Ohne Piste per Raketenstart abheben, über 5.000 Kilometer weit fliegen – das ist mehr als die Luftlinie von Berlin nach Teheran – und Waffen in einem internen Schacht mitführen: So beschreiben Airbus und die Berichte über den Erstflug die U740 Valkyrie. An der Technik ist wenig zu bezweifeln. Zu bezweifeln ist das Wort, mit dem der Erstflug verkauft wird. Ein europäisches Gehirn in einer amerikanischen Zelle ist keine Souveränität. Es ist Arbeitsteilung, und Arbeitsteilung in einer bewaffneten Maschine wirft Fragen auf, die kein Testflug beantworten kann.
Der Erstflug fand Ende September 2026 auf einem Testgelände in Schweden statt. Mike Schoellhorn, Chef von Airbus Defence and Space, begründet das Vorhaben mit einem Satz, der sich schwer widerlegen lässt: „Luftstreitkräfte brauchen in schwierigen Zeiten bezahlbare Verstärkung.“ Der Einwand hat Gewicht. Wer auf eine vollständig europäische Zelle wartet, verschiebt die Verstärkung der Luftwaffe, und die Verstärkung soll bis Ende des Jahrzehnts stehen. Die US-Zelle ist in diesem Argument der kürzere Weg, und Zeit ist selbst eine Fähigkeit.
Die Lesart, die der Erstflug nahelegt, ist eine andere: Europa wird unabhängiger. Dagegen steht die Konstruktion, die die Berichte beschreiben. Der Erstflug gilt als europäischer Schritt, aber die Zelle, in der er stattfand, geht auf die XQ-58 Valkyrie des US-Rüstungsunternehmens Kratos zurück. Das Gehirn ist europäisch. Die Zelle ist amerikanisch.
Was europäisch an ihr ist
Europäisch ist, was die Drohne denkt. Das digitale Gehirn stammt von Airbus, die KI-Software steuert den Jet und soll ganze Drohnen-Schwärme koordinieren können. Industriell ist das eine Leistung, militärisch ein Gewicht: Wer die Software schreibt, legt fest, was die Maschine wahrnimmt und wie sie darauf reagiert. Dieses Gewicht ist real, und es ist der stärkste Teil des Etiketts.
Die Hülle hat einen anderen Ursprung. Die U740 basiert auf der XQ-58 Valkyrie des US-Rüstungsunternehmens Kratos. Die Verbindung von US-Zelle und europäischem Steuerungssystem ist deshalb keine Zutat am Rand, sondern die Konstruktion selbst. Das Gehirn ist europäisch, die Zelle amerikanisch – beides zusammen ist das Produkt.
Mein Maßstab ist nicht die Herkunft der Software, sondern die Kontrolle. Die Demokratie-Achse, an der ich das messe, fragt: Wer entscheidet? Wer kontrolliert? Wer kann eingreifen? Souveränität über eine Waffe heißt, das Gerät im Ernstfall ändern, reparieren oder abschalten zu können. Stellen Sie sich einen Kampfjet mit amerikanischem Triebwerk und europäischer Avionik vor, den ein Ministerium als Schritt zur Unabhängigkeit verkauft. Die Lesart hält, bis das Triebwerk ausfällt.
Wer die Zelle ändern darf
Die Berichte betonen einen Satz, der richtig ist: Trotz hoher Autonomie trifft ein Mensch die Entscheidung über einen Waffeneinsatz. Das ist die richtige Regel. Sie beantwortet aber nur die Frage, wer den Waffeneinsatz freigibt. Wer das System ändert, wenn es nicht mehr passt, beantwortet sie nicht.
Der Bundestag wäre der Ort, an dem diese Frage geklärt werden müsste, und er hat am 14. Oktober 2026 vier 25-Millionen-Euro-Vorlagen gebilligt. Eine davon betrifft die Abwehr von Kleindrohnen durch Netzwerferdrohnen. Die Valkyrie gehört nicht zu dieser Vorlage. Das Parlament hat also Drohnen bewilligt – nur nicht die, über die der Erstflug redet.
Die Antwort aus Airbus-Sicht lautet: Gerade die Verbindung ist das Europäische. Dieser Einwand verdient mehr als ein Achselzucken. Eine Plattform, die schon fliegt, ist schneller als jede Neuentwicklung. Der Bericht selbst liefert das stärkste Argument gegen diesen Kommentar: Unbemannte Systeme prägen das Gefechtsfeld seit dem Krieg in der Ukraine, und entscheidend sei nicht mehr, ob solche Drohnen kommen, sondern wer sie baut und wer die Software beherrscht. Die Software ist wichtig. Wer sie beherrscht, aber die Zelle nicht, beherrscht ein Programm, das auf einer Hülle läuft, die jemand anderes baut.
Der Preis dieser Geschwindigkeit hat einen Adressaten. Airbus verkauft die Drohne als europäischen Schritt und muss sich daran messen lassen, wenn die Zelle mehr bestimmt als das Gehirn. Die Bundeswehr, die bestellt, übernimmt die Abhängigkeit gleich mit.
Wer 2029 einen Begleiter für Kampfjets in Dienst stellt, braucht Soldatinnen und Soldaten, die ihn überwachen, und Verantwortliche, die einen Waffeneinsatz freigeben. Diese Dienstposten sind die Schnittstelle zur Personaldebatte, die dieses Dossier begleitet. Wer die Drohne bestellt, bestellt damit auch die Dienstposten, die sie braucht.
Ich halte es für wahrscheinlich, dass die U740 Valkyrie 2029 in Dienst geht, wenn der Zeitplan hält. Ob sie dann europäisch ist, entscheidet sich nicht auf einem Testgelände in Schweden, sondern in den Ausschüssen des Bundestages. Das Gehirn ist europäisch. Die Zelle ist amerikanisch. Wer dafür zahlt, sollte vorher wissen, wer sie ändern darf.
