European Club Association, wurde gehandelt, hat eine Kandidatur aber ausgeschlossen. Als realistischste Optionen bleiben Victor Montagliani (CONCACAF) und Sheikh Salman. Lise Klaveness, norwegische Verbandspräsidentin, wird genannt, ohne dass dazu belegbare Vorbereitungen bekannt wären.

Montagliani hat sich öffentlich noch nicht festgelegt. Die Bewerbungsfrist läuft bis 18. November 2026 – wer bis dahin keine fünf unterstützende Mitgliedsverbände vorweisen kann, kommt nicht auf den Stimmzettel.

Das ist die strukturelle Schwäche des europäischen Lagers: Es hat eine klare Agenda, einen scharf formulierten Anlass, aber noch keinen Kandidaten, der mehr als europäische Stimmen mobilisieren kann.

Was aus den Governance-Reformen wurde

Infantino trat 2016 mit dem Versprechen an, die FIFA nach der Blatter-Ära zu reformieren. Tatsächlich wurde ein FIFA-Rat eingeführt, Governance-Berichte wurden veröffentlicht, Amtszeitbeschränkungen eingeführt. Das war 2016.

Ein Bericht von FairSquare vom Oktober 2024 zieht eine andere Bilanz: Die FIFA habe zentrale Reformschritte zurückgenommen – die Zahl der Ausschüsse sei erhöht, Amtszeitbeschränkungen in den Konföderationen gelockert worden. Die FIFA hat angekündigt, externe Audits bei Mitgliedsverbänden durchzuführen; öffentlich zugänglich sind diese Berichte nicht.

Versprochen war eine unabhängig kontrollierbare Institution. Was besteht, ist ein intransparentes System mit Rekordeinnahmen: 7,6 Milliarden Dollar im Zyklus 2019 bis 2022, geplant sind 11 Milliarden für 2023 bis 2026.

Ob die UEFA-Kritik auf diese Governance-Defizite zielt, lässt sich am Inhalt ihrer Forderungen messen. Die Hauptforderung lautet: mehr Geld pro Verband. Das ist keine Reformforderung, das ist eine Verteilungsforderung.

Was die Wahl 2027 entscheidet

Der FIFA-Kongress tagt am 18. März 2027 in Rabat. Wer dort gewinnt, braucht mindestens 106 der 211 Stimmen – eine absolute Mehrheit. Ein Gegenkandidat aus dem europäischen Umfeld müsste substanzielle Unterstützung aus Afrika oder Asien organisieren, ohne das dort durch Infantinos Förderprogramme aufgebaute Vertrauen zu unterbieten.

Das ist das eigentliche Problem der UEFA-Strategie: Sie formuliert finanzielle Gegenangebote, aber kein Argument, das in Lagos oder Jakarta überzeugender klingt als Infantinos Entwicklungsschecks. Welche Verbände aus Afrika oder Asien bei welchem Gegenangebot wechseln würden, ist nicht belegt.

Woran man bis März 2027 erkennt, ob sich das Blatt wendet: Ein ernst zu nehmender Gegenkandidat braucht bis November 2026 nicht nur fünf Unterstützer, sondern Zusagen aus mindestens zwei der großen Nicht-Europa-Blöcke. Gelingt das nicht, ist die Wahl keine.