Am 6. September 2026 endet in Sachsen-Anhalt die fünfjährige Legislaturperiode des Landtags, der am 6. Juli 2021 zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengetreten war. Artikel 43 der Landesverfassung schreibt den Wahltermin im Fenster zwischen dem 58. und 62. Monat nach diesem Datum vor; der 6. September liegt genau darin. Was wie eine verfassungsrechtliche Fußnote klingt, ist in der aktuellen politischen Lage der Rahmen für eine Entscheidung mit Berliner Nachhall.
Die Ausgangslage ist klar beziffert. Eine Umfrage von Infratest dimap vom 23. bis 28. Juli 2026 sieht die AfD bei 41 Prozent, die CDU unter Spitzenkandidat Sven Schulze bei 24 Prozent, Die Linke bei 13 Prozent, die SPD bei 7 Prozent, die Grünen bei 5 Prozent und das BSW bei 4 Prozent. Die FDP liegt auf einem ähnlichen Niveau knapp an der Hürde. Ob BSW und FDP den Sprung in den Landtag schaffen, ist damit der Schalter, der zwischen drei strukturell verschiedenen Szenarien umstellt.
Szenario eins: Knappe Mehrheit ohne AfD
Schaffen SPD, Grüne, BSW und FDP alle oder in ausreichender Kombination den Einzug, wird Regierungsbildung ohne AfD rechnerisch möglich. Die CDU bräuchte dann mindestens zwei dieser Parteien als Partner. Das Modell wäre eine Weiterführung der aktuellen Koalition aus CDU, SPD und FDP — allerdings unter deutlich veränderten Kräfteverhältnissen. Die CDU ginge als kleinerer Sieger hervor; die AfD stellt mit 41 Prozent die stärkste Fraktion, ohne regieren zu können.
Für Friedrich Merz wäre das das günstigste Ergebnis — nicht weil er gewönne, sondern weil er nicht verlöre. Der Beweis, dass die demokratischen Parteien gemeinsam die AfD in Regierungsverantwortung halten können, wäre erbracht. Der bundespolitische Druck ließe nach. Ob dieser Beweis Merz' Reformbilanz stärkt oder lediglich die Stabilisierungserzählung verlängert, ist eine andere Frage.
Szenario zwei: Pattsituation
Schaffen BSW und FDP die Fünf-Prozent-Hürde nicht, schrumpft das rechnerisch verfügbare Spektrum auf CDU, AfD und Die Linke. Beide potenziellen Partner — AfD rechts, Linke links — schließt die CDU in Sachsen-Anhalt aus, Sven Schulze hat das wiederholt bekräftigt, Merz auf Bundesebene ebenso. Eine Minderheitsregierung der CDU, toleriert von wechselnden Mehrheiten, wäre denkbar, aber strukturell instabil.
Das Thüringen-Muster von 2020 taucht in diesem Szenario als Referenz auf — damals führte die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD zu einem politischen Beben, das bis ins Kanzleramt reichte und Angela Merkel zu einer öffentlichen Verurteilung veranlasste, die das Bundesverfassungsgericht später als Verstoß gegen die Chancengleichheit der Parteien beanstandete. Der Unterschied: 2020 war ein einzelner Abstimmungsmoment. 2026 wäre es Strukturzustand.
Für Merz entstünde Dauerdruck: In Berlin regiert er mit der SPD, die erklärt hat, die Abgrenzung zur AfD sei Bedingung für die Koalition. In Magdeburg wäre die CDU auf Gedeih und Verderb auf Wohlverhalten der Linken oder auf Duldung durch die AfD angewiesen — ohne beides explizit zu beabsichtigen. Der Erklärungsaufwand nach Berlin wäre erheblich.
Szenario drei: AfD-Alleinregierung
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat eine Alleinregierung als Ziel formuliert und Koalitionen ausgeschlossen. Ob 41 Prozent dafür reichen, hängt von der Sitzverteilung nach Hürden ab. Scheiden alle Kleinparteien aus und bleibt das Landtagsparlament auf drei Fraktionen reduziert, ist eine absolute Mehrheit der Sitze für die AfD rechnerisch erreichbar.
Dieser Fall hätte keine unmittelbare Wirkung auf die Bundesregierung — Länderwahlen bestimmen keine Bundeskoalitionen, und Merz' Kabinett würde nicht fallen. Die Rückwirkung wäre indirekter, aber schwerer zu managen: symbolisch, demoskopisch, koalitionsintern. Die SPD müsste sich von einem Koalitionspartner distanzieren, der eine AfD-Landesregierung nicht verhindert hat. Merz müsste erklären, wie seine Strategie der klaren Abgrenzung in einem der größten ostdeutschen Flächenländer gescheitert ist. Auf dem CDU-internen Markt der Erzählungen — Merz als Stabilitätsanker gegen den Rechtspopulismus — wäre das eine Preisentwertung.
Was die Schaltflächen sind
Die drei Szenarien laufen auf eine Messgröße zu, die sechs Wochen vor der Wahl noch nicht feststeht: das exakte Abschneiden der Parteien im Bereich zwischen 4 und 6 Prozent. Infratest dimap sieht BSW bei 4 und die Grünen bei 5 Prozent — beides innerhalb der Fehlermargen einer Umfrage. Ein Schwankungsbereich von zwei Prozentpunkten ist in diesem Bereich der Unterschied zwischen Szenario eins und Szenario zwei.
Die CDU Sachsen-Anhalt beobachtet die Bundesebene dabei mit gemischten Gefühlen. Aus der Partei wird signalisiert, dass der erhoffte Rückenwind aus Berlin ausbleibt; die Reformbilanz des Bundes zieht im Wahlkampf nicht so, wie man es sich erhofft hatte. Merz selbst ließ auf Nachfrage offen, welche persönlichen Konsequenzen er aus einem ungünstigen Ergebnis ziehen würde — eine Formulierung, die Spielraum für alle drei Szenarien lässt.
Woran man in drei Monaten erkennt, welches Szenario eingetreten ist: nicht am Erststimmen-Ergebnis am Wahlabend, sondern an der Koalitionsverhandlung danach. Läuft sie — schreiben Beobachter Szenario eins zu. Stockt sie oder führt zu einer Minderheitskonstruktion — Szenario zwei. Findet sie gar nicht statt — Szenario drei.
