Der Strompreis steigt. Die Kurve knickt genau dort ab, wo die Entscheidung fiel — in Washington, nicht in Brüssel.
Das Abkommen läuft entlang einer Logik, die Europa bekannt vorkommt: Die USA definieren den Sicherheitsrahmen, die Verbündeten füllen ihn aus. Was neu ist: Der Rahmen umschließt diesmal ein Stück europäischen Souveränitätsterritoriums. Grönland ist dänisches Territorium und Dänemark EU-Mitglied — aber das Sicherheitsregime, das dort ab sofort gilt, wurde zwischen Washington, Kopenhagen und Nuuk ausgehandelt. Brüssel saß nicht am Tisch.
Was das Abkommen enthält
Das Vertragswerk vom 22. September ergänzt den dänisch-amerikanischen Verteidigungsvertrag von 1951, hat kein Ablaufdatum und räumt den USA weitreichende Rechte ein: zwei neue Militärbasen in Narsarsuaq im Süden und Mestersvig im Osten der Insel, dazu die Modernisierung der Pituffik Space Base im Nordwesten. Staaten außerhalb der NATO-Allianz werden von militärischen Anlagen ausgeschlossen; Investoren außerhalb von NATO und EU verlieren den Zugang zu sensiblen Wirtschaftssektoren. Der letzte Punkt liest sich wie ein europäischer Zugewinn — de facto beschreibt er eine Entscheidungslogik, die in Washington beginnt und in Nuuk endet, ohne europäische Zwischenstufe.
Regierungschef Jens-Frederik Nielsen nannte das Abkommen eine „Win-Win-Win-Vereinbarung". Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sprach von einem positiven Signal für die NATO und Europa. NATO-Generalsekretär Mark Rutte bezeichnete es als Stärkung kollektiver Sicherheit. Diese Zustimmungsreihe beschreibt auch das politische Dilemma: Wer das Abkommen öffentlich kritisiert, stellt sich gegen die Darstellung aller Unterzeichner. Brüssel schwieg deshalb nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus einer Lage, in der Widerspruch politisch teuer und strategisch folgenlos gewesen wäre.
Wo die EU-Strategie steht
Die EU-Arktis-Strategie, zuletzt 2021 aktualisiert, formuliert drei Schwerpunkte: Klimaschutz, nachhaltige Entwicklung und internationale Zusammenarbeit. Militärische Eigenständigkeit ist in ihr nicht vorgesehen — das war 2021 Absicht, heute ist es Schwäche. Das Europäische Parlament hat in einem Briefing-Papier von 2026 eine stärkere strategische Dimension der Arktispolitik gefordert, ohne dass daraus konkrete Beschlüsse folgten.
Das Partnerschaftspaket über 200 Millionen Euro für 2026/2027, das Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa Mitte September in Grönland ankündigten, zielt auf kritische Rohstoffe, erneuerbare Energien und Infrastruktur. Die Verdoppelung der EU-Mittel in künftigen Haushalten ist in Aussicht gestellt, aber nicht beschlossen. Zum Vergleich: Kanada kündigte 2026 rund 22,3 Milliarden Euro für seine eigene Arktis-Militärpräsenz an. Die EU-Summe liegt in einer anderen Größenordnung — und adressiert eine andere Kategorie von Problemen.
Der Kontrast ist einfach zu ziehen: Die EU verspricht Investitionen in Rohstoffinfrastruktur, die USA errichten Militärbasen. Beides verändert Grönland. Nur einer der beiden Akteure legt dabei fest, wer Zugang hat.
Das Rohstoff-Problem
Grönland verfügt über erhebliche Vorkommen Seltener Erden, die für Batterien, Windturbinen und Halbleiter benötigt werden — und damit für die europäische Energie- und Industriewende relevant sind. Dass der Zugang für EU-Investoren formal offen bleibt, ist dem Abkommen zu verdanken. Dass er real so offen ist, wie die Vertragssprache suggeriert, ist eine andere Frage.
Denn der Ausschluss von Investoren außerhalb von NATO und EU ist eine Negativ-Definition: Er sagt, wer nicht darf, nicht, wie europäische Unternehmen tatsächlich operieren können. Dazu kommt eine strukturelle Hürde, die mit dem Abkommen nichts zu tun hat: Nur etwa ein Prozent der Rohstoffprojekte in Grönland erreicht Förderreife — die Kombination aus Permafrost, Logistikkosten und Umweltauflagen macht Grönland für Bergbaukonzerne kommerziell unattraktiv. Die strategische Notwendigkeit, Seltene Erden zu sichern, und die wirtschaftliche Unlust, sie unter diesen Bedingungen zu fördern, klaffen weit auseinander.
Was die Proteste sagten — und was daraus wurde
Im Januar 2026 gingen in Nuuk und in dänischen Städten Tausende auf die Straße, unter dem Motto „Hände weg von Grönland". Es waren nach Medienberichten die größten Proteste in der Geschichte Grönlands. Der Unmut richtete sich gegen Trumps Annexionsrhetorik — nicht gegen eine verstärkte US-Militärpräsenz grundsätzlich. Diese Unterscheidung ist analytisch wichtig: Das Abkommen vom September 2026 ist das politische Gegenstück zu den Protesten, nicht ihre Negation. Dänemark und Grönland wollten keine US-Übernahme — sie haben einem US-Sicherheitsvertrag zugestimmt. Das ist nicht dasselbe. Es ist aber auch nicht der Status quo von 2024.
Was die Lage für europäische Arktis-Interessen bedeutet
Die Frage, ob europäische Souveränität im hohen Norden noch jenseits amerikanischer Doktrinen existiert, lässt sich präziser stellen: Europäische Interessen sind im Abkommen formal berücksichtigt — EU-Investoren sind nicht ausgeschlossen. Europäische Entscheidungsgewalt über den Sicherheitsrahmen, in dem diese Interessen verfolgt werden, ist im Abkommen nicht vorgesehen. Das sind zwei sehr verschiedene Dinge.
Ob die EU-Arktis-Strategie diesen Unterschied in der nächsten Revision adressiert, zeigt sich an einer binären Frage: Enthält die aktualisierte Strategie eine eigene Sicherheitskomponente mit realen Kapazitäten — oder bleibt es bei der Formel „nachhaltige Entwicklung und internationale Zusammenarbeit"? Daran lässt sich in zwölf Monaten ablesen, ob Brüssel die Lage anders bewertet als 2021.
