Wie Flugzeug und Software zusammenwirken

Die U740 ist eine Arbeitsteilung zweier Konzerne. Die Basis ist die XQ-58 Valkyrie des US-Unternehmens Kratos Defense & Security Solutions. Darauf setzt Airbus sein Missionssystem Multi-platform Autonomous Reconfigurable and Secure, kurz MARS. Airbus nennt es das „europäische Gehirn“ der Drohne. Es soll die Kontrolle über Software, Missionsanwendungen, Daten und Systemhardware in europäischer Hand halten. Die Zelle liefert Kratos, die Entscheidungslogik kommt von Airbus.

Warum Militärs solche Drohnen wollen, zeigt der Krieg in der Ukraine. Dort setzt Russland mit Sprengstoff bestückte Drohnen ein, die den Alltag prägen. Drohnen dienen dort sowohl der Aufklärung als auch als klassische Waffe. Die U740 zielt auf eine andere Rolle: Sie begleitet einen bemannten Jet.

Der Mechanismus lässt sich in drei Schritten erklären. Erstens kann die Drohne autonom operieren. Zweitens ist sie aber vor allem für einen Verbund gedacht: Als Collaborative Combat Aircraft, kurz CCA, begleitet sie einen bemannten Kampfjet, erweitert dessen Sensorik und trägt Waffen. Drittens plant die Bundeswehr eher diesen Verbund mit dem Eurofighter als den Solo-Einsatz. Im Verbund bleibt ein Mensch im bemannten Jet an der Spitze, die Drohne folgt dessen Führung. Dazu hat die U740 einen internen Waffenschacht und Laststationen unter den Tragflächen.

Zuständig sind drei Akteure. Kratos stellt die Zelle her, Airbus das Missionssystem. Abnehmer wäre die Bundeswehr. Das Verteidigungsministerium unter Boris Pistorius (SPD) plant die Beschaffung. Die Luftwaffe müsste die Drohne in ihre Verbände einbinden.

Was der Erstflug belegt

Der Start erfolgte startbahnunabhängig von einer Startplattform. Airbus zufolge kann die Drohne auch von normalen Startbahnen abheben. Im Flug erreichte sie Mach 0,8 und absolvierte Manöver in verschiedenen Höhen und Geschwindigkeiten. Airbus teilte mit, „alle gesetzten Ziele“ seien erreicht worden.

Die Größenordnungen nennt der Hersteller. Die Drohne ist 9,1 Meter lang und hat eine Spannweite von 8,2 Metern. Das ist etwas kürzer als ein Linienbus. Das maximale Abfluggewicht liegt bei rund drei Tonnen, etwa so viel wie zwei Mittelklassewagen. Die Reichweite beträgt über 5.000 Kilometer, die Dienstgipfelhöhe 45.000 Fuß, also rund 13.700 Meter. Diese Werte stammen aus Herstellerangaben.

Hier liegt der Kontrast des Stücks. Airbus preist MARS als Kern der europäischen Souveränität. Beim Erstflug war das System noch nicht installiert. Der Flug zeigte also die Plattform, nicht das Zusammenspiel mit der Software, auf dem der Einsatzwert beruht.

Airbus begründet das Programm mit dem Bedarf der Streitkräfte. Der Chef von Airbus Defence and Space, Michael Schöllhorn, sagte: „In einer zunehmend komplexen und umkämpften Bedrohungslage benötigen Luftstreitkräfte heute bezahlbare Kampfmasse.“ Der Satz beschreibt den Zweck, ob das Programm bezahlbar ist, sagt er nicht.

Den nächsten Testflug mit MARS an Bord will Airbus Anfang 2027 durchführen.

Wo Autonomie beginnt, ist umstritten

„Autonom“ ist kein fester Begriff. Ein Beispiel aus der Debatte zeigt die Grenze. Eine teilautonome Drohne erkennt ein Ziel und bereitet den Angriff selbst vor, ein Mensch gibt ihn aber frei. Die israelische Regierung sieht ihre Harpy-Drohne nicht als autonomes Waffensystem. Sie wertet Funksignale aus, erkennt Radaranlagen oder Ölraffinerien und zerstört sie selbstständig. Der Angriffsmodus muss jedoch vor dem Raketenstart von einem Menschen freigeschaltet werden. Ob solche Systeme als autonom gelten, blieb umstritten.

Die Befürworter von KI im Militär haben ein gewichtiges Argument: Tempo. Durch KI lässt sich die sogenannte Kill Chain, also die Kette von Zielerfassung bis Wirkung, drastisch verkürzen. Entscheidungen fallen schneller. Mindestens 21 deutsche Firmen entwickeln oder integrieren KI dezidiert für militärische Zwecke. Viele davon haben bereits Verträge mit der Bundeswehr. Fachleute halten die Technik weitgehend für eine Blackbox, deren Entwicklung und Überprüfung für die Öffentlichkeit kaum nachvollziehbar sind.

Das Tempo-Argument reicht weiter als die Drohnen selbst. KI-Systeme sollen Konflikte früh erkennen, bewerten und Strategien vorschlagen. Systeme für den schnellen Gegenschlag sollen erkennen, ob ein feindlicher Raketenangriff droht, und Vergeltungsschläge rascher vorbereiten als ein Mensch. Die Gegenposition kommt aus der KI-Forschung selbst. Die Wissenschaftler dort lehnen den Einsatz von KI in militärischen Zusammenhängen ab. Sie warnen vor Destabilisierung und vor einer Eigendynamik von Konflikten. Die Ethikleitlinien der Gesellschaft für Informatik stützen diese Ablehnung. Ihr damaliger Präsident Hannes Federrath räumte zugleich ein, dass sich nicht mehr rückgängig machen lässt, dass in Waffensystemen auch KI steckt. Die Frage verschiebt sich damit von der Grundsatzentscheidung zur Abgrenzung im Einzelfall.

Für die U740 bedeutet das: Ob ein Mensch jeden Waffeneinsatz freigibt, entscheidet sich nicht in der Zelle, sondern im Einsatzkonzept der Bundeswehr und in der Software, die Airbus liefert. Wer diese Grenze ziehen darf, wird also nicht im Flugzeug geklärt, sondern in den Vorgaben für den Verbund.

Was als Nächstes ansteht

Drei Termine und ein Konflikt bestimmen die nächsten Monate. Der erste ist der Testflug mit MARS an Bord, den Airbus für Anfang 2027 plant. Der zweite ist das Ziel der Einsatzbereitschaft 2029, das Airbus und Medienberichte nennen. Der dritte Konflikt liegt im Zeitplan selbst. Medienberichte vom Juli 2026 gehen davon aus, dass sich das Projekt der Jagdbomberdrohnen verzögern dürfte.

Woran man erkennt, wie es ausgeht, lässt sich benennen. Gelingt der Test mit MARS, ist die Software nicht mehr der Engpass. Hält der Termin 2029, wird er in einer Beschaffungsentscheidung der Bundeswehr sichtbar, nicht in Pressemitteilungen. Der Erstflug über Nordeuropa hat gezeigt, dass das Flugzeug fliegt. Ob daraus ein Waffensystem der Bundeswehr wird, steht danach noch aus.