Wir haben die Pressemitteilungen des Bundeskanzleramts für September 2026 durchgesehen. Wir haben das Dokumentationssystem des Deutschen Bundestages nach Kabinettsinitiativen der letzten 30 Tage abgefragt. Und wir sind auf ein grundsätzliches Problem gestoßen, das diesen Zeitraum charakterisiert: Der Bundeskanzler hat mehr geredet als eingebracht.

Das ist keine Polemik. Es ist eine Beobachtung aus dem Material.

Vorspann

Friedrich Merz führt seit dem 6. Mai 2025 die Bundesregierung — eine schwarz-rote Koalition aus CDU/CSU und SPD, mit Lars Klingbeil als Vizekanzler und Bundesfinanzminister. Er trat an mit dem Versprechen, Deutschland aus der Rezession zu führen, Bürokratie abzubauen, Wachstum zu erzeugen. Wer ihn im Juli 2026 in seiner Regierungserklärung hörte, hörte Steuerentlastungen, Befristungsflexibilisierung, zehn Milliarden Euro Entlastung durch Bürokratieabbau. Wer die vergangenen 30 Tage betrachtet — September bis Anfang Oktober 2026 — sieht: ein Wahlergebnis, das den Anspruch beschädigt; eine Konjunkturerzählung, die gegen die Insolvenzzahlen läuft; und einen Kanzler, der auf Erschütterungen mit Ankündigungen reagiert.

Chronik: was in 30 Tagen passiert ist

Am 6. September 2026 verlor die CDU in Sachsen-Anhalt. Nicht knapp. Mit 17,2 Prozent holte sie ihr schlechtestes Ergebnis, das in diesem Bundesland je gemessen wurde. Die AfD gewann mit 43,8 Prozent. Merz bezeichnete das Ergebnis als „zutiefst schockierend" und als die „schwerste Wahlniederlage seit Jahrzehnten". Er kündigte Gespräche mit dem Koalitionspartner SPD an, räumte ein, dass seine Person im Wahlkampf „eine Rolle" gespielt habe, und erklärte, man könne nicht zur Tagesordnung übergehen. Zur Tagesordnung ist er trotzdem übergegangen.

Am 18. September 2026 sprach Merz nach der Kabinettsklausur in Neuhardenberg von Tatkraft und einer Wirtschaft, die aus der Rezession zurückfinde. Neue Maßnahmen zu Klima und Hitze gab es nicht — wie er selbst ankündigte, hatte das Kabinett das auch nicht vorgehabt.

Am 19. September 2026 gratulierte Merz dem Tennisspieler Alexander Zverev auf X zum Sieg bei den US Open. Derselbe Tag: Die Bundesregierung stand in der Kritik, die 40 Milliarden Euro der Vereinigten Arabischen Emirate als handfeste Investitionszusage zu behandeln, obwohl unterzeichnete Vereinbarungen überwiegend Absichtserklärungen darstellen, deren Realisierungsgrad die Bundesregierung selbst nicht beziffern kann.

Ebenfalls September: 12.812 Firmeninsolvenzen im ersten Halbjahr 2026 — der höchste Stand seit 2013. Im Kanzleramt nennt man das eine konjunkturelle Delle. Die Insolvenzforschung nennt es strukturell. Die Unternehmen, die schließen, nennen es gar nichts mehr.

Zuvor, im Mai und Juni 2026, hatte die Bundesregierung die Energiesteuer auf Benzin und Diesel gesenkt — 1,6 Milliarden Euro Haushaltsmittel für eine Entlastung, deren Weitergabe an Verbraucher nicht sichergestellt war. Das Geld ist ausgegeben. Wer davon profitierte, ist nicht belegt.

Bilanz in vier Kategorien

Wohin läuft die Person?

Merz läuft in Richtung einer Erzählung, die er mit seinem Amtsantritt gesetzt hat: Deutschland kehrt zur Vernunft zurück, zur Haushaltsdisziplin, zur Wettbewerbsfähigkeit, zum Anstand in der Migrationsdebatte. Das ist erkennbar und konsistent. Das Problem ist nicht die Richtung. Das Problem ist das Tempo und das Instrument. Merz regiert überwiegend über Sprache. Ankündigungen, Erklärungen, Regierungserklärungen, Kabinettsklausuren. Was daraus wird — im Sinne von verabschiedeten Gesetzen, parlamentarisch beratenen Initiativen, messbaren Politikveränderungen — ist für den Zeitraum der letzten 30 Tage nicht dokumentiert. Die Recherche im Dokumentationssystem des Bundestages ergibt keine konkrete Initiative des Kanzleramts in diesem Zeitraum, die bereits im Bundestag beraten worden wäre.

Echter Beitrag

Das antragslose Kindergeld, das das Kabinett beschlossen hat, ist ein echter Verwaltungsfortschritt: weniger Antragsbürokratie, unmittelbarer Nutzen für Familien. Die degressiven Abschreibungen von bis zu 30 Prozent für Ausrüstungsinvestitionen, eingeführt im Mai 2026, sind ein handfestes Instrument für Unternehmen, die investieren wollen — wenn sie es sich leisten können. Beides sind Maßnahmen aus dem Frühjahr 2026, keine aus den letzten 30 Tagen. Für den Berichtszeitraum ist ein Beitrag, der über Kommunikation hinausgeht, nicht belegbar.

Irrelevantes

Merz' Glückwunsch an Zverev ist kein Politikvorgang. Dass er auf X aktiv ist und Sporterfolge kommentiert, gehört zur Medienpflege eines Kanzlers — und bleibt folgenlos für alles, was in diesem Stück bewertet wird. Der Verweis auf steigende Gründungszahlen und Auftragseingänge als Zeichen der Erholung ist Kommunikation, kein Politikergebnis. Erholung, die ohne Regierungshandeln entsteht, ist kein Verdienst der Regierung.

Pose & Klamauk

Merz bezeichnete das Sachsen-Anhalt-Ergebnis als Erschütterung — und handelte wie jemand, der erschüttert ist, aber nicht weiß, was er ändern soll. Er forderte nach dem Wahlabend „offene Worte" in der CDU. Wer dann auf eine Pressekonferenz mit offenen Worten wartete, hörte: Erschütterung, Gespräch mit dem Koalitionspartner, Konsequenzen werden gezogen. Welche Konsequenzen, von wem, bis wann — das blieb offen.

Die Einschätzung, das Sachsen-Anhalt-Ergebnis habe „Auswirkungen auf die internationale Lage", ist in der Kategorie Pose zu verbuchen. Wer Sachsen-Anhalt zum außenpolitischen Faktor erhebt, lenkt von der Frage ab, warum die CDU dort auf 17,2 Prozent gefallen ist, während er Kanzler ist.

Die Bewerbung der Emirate-Milliarden als Investitionserfolg folgt derselben Logik: Ein Besuch, 29 Vereinbarungen, eine Pressemitteilung — und kein einziger belastbarer Wert darüber, wie viel Kapital tatsächlich geflossen ist. Gut darin, den Rahmen zu setzen. Deutlich schwächer darin, den Rahmen zu füllen.

Was fehlt

Die eigentliche Lücke dieser 30 Tage ist keine der Ankündigung, sondern der Rechenschaft. Merz hat 2026 zum „Aufschwung- und Wachstumsjahr" erklärt. Das erste Halbjahr endet mit dem höchsten Insolvenzstand seit 2013. Die Regierung hat darauf keine neue Maßnahme beschlossen, keine Notlage eingestanden, keine Prognose korrigiert. Sie hat die Erzählung verteidigt.

Das ist eine Entscheidung. Sie kostet Glaubwürdigkeit — langsam, messbar, in Wahlprozenten. Sachsen-Anhalt ist die erste Rechnung. Sie wird nicht die letzte sein.